Wirtschaft

"Über dieses Geld bestimme ich"Venezuelas Ölmilliarden versickern in Trumps Taschen

29.07.2026, 19:53 Uhr image (2)Von Hannes Vogel
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Jahrelang musste Venezuela wegen der US-Sanktionen sein Öl weit unter Weltmarktpreis verkaufen. Nun sind die Sanktionen weg - der Großteil der Öleinnahmen allerdings auch. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Seit der Entführung von Nicolas Maduro kassiert Washington sämtliche venezolanischen Öleinnahmen. Ein halbes Jahr später weiß niemand, wo das Geld geblieben ist - obwohl die Erdbebenopfer in Caracas jeden Dollar dringend bräuchten.

Als der US-Präsident Anfang des Jahres Venezuelas Diktator Nicolas Maduro mit einem spektakulären Kommandoeinsatz stürzte und in die USA entführte, machte er ein Versprechen: "Donald Trump schützt Venezuelas Öleinnahmen zum Vorteil des amerikanischen und venezolanischen Volkes", heißt es in dem Dekret, mit dem Trump wenige Tage später verfügte, dass die Ölmilliarden des Landes angeblich souveräner Besitz Venezuelas bleiben und vor den Ansprüchen privater Gläubiger geschützt sind. Die USA würden dieses Geld - die wichtigste Devisenquelle des südamerikanischen Landes - "treuhänderisch" verwalten. Doch die Rangfolge der Prioritäten, die die US-Regierung für die Verwendung dieses Vermögens setzt, ist bezeichnend: Es soll an erster Stelle ausdrücklich den außenpolitischen Zielen der USA dienen. Was das bedeutet, hat Trump sofort im Januar auf seiner Plattform Truth Social klargemacht: "Über dieses Geld bestimme ich."

Gleich nach Maduros Gefangennahme erlaubte das US-Außenministerium US-Firmen wieder, das zuvor sanktionierte venezolanische Öl in der ganzen Welt zu verkaufen. Die Einnahmen müssen dabei auf ein Konto in den USA fließen, das der Aufsicht des US-Finanzministeriums unterliegt. "Wir werden sicherstellen, dass diese Gelder transparent und zum Wohle des venezolanischen Volkes verwendet werden", beteuert das State Department auf seiner Webseite. Doch auch Monate später ist vollkommen unklar, wo das Geld geblieben ist.

Es geht inzwischen um eine gewaltige Summe: Mehr als 13 Milliarden Dollar hat die US-Regierung seit Maduros Sturz kassiert, wie die "Financial Times" ausgerechnet hat. Anhand von Schiffsdaten hat die Zeitung überschlagen, wie viel venezolanisches Öl seit Januar tatsächlich ins Ausland transportiert wurde und was es am Markt wert ist.

Trump führt Maduros Vetternwirtschaft weiter

Was mit den Milliardeneinnahmen passiert ist, liegt völlig im Dunkeln: "Wo ist das Geld? Es gibt keine Transparenz, und die US-Regierung informiert uns nicht", klagt der venezolanische Ex-Oppositionspolitiker José Guerra gegenüber der "FT". Die von Trump eingesetzte, geschäftsführende Staatschefin Delcy Rodriguez, die zuvor Maduros Vizepräsidentin war, hat eine Webseite eingerichtet, auf der angeblich alle Ölverkäufe dokumentiert werden. Darauf findet sich bislang allerdings nur ein einziger Eintrag - über gerade mal 300 Millionen Dollar für einen Verkauf am 13. März.

Eigentlich müssten in Caracas Unmengen Geld ankommen: Zu Maduros Zeiten machte das Ölgeschäft rund ein Viertel der venezolanischen Wirtschaftsleistung aus. Im April meldete Bloomberg, die venezolanischen Exporte seien dank Lieferungen nach Indien sogar auf ein Sechs-Jahres-Hoch gestiegen. Doch vom Petrodollar-Regen ist nichts zu sehen. Die Ölindustrie in Caracas ist ein schwarzes Loch.

Schon unter Maduro waren die Venezolaner gewohnt, dass in der Vetternwirtschaft ein Großteil der Öleinnahmen des Landes versickerte: Laut internen Unterlagen, die die "New York Times" ausgewertet hat, verschwand etwa in den Jahren 2021 und 2022 gut die Hälfte der Petrodollars in den Taschen des Maduro-Clans und seiner Kumpane.

Offiziell tut die US-Regierung alles, um Vergleichbares unter ihrer Aufsicht zu verhindern. Angeblich wurden laut US-Außenministerium "Milliarden Dollar an die venezolanische Wirtschaft ausgezahlt". Die Wirtschaftsprüfer von KPMG wurden beauftragt, die entsprechenden Konten zu überwachen. Doch detaillierte Angaben, geschweige denn einen offiziellen Bericht, wohin, wann, wie viel Geld geflossen ist, gibt es nicht. Nur die vage Aussage eines hochrangigen US-Diplomaten im April, es seien bislang etwa drei Milliarden Dollar nach Caracas überwiesen worden.

Wirtschaftsboom blieb aus

In Venezuela wird dieses Geld dringender denn je gebraucht: Mehr als 5000 Menschen starben beim verheerenden Erdbeben im Juni, viele haben bis heute weder Strom noch Wasser oder ein Dach über dem Kopf. Auf 20 Milliarden Dollar hat die Weltbank allein die unmittelbaren Sachschäden taxiert. Die Uno rechnet mit Wiederaufbaukosten von 37 Milliarden Dollar allein für Gebäude und Infrastruktur in der Erdbebenzone.

Eigentlich hatten Ökonomen nach Maduros Sturz einen Boom in dem von jahrelanger Misswirtschaft gebeutelten südamerikanischen Land erwartet. Schließlich muss Venezuela sein Öl nun nicht mehr weit unter Marktpreis verschleudern wie unter dem Maduro-Regime, das durch Sanktionen international geächtet war. Doch das Wirtschaftswachstum liegt auf dem niedrigsten Stand in fast fünf Jahren. Grund dürfte sein, dass das Geld größtenteils nicht angekommen ist. "Venezuela ist im ersten Quartal trotz gestiegener Öleinnahmen wahrscheinlich nicht schneller gewachsen, weil die USA der venezolanischen Regierung nicht die gesamten zusätzlichen Öleinnahmen überwiesen haben", zitiert die "FT" einen venezolanischen Wirtschaftsexperten.

Trump hält das Geld womöglich zurück, um ein Druckmittel gegenüber der von ihm selbst eingesetzten Regierung in Caracas zu haben. Doch ironischerweise profitiert vor allem Präsidentin Rodriguez davon: Sie hat dank Trump diplomatische Anerkennung, Sanktionserlass und Schutz vor den unzähligen Gläubigern des Landes bekommen. Dennoch kann sie sich gegenüber dem Volk als Verteidigerin Venezuelas gegen die Ausbeutung durch die USA präsentieren - obwohl sie selbst als Maduros rechte Hand beteiligt war am jahrelangen Niedergang ihres Landes. Rund ein Viertel aller Venezolaner ist vor Hungeraufständen, Inflation von einer Million Prozent und Wirtschaftscrash in ihrer Amtszeit aus dem Land geflüchtet, wo die Regierung zwischenzeitlich nicht mal mehr genug Geld hatte, um Geld zu drucken.

"Spiel um Öl, Macht und Selbstbereicherung"

Die direkte Verantwortung für das US-Vorgehen trägt Außenminister Marco Rubio. Er "kontrolliere faktisch Venezuelas Staatsfinanzen", konstatierte die "New York Times" vor wenigen Wochen. "Viceroy" (Vizekönig) wird Rubio laut der Zeitung im US-Außenministerium hinter vorgehaltener Hand genannt, in Anspielung auf die imperialen spanischen Kolonialverwalter Südamerikas. Dabei hält die US-Regierung ihre Hand über Maduros einstige Marionetten - und verhindert nun selbst einen demokratischen Wandel durch Wahlen, den Maduros Sturz eigentlich bringen sollte.

"Trumps Invasion von Venezuela war von Anfang an ein Spiel um Öl, Macht und Selbstbereicherung", zitiert die "Financial Times" den demokratischen Kongressabgeordneten Joaquin Castro. "Milliarden an venezolanischen Öleinnahmen werden von der Trump-Regierung ohne jegliche Kontrolle oder Transparenz verwaltet."

Quelle: ntv.de

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