Nigeria liefert Europa KerosinWarum wieder Öl durch Hormus fließt, aber kaum Diesel

Der Öltransport durch die Straße von Hormus ist teuer und gefährlich, aber wieder zunehmend möglich in den vergangenen Wochen. Bei Kraftstoffen wie Diesel und Kerosin, die Europa importieren muss, sieht die Lage anders aus.
Mehr als sieben Monate nach dem Beginn des Iran-Kriegs hat sich der Rohölexport vom Persischen Golf teilweise normalisiert. Angesichts der anhaltenden Attacken auf Tanker in der Straße von Hormus ist diese Normalität teuer und gefährlich. Aber die Menge an Öl, die aus der Golfregion auf den Weltmarkt gelangte, lag im September teilweise wieder annähernd auf Vorkriegsniveau. Die Transporte durch die vom Iran weiterhin gesperrte Meerenge bei Hormus erreichten laut Daten der Preisberichtsagentur Argus Media 65 Prozent des Vorkriegsvolumens. Dazu kommen stark erhöhte Transporte auf alternativen Wegen wie der saudischen Ost-West-Pipeline oder der Pipeline von Abu Dhabi zum Golf von Oman.
Diese Routen sind allerdings teuer. Vor dem Krieg fuhren die Öltanker direkt von den Häfen am Persischen Golf in alle Welt fahren. Zuletzt dagegen durchquerten nur wenige Schiffe als Shuttle mit enormem Risiko die Straße von Hormus. Im Golf von Oman laden sie ihr Öl von Schiff zu Schiff um auf andere Tanker, die es weiter in die Bestimmungshäfen in Asien oder Europa bringen. Die Kosten dafür liegen ein Vielfaches höher als vor dem Krieg.
Ganz anders sieht es bei raffinierten Kraftstoffen aus. Vor dem Krieg waren die Golfstaaten und ihre Raffinerien für Europa wichtige Lieferanten vor allem für Diesel und Kerosin. Anders als bei Rohöl haben sich die Transportvolumen von Raffinerieprodukten kaum erholt. Im September transportierten Tanker nur etwa ein Viertel der Vorkriegsmenge an Kraftstoffen und anderen Ölprodukten im Vergleich zum Vorkriegsniveau durch die Straße von Hormus.
Laut-Argus Expertin Sarah Raffoul liegt das daran, dass Kraftstoffe sich für Schiff-zu-Schiff-Transfers, die für den Rohölexport angesichts des Kriegs eine große Rolle spielen, kaum geeignet sind. Das hat unter anderem damit zu tun, dass mögliche Verunreinigungen für raffinierte Produkte problematischer sind als für Rohöl. Gleichzeitig stehen anders als für Rohöl keine Pipelines als alternative Transportwege vom Golf auf die Weltmärkte zur Verfügung.
Die Folge ist eine Angebotsknappheit insbesondere bei Diesel und Kerosin auf dem Weltmarkt, die auch an den Tankstellen in Deutschland die Preise steigen lässt. Der Flaschenhals bei der Kraftstoffversorgung, so Analystin Raffoul, sei nicht mehr nur die Störung der Raffineriekapazitäten, sondern die im Vergleich zum Rohöl begrenzte Möglichkeit, "Hormus als Exportweg für raffinierte Produkte zu ersetzen".
Dennoch ist eine befürchtete Kerosinknappheit in Europa bislang nicht eingetreten. Davor hatten im Frühjahr nach Beginn des Irankriegs viele Experten, darunter der Chef der Internationalen Energieagentur Fatih Birol, gewarnt. Doch Europa konnte sich als Ersatz für ausgebliebene Lieferungen vom Golf, zunächst vor allem Kerosin aus Asien und den USA sichern, und zunehmend aus Nigeria.
Die Dangote Raffinerie in Nigeria, die größte Afrikas, hat ihre Ausfuhren nach Europa in den vergangenen Monaten mehr als verdoppelt. Das Land könnte, so schätzt der Argus-Experte für den europäischen Kerosin-Markt, Aamar Khan, "Europas verlässlichster Lieferant für Kerosin seit Beginn des Iran-Kriegs" werden.
