Wirtschaft

Nach dem Diesel-Gipfel Was machen die Auto-Aktien?

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(Foto: picture alliance / dpa)

Im diesem Jahr feiert die Lehman-Krise ihren zehnten Geburtstag. Fast auf den Tag genau trifft die deutsche Autobranche der Diesel- und Kartellskandal mit voller Wucht, und Anleger fragen sich, was das für die Konzerne bedeuten wird. Wird Daimler, VW und BMW das gleiche Schicksal ereilen wie einst Deutsche Bank und Commerzbank - nämlich eine jahrelange Dürre bei der Kursentwicklung sowie folgenschwere Kapitalerhöhungen?

Was dafür spricht

Risiken nicht zu übersehen: Die Einschätzung vieler Experten nach dem Dieselgipfel von Bund und Ländern mit den Vertretern der Autohersteller war übereinstimmend: Sie sparten nicht mit Kritik. Mit der Beschränkung auf Software-Updates sei die Politik vor der Industrie eingeknickt, sagte etwa der ADAC. Die Ergebnisse des Gipfels seien nur "ein erster Schritt." Mit Hardware-Nachrüstungen ließe sich der Stickoxidausstoß nicht nur um 25 Prozent, sondern um bis zu 90 Prozent senken. Während der Gipfel daher möglicherweise ein Nachspiel haben könnte, machen sich Analysten und Investoren bereits über ein anderes Thema Gedanken: mögliche Strafzahlungen, falls sich herausstellen sollte, dass es tatsächlich ein Kartell zwischen Daimler, BMW und Volkswagen gegeben haben sollte. Immerhin untersucht neben der EU-Kommission und dem Bundeskartellamt auch das US-Justizministerium die Vorgänge.

"Die EU-Kartellwächter können zehn Prozent des betroffenen Umsatzvolumens als Strafe verhängen, abhängig von der Dauer und dem Ausmaß des Vergehens", sagt Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets. Laut den Analysten der Exane BNP könnten damit auf BMW Kosten von rund acht Milliarden Euro zukommen, 14 Milliarden für Daimler und 19 Milliarden für Volkswagen - jeweils nach einem Abschlag von zehn Prozent für die Einigung mit der Kommission. Abzuziehen sei allerdings, dass derjenige Konzern, der sich selbst zuerst angezeigt habe, straffrei ausgehen könne. Laut Medienberichten soll das Daimler gewesen sein. Volkswagen habe nachgezogen, weshalb die Wolfsburger auf einen Straferlass von 50 Prozent hoffen könnten.

Reaktionen im Ausland: Die EU-Kommission könnte an den Autoherstellern ein Exempel statuieren. Schließlich war die Kommission nicht besonders begeistert, dass Volkswagen den vom Dieselskandal betroffenen Kunden in Europa keine Entschädigung gezahlt hat, während der Konzern die US-Kunden entschädigt hat. Gleichzeitig könnte das US-Justizministerium eine saftige Strafe gegen die deutschen Autohersteller verhängen. Die noch viel größeren Risiken sind allerdings der Vertrauensverlust der Käufer in deutsche Autoproduzenten sowie eine mögliche deutliche Verschärfung der Regulierung. Dabei ist der Autosektor für den Export Deutschlands so wichtig wie kein anderer Wirtschaftszweig. Im Jahr 2016 wurden Kraftwagen und -teile im Wert von 228 Milliarden Euro ausgeführt, vor Maschinen mit 169,8 Milliarden und chemischen Erzeugnissen mit 107 Milliarden.

Was dagegen spricht

Finanzkrise mit anderen Dimensionen: Zur positiven Entwicklung bei den Autobauern zählt, dass sie die Probleme aus den Skandalen ohne Finanzprobleme haben lösen können. Kapitalerhöhungen sind bei VW & Co. zu diesem Zeitpunkt nicht notwendig, ganz im Gegensatz zum Finanzbedarf der Banken in der Finanzkrise 2008.

Die Deutsche Bank und die Commerzbank kamen zusammen in der Summe auf einen Betrag von rund 55 Milliarden Euro, der über Kapitalerhöhungen eingesammelt worden ist. Einiges spricht dafür, dass die Autobauer weiterhin davon verschont bleiben. Ausgangspunkt dieser Überlegungen sind die Strafen aus dem LKW-Skandal im Vorjahr. Laut den Analysten der Exane BNP hat die EU-Kommission bei der Verhängung der Strafe für das Kartell bei Lkws im Juli 2016, die sich auf den Rekord von 2,9 Milliarden Euro belaufen hat, sehr enge Maßstäbe angelegt. Daher könnten die möglichen neuen Strafen für die Autohersteller relativ gering ausfallen. "Wir sehen keine Rechtfertigung für eine neue Rekordkartellstrafe (das heißt mehr als 2,9 Milliarden Euro)", so die Finanzprofis.

Viele Investoren teilen offensichtlich diese Einschätzung, waren doch die Kursverluste seit dem Bekanntwerden des möglichen Skandals am 21. Juli überschaubar. So ist der Börsenwert von Daimler um "nur" 4,5 Milliarden Euro gesunken, jener von BMW um 3,3 Milliarden und von Volkswagen um 6,2 Milliarden - also insgesamt um 14 Milliarden Euro. Zuletzt hatten sich die Aktienkurse der Autobauer sogar erholt.

Für eine Fortsetzung der Bodenbildung bei den Aktienkursen der Automobilhersteller sind sogenannte Capped Bonuszertifikate eine gute Investmentalternative zum direkten Aktienkauf. "Capped Bonuszertifikate bieten in einem stagnierenden Markt Vorteile gegenüber einem Direktinvestment, da die ausstehende Bonuszahlung eine positive Rendite ermöglicht, selbst wenn die Kurse im Basiswert auf der Stelle treten", erklärt Marcus Landau, Zertifikateexperte bei der DZ Bank. "Der Bonus wird aber nur gezahlt, wenn eine unter dem aktuellen Aktienkurs liegende Barriere nicht verletzt wird", so Landau weiter. Bei den ausgewählten Papieren ohne Aufgeld auf Daimler (WKN CY7RQF), auf VW (WKN HU87MU) und auf BMW (WKN CY7CND) liegen sie deutlich, also rund 20 Prozent unter den jeweiligen aktuellen Aktienkursen bei einer Laufzeit bis Juni 2018. Die zu erzielende Rendite beläuft sich auf 7 bis 9 Prozent.

Strafen nicht entscheidend: Für eine weitere Beruhigung der Aktienkurse spricht auch, dass die Diesel- und Kartellaffäre eher als ein europäisches als ein internationales Problem gesehen wird. Zwar sind harte Strafen in den USA verhängt worden, erreichen aber nicht die Ausmaße der Finanzkrise. Für die Zukunft der deutschen Autobauer ist aber nicht allein die Höhe Strafen entscheidend, sondern ob ihre Technologie noch zukunftsweisend ist. Derzeit spricht einiges für Tesla und andere Automobilhersteller, die stärker auf Elektromobilität gesetzt haben. Doch die Dieseltechnologie dürfte - in abgeänderter Form - noch einige Jahre Bestand haben. Außerdem verdienen Deutschlands führende Autobauer im Gegensatz zu Tesla viel Geld und leiden nicht wie damals die Finanzbranche an strukturellen Problemen. Das Auto wird ein nachhaltiges Produkt bleiben und so erscheinen die derzeit niedrigen Aktienkurse von VW, Daimler und BMW alles andere als nachhaltig zu sein.

Disclaimer: Dieser Beitrag stellt keinerlei Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Aktien oder Anlageprodukten dar. Für die Richtigkeit der Daten wird keine Haftung übernommen.

Quelle: ntv.de