Wirtschaft

Strafen, Rückrufe, Schadenersatz VW spielt Extremszenarien durch

14b957f3be3b911de36b091d1a639177.jpg

"Vertrauen unnötig verspielt": VW-Modelle im Lichttunnel der Qualitätssicherung bei der Fahrzeug-Endabnahme in Wolfsburg.

(Foto: imago stock&people)

Der Abgas-Skandal könnte Europas größten Autobauer härter treffen als bislang erwartet. Hinter verschlossenen Türen rechnen Fachkräfte angeblich bereits durch, wie sich mögliche Folgen schlimmstenfalls auf die Konzernbilanz auswirken.

Was rollt da auf Volkswagen zu? Finanzexperten des Wolfsburger Automobilkonzerns prüfen angeblich bereits die Spielräume des Unternehmens für den Fall, dass der Abgasskandal dramatischere Auswirkungen auf die Unternehmenskasse haben sollte als bislang bekannt.

Die Finanzabteilung des Autoherstellers spiele dazu aktuell mehrere Worst-Case-Szenarien durch, hieß es aus dem Umfeld des Dax-Konzerns. Durchgerechnet würden unter anderem bilanzielle Auswirkungen von Rating-Herabstufungen, Absatzeinbrüchen oder unerwartet hohen Strafzahlungen.

Volkswagen steht angesichts des Skandals um manipulierte Abgaswerte vor einem enormen Ausmaß möglicher Belastungen: Zu den erwarteten Strafen dürften vor allem in den USA hohe Schadensersatzforderungen kommen. Zudem muss Volkswagen die Ausgaben für Nachbesserungen an den betroffenen bis zu 11 Millionen Fahrzeugen tragen.

Dennoch rechnen Branchenkenner bislang nicht damit, dass dem Autokonzern die flüssigen Mittel ausgehen. Volkswagen verfügt immerhin über Bargeldreserven im Umfang von rund 21,5 Milliarden Euro, die sich durch die jüngst beschlossenen Verkäufe von Anteilen an dem Unternehmen LeasePlan und an dem japanischen Autohersteller Suzuki noch auf etwa 25 Milliarden Euro erhöhen dürften.

VW Vorzüge
VW Vorzüge 159,80

Dass die VW-Finanzexperten Insidern zufolge dennoch auch vergleichsweise dramatische Szenarien durchspielen, belege jedoch die Unsicherheit, mit der Volkswagen umgehen müsse. Von einer Krisensituation will Volkswagen selbst nicht sprechen: "Wir befinden uns aktuell nicht in einer Notlage", sagte ein VW-Sprecher auf Anfrage. "Mit keiner Bank" bereite VW einen Notfallplan vor, betonte er und dementierte damit entsprechende Gerüchte. VW orientiere sich an seinem "regulären Finanzierungsplan". Zu den Berichten, Volkswagen stelle interne Überlegungen für den Fall unerwartet hoher Liquiditätsabflüsse an, wollte sich der Sprecher nicht äußern.

An ganz anderer Stelle wirkt sich der Abgas-Skandal bereits konkret auf die Programme des VW-Konzerns zur Fremdfinanzierung aus: Volkswagen überarbeitet derzeit die Angebotsunterlagen für Unternehmensanleihen und ähnliche Finanzierungsmittel. Volkswagen setze die Programme zwar nicht aus, erklärte ein VW-Sprecher. Der Konzern passe aber "Teile der für diese Programme notwendigen Dokumentation" an.

a597e60477655d1839810224652b214b.jpg

Wie hart trifft der Skandal VW? Das Stammwerk in Wolfsburg aus der Luft.

(Foto: imago stock&people)

Dies sei ein "selbstverständlicher Prozess im Fall von geänderten Nachrichtenlagen", hieß es. Volkswagen habe "keinen Grund anzunehmen, dass die Programme nach den Anpassungen nicht normal weiter genutzt werden können". "Finanzierungsschwierigkeiten ergeben sich nach unserer Einschätzung hieraus jedenfalls nicht", fügte der Sprecher hinzu.

Die Spekulationen beruhen auf Überlegungen aus der Finanzbranche. Jüngst hatten etwa Analysten der Bank Credit Suisse vor einer möglichen Kapitalerhöhung bei Volkswagen gewarnt. Es gebe ein "bedeutendes Risiko" für einen solchen Schritt, schrieben sie. Dies gelte selbst für ein vergleichbar optimistisches Szenario.

Erste Auswirkungen des Abgas-Skandals

Der Skandal um die Software-Manipulationen, mit denen Volkswagen den Schadstoffausstoß einer Reihe von Diesel-Fahrzeugen in Testsituationen verringert hatte, hatte vergangene Woche bereits einen Einstellungsstopp bei der VW-Tochter Volkswagen Financial Services ausgelöst.

Als Reaktion auf mögliche Absatzschwierigkeiten strich Volkswagen zudem jeweils eine wöchentliche Sonderschicht in einem Motorenwerk in Salzgitter und in einer mexikanischen Produktionsstätte. Der Skandal führte darüber hinaus zum Rücktritt des langjährigen Konzernchefs Martin Winterkorn. Die Affäre ließ zudem den Börsenwert des Autokonzerns um rund 40 Prozent abstürzen.

BDI-Chef warnt Manager

Industrie-Präsident Ulrich Grillo sieht nach dem Abgas-Skandal bei VW die deutschen Manager in der Pflicht. Zugleich warnte Grillo die Politik vor überzogenen Vorgaben. In einem Brief an Führungskräfte der deutschen Wirtschaft forderte der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) die Unternehmen auf, für dauerhaftes Vertrauen zu sorgen und nachvollziehbar darzulegen, wie sie Gewinne erzielen.

"Wenn uns das nicht gelingt, dann wird die Politik die Aufgabe übernehmen", heißt es in dem Schreiben. "Doch die Regierung sollte dieser Versuchung widerstehen und diesen Fall nicht überstürzt zum Anlass nehmen, radikal an der Regulierungsschraube zu drehen." Die "bewusste Verzerrung von Abgastests" nannte Grillo inakzeptabel: "Dieses Fehlverhalten passt nicht zum Selbstverständnis der deutschen Industrie." Glaubwürdigkeit sei unnötig aufs Spiel gesetzt worden, fasste der BDI-Chef seine Eindrücke zusammen.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa/DJ

Mehr zum Thema