Wirtschaft

Zeit gekauft, Sanierung verpasstWarum Galeria schon wieder am Abgrund steht

02.10.2026, 17:46 Uhr IMG_4708Von Juliane Kipper
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Bereits im Juli kündigte Galeria an, 33 Warenhäuser auf den Prüfstand zu stellen und mit Vermietern über Mietkonditionen zu verhandeln. (Foto: picture alliance / XAMAX)

Millionen Euro an Krediten sind verpufft. Statt die Warenhauskette Galeria neu zu erfinden, setzen Management und Eigner jahrelang auf Schadensbegrenzung. Handelsexperten warnen: Ein erneuter Schuldenschnitt bringt keine Kunden zurück.

Galeria ist schon wieder in finanzieller Not: Nach 2020, 2022 und 2024 stellt die Warenhauskette zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren einen Insolvenzantrag. Der Geschäftsbetrieb in den 83 Filialen soll zwar vorerst weiterlaufen. Ob und welche Standorte schließen, ist offen. Die rund 12.000 Beschäftigten müssen nun um ihre Arbeitsplätze bangen. 

Dabei wurde die Kaufhauskette erst im Juni durch einen neuen Kredit von bis zu 160 Millionen Euro abgesichert – bereitgestellt von der US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers. Das Geld diente unter anderem dazu, einen laufenden Kredit abzulösen und offene Mietzahlungen aus dem Frühjahr zu begleichen. Doch die Rettung war nicht von langer Dauer: Trotz der Liquiditätsspritze geriet Galeria bereits in den Folgemonaten erneut in Schieflage.

Von ntv.de befragte Handelsexperten sind sich einig: Ohne einen Investor mit Innovationswillen und einem neuen tragfähigen Konzept hat Galeria keine Chance. Doch genau an dieser nachhaltigen Erneuerung ist der Konzern bislang immer wieder gescheitert. Johannes Berentzen von der Handelsberatung BBE bescheinigt Galeria sogar ein Systemversagen. Nach jeder Insolvenz sei zwar das Geschäftsmodell refinanziert, aber nicht grundlegend transformiert worden. "Aufeinanderfolgende Eigentümer haben genau das gemacht, was man nicht hätte tun dürfen: Zeit kaufen statt ein Konzept entwickeln." Die wiederkehrenden Liquiditätsprobleme sind damit seiner Einschätzung zufolge hauptsächlich ein Eigentümerversagen.

Seit Sommer 2024 gehört Galeria der US-Investmentgesellschaft NRDC und einer Beteiligungsfirma des Unternehmers Bernd Beetz. Die Namen Kaufhof und Karstadt verschwanden aus dem Firmennamen. Galeria verlegte seinen Sitz von Essen nach Düsseldorf. Dass die neuen Eigentümer nun nicht mehr mit Eigenkapital eingreifen, erklärt Handelsexperte Carsten Kortum, Handelsprofessor der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn, folgendermaßen: "Ökonomisch spricht eine ausbleibende Eigenkapitalzufuhr dafür, dass sie das zusätzliche Risiko nicht übernehmen wollen oder können." Auch Berentzen wundert sich und verweist darauf, dass den Eigentümern bei drei vorangegangen Insolvenzen klar gewesen sein muss: "Das ist kein normaler Turn-around, das erfordert substanzielle Eigenkapitalbereitschaft."

"Diese Wette ist nicht aufgegangen"

Zudem wurde offensichtlich der Umfang der nötigen Erneuerung unterschätzt: Vor zwei Jahren wurden Investitionen von bis zu 100 Millionen Euro angekündigt. Kortum schätzte den Investitionsbedarf jedoch bereits damals auf mehr als eine Milliarde Euro. Auch laut der Handelsexpertin Theresa Schleicher vom Netzwerk "The Future Project" war der Plan schon 2024 zu optimistisch kalkuliert. Man ging davon aus, dass sich der Umsatz im verkleinerten Filialnetz stabilisieren würde, doch der Umsatz sank weiter. "Ein solches Konzept setzt im Grunde darauf, dass sich der Markt von allein erholt. Diese Wette ist nicht aufgegangen", so Schleicher.

Galeria fügt sich in den Niedergang der gesamten Branche ein: Die Bedeutung von Kauf- und Warenhäusern im Einzelhandel ist in den vergangenen Jahren stark gesunken. Ihre Marktanteile sanken laut EHI seit 2020 von 4,2 Prozent auf zuletzt 1,2 Prozent. In diesen Zahlen sind neben Galeria unter anderem die Handelsketten Müller und Woolworth enthalten.

Bereits im Juli kündigte Galeria an, 33 Warenhäuser auf den Prüfstand zu stellen und mit Vermietern über Mietkonditionen zu verhandeln. Ohne tragfähige Lösungen sei die Fortführung der jeweiligen Filiale gefährdet, hieß es. Alle Warenhäuser müssten nachhaltig profitabel wirtschaften. Eine Entscheidung über die Zukunft der Filialen steht noch immer aus.

Eine Prognose, wann eines Tages womöglich die letzte Galeria-Filiale schließen muss, wollen alle Experten nicht wagen. Berentzen ist sich allerdings sicher: Das Filialnetz wird in jedem Szenario kleiner. Sollte ein Investor mit einem überzeugenden Konzept einsteigen, könnten seiner Einschätzung zufolge 40 bis 50 Standorte eine Zukunft haben. "Wenn nicht, dann reden wir über eine geordnete Abwicklung innerhalb der nächsten 12 bis 18 Monate", prognostiziert der BBE-Experte. Kortum geht davon aus, dass einzelne wirtschaftlich attraktive Häuser unter neuen Eigentümern oder anderen Namen weitergeführt werden, auch wenn die heutige Struktur scheitere.

"Klares Profil und mutige Investitionen" nötig

Auf die 12.000 Beschäftigten sieht die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi derweil "eine völlige Ungewissheit" zu kommen. Die Gewerkschaft fordert eine schnelle Aufklärung, wie es weiter gehen soll. "Die Beschäftigten brauchen jetzt einen Plan für die Zukunft und keine Nebelkerzen", erklärte die Verdi-Bundesfachbereichsleiterin Handel, Silke Zimmer, in einer Mitteilung. 

Von einer Abwicklung oder Schließung wären neben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Handelsexperten zufolge kleinere Lieferanten ohne Absicherungen besonders schwer betroffen. Für sie können offene Rechnungen schnell existenzbedrohend werden. Auch Warenkreditversicherer sind gefährdet. Vermieter könnten zusätzlich zu ausstehenden Mietzahlungen auch zukünftige Mieteinnahmen verlieren und hohe Umbaukosten für eine Nachnutzung tragen müssen. Allerdings: "Den größten Schaden erleidet nicht zwangsläufig der größte Gläubiger, sondern derjenige, der den Verlust am wenigsten verkraften kann", sagt Kortum.

Was derweil noch an Vermögenswerten übrig bleibt, ist überschaubar. Die Immobilien gehören Berentzen zufolge fast alle Vermietern und der Warenbestand ist als Sicherheit an Gordon Brothers verpfändet. "Was verbleibt, ist im Wesentlichen die Marke, die Kundenbasis und die Standortstruktur", sagt der BBE-Experte.

Ungeachtet aller Probleme sind sich die Handelsexperten einig: Das klassische Warenhaus hat nicht per se ausgedient. Es muss heutzutage aber etwa mit Gastronomie, Dienstleistungen und Veranstaltungen einen zusätzlichen überzeugenden Anreiz schaffen. "Das erfordert ein klares Profil und mutige Investitionen. Genau das, was Galeria in den letzten Jahren gefehlt hat", sagt Berentzen.

Quelle: ntv.de

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