Wirtschaft

An Konzernspitze tobt Machtkampf Volkswagen verliert weiteren Topmanager

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Hat mehr als die Hälfte seines Lebens für den VW-Konzern gearbeitet: Thomas Ulbrich.

(Foto: imago/Robert Michael)

In Wolfsburg kehrt keine Ruhe ein. VW-Chef Diess sucht eine Entscheidung im Machtkampf mit seinen Gegnern um Betriebsratschef Osterloh. Doch der Aufsichtsrat lässt seinen höchsten Angestellten warten. Unterdessen wendet sich eine weitere Spitzenkraft vom Konzern ab.

Während VW-Boss Herbert Diess um die Macht an der Spitze des weltgrößten Autokonzerns kämpft, verliert das Unternehmen einen weiteren zuvor als Hoffnungsträger gehandelten Spitzenmanager. Wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf Insider berichtet, verlässt der bisherige Elektrovorstand der Marke VW, Thomas Ulbrich, den Autokonzern. Bekannt war bereits, dass sein Vorstandsressort E-Mobilität aufgelöst werden sollte. Eine ihm vorgeschlagene neue Aufgabe in China habe Ulbrich abgelehnt, da sie für ihn hierarchisch einen klaren Abstieg bedeutet hätte.

Der 54-jährige Ulbrich, der seine Karriere 1992 in Wolfsburg begann, ist nicht nur ein Urgestein des Autobauers, sondern hatte sich insbesondere in seinen zwei Jahren an der Spitze des E-Ressorts den Ruf eines "Problemlösers" erworben. Er gilt, wie es im "Handelsblatt" heißt, als "Retter des ID.3", des entscheidenden Modells für VWs Ambition, zum weltweit führenden E-Autobauer aufzusteigen. Trotz der Verdienste, die Ulbrich bei der Überwindung der Startschwierigkeiten des ID.3 zugeschrieben werden, soll Konzernchef Diess seit einiger Zeit signalisiert haben, ihn ablösen zu wollen.

Der Abgang Ulbrichs und weiterer als Diess-Kritiker geltender Spitzenmanager wie Nutzfahrzeugchef Thomas Sedran und VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann fällt in eine Zeit des offenen Machtkampfs bei VW zwischen dem Konzernchef und den Arbeitnehmervertretern. In der vergangenen Woche hatte Diess in einem im Karrierenetzwerk Linkedin veröffentlichten Artikel seinen Anspruch bekräftigt, das "Volkswagen-System" zu ändern. Insbesondere in der Konzernzentrale in Wolfsburg seien seine Versuche, das Unternehmen moderner und agiler zu machen, noch nicht erfolgreich gewesen. Damit dürfen sich der mächtige Betriebsrat, der Großaktionär Niedersachsen und mit ihnen verbundene Teile des Managements angesprochen fühlen.

Aufsichtratsspitze fühlt sich unter Druck gesetzt

Zugleich soll Diess nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien einen neuen Versuch unternommen haben, seine Position durch eine vorzeitige Verlängerung seines 2023 auslaufenden Vertrags zu stärken. Mit einer entsprechenden Bitte war Diess bislang aber nicht erfolgreich. Das Aufsichtsratspräsidium sei nach Beratungen am Dienstagabend ohne eine entsprechende Entscheidung auseinandergegangen, berichtet Reuters unter Berufung auf mit den Vorgängen vertraute Personen. Diess habe im Vorfeld der Sitzung seine Anliegen vorgebracht und die Anteilseigner um Unterstützung gebeten, hieß es. Eine Vertragsverlängerung habe nicht zur Debatte gestanden. "Das Präsidium lässt sich nicht zu einer Entscheidung drängen, es gibt keine Eile", sagte ein Insider.

Details der Gespräche wurden bislang nicht bekannt. Volkswagen äußerte sich nicht. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte zuvor aus Unternehmenskreisen berichtet, Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch suche nach Möglichkeiten, um eine Führungskrise zu vermeiden. Sollte ein Kompromiss gefunden werden, könne darüber in den nächsten Tagen diskutiert und kommende Woche im Aufsichtsrat entschieden werden.

Aufgebrochen war der seit Monaten schwelende Konflikt Eingeweihten zufolge an Diess' Wunsch, Schlüsselressorts im Konzernvorstand mit Managern zu besetzen, mit denen er glaubt, Volkswagen schneller zu einem Technologiekonzern umbauen zu können, der neben Elektroautos auch die Software für selbstfahrende Fahrzeuge und digitale Dienste anbietet. Während das Ziel von den Eignern geteilt wird, stoßen sich viele am Vorgehen von Diess. Personen mit Kenntnis der Situation berichteten, einige Aufsichtsratsmitglieder hätten kritisiert, dass der "höchste Angestellte des Konzerns" die Eigner mit seinen Forderungen unter Druck setze.

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Im kommenden Jahr muss auch die Nachfolge von Konzern-Finanzchef Frank Witter geregelt werden, der im Juni aus familiären Gründen ausscheiden will. Für Witters Nachfolge favorisiert Diess Insidern zufolge Arno Antlitz, derzeit Finanzvorstand bei der Tochter Audi. Der Betriebsrat lehnt Antlitz ab. Mit ihm waren die Arbeitnehmervertreter in seiner Zeit als Finanzchef der Marke VW wiederholt aneinandergeraten. Außerdem muss seit dem Rückzug von Stefan Sommer das Beschaffungsressort besetzt werden, das Witter seit dem Frühsommer kommissarisch mitverantwortet. Für den Bereich ist Murat Aksel im Gespräch, der diesen Posten bisher bei der Marke VW innehat, heißt es in Konzernkreisen. Zudem werde über eine Zusammenlegung des Produktions- und Komponentenressorts mit Thomas Schmall an der Spitze diskutiert, der bisher die Komponentensparte leitet.

Die Arbeitnehmer beharren Insidern zufolge auf einer Paketlösung, bei der sie ihre Vorstellungen einbringen wollen. Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte unlängst erklärt, er sei zuversichtlich, dass der Aufsichtsrat - "wenn es dann so weit ist - die richtige Wahl treffen wird, um mit den richtigen Kandidatinnen (oder vielleicht auch Kandidaten) die Transformation der nächsten Jahre zu gestalten".

Quelle: ntv.de, mbo/rts

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