Wirtschaft
VW, Daimler und BMW sind zu Großbanken geworden. Platzen ihre Autokredite, drohen Milliardenverluste.
VW, Daimler und BMW sind zu Großbanken geworden. Platzen ihre Autokredite, drohen Milliardenverluste.(Foto: picture alliance / Uli Deck/dpa)
Sonntag, 17. Dezember 2017

Wenn Autobauer zu Banken werden: VW, BMW und Daimler spielen Kredit-Roulette

Von Hannes Vogel

Eine der größten Gefahren für die deutsche Autoindustrie hat nichts mit Reifen und Motoren zu tun: Faule Kredite sind für sie gefährlich wie Rückrufe und Abgas-Betrug. Erinnerungen an die Finanzkrise werden wach.

Denkt man an Volkswagen, denkt man an Produktionshallen in Wolfsburg, an Arbeiter, die Räder an Autos schrauben, an Parkplätze voll neuer Golfs, die sich vor den Werkstoren in der Sonne spiegeln. Doch das Wertvollste, was Deutschlands größter Konzern besitzt, sind längst nicht mehr seine Fabriken, seine fertigen Autos oder seine Erfindungen. Es sind die Kredite, die VW an seine Kunden und Händler vergeben hat. Sie machen inzwischen rund ein Drittel des gesamten Konzernvermögens aus. Ebenso sieht es bei Daimler aus. Und beim Premium-Hersteller BMW sind es sogar mehr als 40 Prozent.

Zusammen haben die drei Autobauer inzwischen Forderungen an ihre Kunden und Händler von sagenhaften 283 Milliarden Euro auf den Büchern. Damit haben sie mehr Kredite vergeben als die Commerzbank. Denn kaum jemand bezahlt sein Auto heute noch bar. Die meisten Leute leasen oder finanzieren es. VW, BMW und Daimler sind dadurch von Auto-Giganten zu Großbanken geworden. Ihre Finanzarme sind längst ebenso wichtig wie ihre Fabrikhallen.

Aber was in guten Zeiten die Kassen der Konzerne füllt, könnte ihnen in der Krise potentiell zum Verhängnis werden. Denn wie bei jeder Bank können auch die Kredite, die VW, Daimler und BMW vergeben haben, platzen. Erinnerungen an die Finanzkrise werden wach: Ein massiver Konjunkturcrash, in dem ihre Kunden die Raten nicht mehr zahlen, wäre auch für die Autobauer ein Horrorszenario. Und womöglich ebenso gefährlich wie der Diesel-Skandal.

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Enormes Gefahrenpotential

"Das potentielle Risiko ist gewaltig, weil das Kreditvolumen so stark zugenommen hat", sagt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. In den letzten zehn Jahren hat sich der Gesamtwert der Kredite an Kunden und Händler bei den Autobauern von 130 auf über 280 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Schon kleinste Ausfallraten bedeuten bei diesen Summen enorme Verluste. Platzen nur fünf Prozent der Kredite, stehen bei VW, Daimler und BMW rechnerisch auf einmal rund 14 Milliarden Euro im Feuer.

Trotzdem ist den Autobauern ihr enormes Kreditrisiko nie auf die Füße gefallen, auch nicht in der Finanzkrise. "Sie sind bisher immer gut durchgekommen, weil sie das Finanzierungsgeschäft gut im Griff haben und die Risiken breiter gestreut sind als im klassischen Bankgeschäft", sagt Pieper. Denn die Autobauer vergeben vergleichsweise kleine Kredite an Millionen Kunden. Klumpenrisiken wie bei normalen Banken, die schon mal mehrere Milliarden an eine einzige Firma verleihen, gibt es kaum. Die 15 größten Daimler-Kunden etwa machen zusammen nur rund fünf Prozent der gesamten Kreditsumme des Konzerns aus.

Trotzdem hüten die meisten Autobauer ihre Daten über Kreditausfälle wie ein Geheimnis. Volkswagen rechnet laut letztem Geschäftsbericht zwar mit einer theoretischen Ausfallquote von 2,8 Prozent. Über die tatsächliche Verlustrate schweigt der Konzern allerdings. Auch Daimler macht dazu keine Angaben. Lediglich BMW weist sie aktuell mit 0,32 Prozent aus. In der Finanzkrise war sie mit 0,84 Prozent fast dreimal so hoch.

Versteckte Risiken

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Das hört sich wenig an, ist aber beachtlich, weil auf Dauer große Summen zusammenkommen. Die Autobauer schreiben jedes Jahr ein paar Hundert Millionen auf ihre Kredite ab. Diese schleichenden Verluste gehen in der Bilanz unter. Doch über zehn oder 20 Jahre summieren sie sich zu Milliardenbeträgen.

Hinzu kommt ein verstecktes Ausfallrisiko: VM, Daimler und BMW schleppen heimlich überfällige Kredite auf der Bilanz mit - schreiben sie aber nicht ab. Weil der Großteil der Autokäufer weniger als 30 Tage im Verzug sei, müsse man das nicht, argumentieren die Konzerne. Dabei sind diese schwebenden Kreditrisiken oft um ein Vielfaches größer als die tatsächlichen Abschreibungen: Bei Daimler summierten sie sich vergangenes Jahr auf rund 2,5 Milliarden Euro. Die bestehenden Wertberichtigungen beliefen sich dagegen nur auf rund eine Milliarde Euro.

Je schlechter die Wirtschaft läuft, desto mehr wachsen die drohenden Ausfälle. 2009 waren in der Finanzkrise bei VW zwischenzeitlich sechs Prozent aller Kredite überfällig, wurden aber nicht abgeschrieben. Heute sind es gerade mal 2,5 Prozent. Insgesamt wurden bei VW 2015 knapp fünf Prozent aller Kredite wertberichtigt oder waren überfällig. Daimler gibt die Quote mit rund sieben Prozent an, BMW dagegen mit über 80 Prozent.

Denn nach den gültigen Rechnungslegungsvorschriften haben die Konzerne großen Spielraum zu entscheiden, wann und um wieviel sie einen Kredit abschreiben - je nachdem ob sie auf die erfahrungsgemäß erwartbaren oder nur auf die tatsächlich angefallenen Verluste abstellen. BMW legt schon lange sehr konservative Annahmen zugrunde, die ab 2018 für alle Firmen verbindlich sind, und berichtigt daher einen viel größeren Teil seiner Kredite als VW und Daimler.

Trügerische Sicherheiten

Zusätzlich abgesichert sind die Kredite natürlich mit den Autos der Kunden. Platzen sie, können VW, Daimler und BMW sie verkaufen, um Verluste abzupuffern. Allerdings bekommen sie dafür dann womöglich weniger als das, was der Kunde noch hätte berappen müssen. Denn Autos verlieren nicht gleichmäßig, sondern schon kurz nach dem Kauf den Großteil ihres Wertes - wenn die Kunden sie noch kaum abbezahlt haben.

Auf dem Unterschied zwischen ihren Restforderungen und dem Restwert bleiben die Autobauer dann schlimmstenfalls sitzen. Und der ist womöglich enorm: So setzte BMW beispielsweise 2015 den Wert aller Kredite, die berichtigt werden mussten, mit 58 Milliarden Euro in der Bilanz an. Am Gebrauchtwagenmarkt waren die Autos, die als Sicherheiten dahinter lagen, schlimmstenfalls aber nur noch rund 27 Milliarden wert - weniger als die Hälfte.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Zwar geht BMW wieder von extrem konservativen Annahmen aus, nämlich dass alle Käufer nicht mehr zahlen und die Pfändung ihrer Autos sich lange hinzieht, weil sie vor Gericht eingeklagt werden müssen. Doch auch dieser Blick ins Kleingedruckte zeigt: Die Bewertungsspielräume sind enorm - und damit auch die potentiellen Verluste für die Autobauer, sollte etwas Unvorhergesehenes passieren.

Die Auto-Riesen haben Milliarden im Feuer

Besonders gefährlich sind plötzliche Preiscrashs - wie sie jetzt für Diesel-Autos im Zuge des Abgas-Betrugs drohen. Der ADAC rät bereits vom Dieselkauf ab. In vielen Großstädten drohen Fahrverbote. Wenn sie kommen, wird es einen massiven Preisverfall geben. Er wird vor allem VW und Daimler hart treffen, die über Jahrzehnte Millionen Diesel-Autos verkauft haben: Bricht ihr Marktwert ein, müssen sie Milliarden auf die Leasingverträge abschreiben, die sie für die Wagen vergeben haben.

Hinzu kommt, dass auch Diesel-Käufer, die ihr Auto auf Kredit finanziert haben, dann womöglich streiken und nicht mehr zahlen, obwohl sie rechtlich verpflichtet sind. Denn wer will noch Tausende Euros für Autos berappen, die plötzlich kaum noch etwas wert sind? Noch dazu, wenn VW sie mit Betrug verkauft, seinen Kunden bisher aber keinerlei finanzielle Entschädigung angeboten hat?

Trotz all dieser Risiken werden VW, Daimler und BMW die Finanzierung ihrer Autos nicht völlig anderen Banken überlassen - sie verdienen zu gut daran. Nicht an den Zinsen, die fallen kaum ins Gewicht. Vielmehr kurbeln sie mit den Krediten ihre Verkäufe an. Rund ein Drittel der mehr als zehn Millionen Autos, die VW jährlich ausliefert, finanziert Wolfsburg seinen Kunden inzwischen auch. BMW finanziert sogar jeden zweiten seiner Neuwagen, genauso wie Daimler.

Würden die Konzerne ihren Kunden nicht mehr billig Kredit geben, müssten die zu einer normalen Bank gehen und dort höhere Zinsen zahlen. Viele würden sich dann vermutlich kein Auto kaufen. Schrumpfender Absatz wäre für die Autobauer noch verheerender als drohende Abschreibungen in ferner Zukunft. Also verteilen sie weiter fleißig Geld an ihre Kunden.

Was passiert bei einem großen Crash?

In den USA sind Autokredite bereits zum neuen Subprime-Markt geworden. Wie am Häusermarkt vor der Finanzkrise finanzieren skrupellose Händler und Banken dort Menschen Autos, die sie sich nicht leisten können, ohne ihr Einkommen zu prüfen. Diese Schrottkredite schnüren die Hersteller dann zu vermeintlich sicheren Papieren zusammen und verkaufen sie weiter. So schieben die Autobauer das Risiko auf andere ab.

Die deutschen Konzerne beteuern, dass es solch laxe Standards bei der Kreditvergabe hierzulande nicht gibt. Prüfen kann das aber keiner. Und auch VW, Daimler und BMW lagern wie die US-Autobauer im großen Stil über ABS-Papiere Risiken aus: Insgesamt haben die Wolfsburger Autokredite für 24 Milliarden Euro verbrieft. Bei BMW sind es 16,5 Milliarden Euro, bei Daimler mindestens sieben Milliarden Euro. Man kann darin einen cleveren Finanzierungsweg sehen. Oder ein Entsorgungssystem.

Solange alles gut läuft, funktioniert das System. Doch was passiert bei schlechtem Wetter? VW, Daimler und BMW hätten vermutlich genug liquide Mittel und Eigenkapital, um Verluste aus geplatzten Kredite aufzufangen. Und falls nicht, könnten sie dank ihrer guten Ratings selbst Kredit aufnehmen, um die Schäden auszugleichen - so hat es VW schon bei den Strafzahlungen für den Abgas-Betrug gemacht. Zudem dürfte der Steuerzahler die Autobauer wie die Banken im Zweifel wegen ihrer schieren Größe retten - sie sind "too big to fail". Die Kreditrisiken in ihren Bilanzen werden sie so schnell also nicht umhauen. Aber sie könnten sie schnell viel Geld kosten.

Quelle: n-tv.de