Wirtschaft

Showdown in Wolfsburg VW-Aufsichtsrat will Diess zurechtstutzen

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Herbert Diess ist in der Branche hoch angesehen. Aber mit seinem zuweilen ruppigen, provokantem Ton und seiner manchmal auch als unberechenbar empfundenen Kommunikation eckt er intern immer wieder an.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Hinter den Wolfsburger Konzernmauern brodelt es seit Wochen. Am Donnerstag soll damit Schluss sein. Läuft es gut für Herbert Diess, bleibt er an der Konzernspitze. Alleinherrscher wird er aber nicht mehr sein. Dafür dürfte ein sich abzeichnender groß angelegter Vorstandsumbau sorgen.

Der morgige Donnerstag soll ein Tag der großen Entscheidungen für Volkswagen werden. Auf der Planungsrunde des VW-Aufsichtsrats für Investitionen werden viele, und vor allem viele längst überfällige Entscheidungen - erwartet - darunter auch die zum Verbleib von Vorstandschef Herbert Diess.

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Im Dauerstreit um den seit Wochen angezählten Konzernchef zeichnen sich kurz vor dem Treffen immerhin erstmals konkrete Lösungen ab. Laut Informationen der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" soll Diess im Sommer kommenden Jahres die Führung des wichtigen China-Geschäfts an den bisherigen Chef der Marke VW, Ralf Brandstätter, abgeben. Dieser Posten war vakant, seit der bisherige China-Topmanager Jochem Heizmann Anfang 2019 in den Ruhestand gegangen war. Nachrücken an die VW-Marken-Spitze soll Thomas Schäfer, er war bisher Boss der tschechischen Tochtermarke Skoda.

Laut FAZ soll vor allem die Personalie Brandstätter dafür sorgen, dass Diess einerseits an der Konzernspitze bleiben kann, andererseits aber auch Verantwortung für wichtige Themen abgibt. Gelingt das, hätten sich Betriebsrat, das an Volkswagen beteiligte Land Niedersachsen sowie die Aktionärsfamilien wieder mal zusammengerauft. Brandstätter wurde zwischenzeitlich bereits als Nachfolger für Diess gehandelt.

Auch weitere Wechsel im Vorstand scheinen zwischen den Parteien bereits ausgelotet. Nach "Spiegel"-Informationen soll auch Audi-Vertriebschefin Hildegard Wortmann in das Spitzengremium einziehen. Dieser Posten wird extra neu geschaffen. Bisher hatte Diess auch die Verantwortung für den Vertrieb inne. Wortmann soll in ihrer neuen Funktion auch für neue Mobilitätsdienste zuständig sein. Diess wird demnach also auch hier entmachtet.

Dass Diess seit Wochen angezählt war, hat seinen Grund in den radikalen Sparvorschlägen, die der 63-Jährige im September gemacht hatte, und die zuvor nicht mit dem einflussreichen Betriebsrat abgesprochen gewesen sein sollen. Ein Vermittlungsausschuss des Aufsichtsrats hatte danach mehrmals moderieren müssen, um den reformfreudigen Diess gleichzeitig im Amt zu halten und die Wogen im Zoff mit der Arbeitnehmerbank zu glätten. Mit der Machtaufteilung könnte nun endlich eine salomonische Lösung im Konzern gefunden sein.

Weitere Leitplanken für die Zukunft

Aber auch jenseits der Top-Personalie Diess und weiteren Besetzungen von Führungspositionen mussten die Manager und Kontrolleure des größten deutschen Unternehmens in den vergangenen Wochen schwer nacharbeiten. Tatsächlich dreht sich inhaltlich bei der alljährlichen Herbstrunde eigentlich alles um die Ausgaben für das weltweite Standortnetz. Damit einher geht die Verteilung von Modellen, Bauteilen und Entwicklungsbudgets - und natürlich die Auslastung der Werke, mit möglichen Folgen für die Jobs. Der Druck auf das Gremium war zuletzt hoch, denn ursprünglich wollte der Konzern die wesentlichen Fragen schon Mitte November geklärt haben.

In diesem Jahr schaut die Autobranche besonders gespannt auf das inzwischen 70. Planungspaket ("PR70") von VW. Volkswagen hatte erst kürzlich den Bau einer zusätzlichen Fabrik für das voll digitalisierte Elektrofahrzeug Trinity in der Nähe des Stammwerks Wolfsburg als Ziel ausgegeben. Die noch ausstehende Zustimmung des 20-köpfigen Aufsichtsrats dürfte zumindest in dieser Sache als Formsache gelten.

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Andere Fragen dagegen sind offen. Im Vorfeld heiß diskutiert wurde beispielsweise, wo die sechs neuen europäischen Batteriezellwerke entstehen sollen. Der Betriebsrat hat zumindest ein weiteres Zellwerk in Deutschland gefordert. Ebenfalls umstritten ist die Frage, ob und wann neben Trinity ein weiteres neues Elektromodell in Wolfsburg angesiedelt werden kann. Das Problem ist: Der VW-Stammsitz ist wegen der Lieferkrise bei Mikrochips derzeit nur schwach ausgelastet. Hier sind Ideen gefragt.

Angesichts der Kontroverse um den Führungsstil von Diess und die Frage, ob er sich an der Konzernspitze halten kann, sind solche Punkte in den vergangenen Wochen immer wieder in den Hintergrund gerückt. Dass die morgige Sitzung ausnahmsweise ohne Überraschungen abläuft, dafür gibt es wohl keine Gewähr. Alles sei "im Fluss", wird eine Quelle aus dem engeren Umfeld zitiert.

Quelle: ntv.de, ddi/rts

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