Wirtschaft

"Zinsen fallen nicht vom Himmel" Weidmann sieht keine Enteignung der Sparer

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Bundesbank-Präsident Jens Weidmann.

(Foto: picture alliance / dpa)

Angesichts der Dauerkritik am Zinstief verteidigt Bundesbank-Chef Weidmann die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Eine Mindestrendite für Sparer könne sie nicht versprechen.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) unter deren Chef Mario Draghi gegen Angriffe aus der Politik verteidigt. "Es ist Aufgabe der Notenbanken, die Menschen vor Inflation zu schützen. Eine Mindestrendite für Sparer können sie nicht versprechen", sagte Weidmann auf einer Veranstaltung in München.

Die Geldentwertung durch Inflation sei gegenwärtig so gering, dass die reale Verzinsung von Spareinlagen über null liege und damit höher als in den 1970er-Jahren und auch in den Jahren 2011 bis 2014. Angesichts der Niedrigzinspolitik wird der EZB vor allem in Deutschland immer wieder vorgeworfen, die Sparer regelrecht zu enteignen. Aufgrund verschiedener Anlagemöglichkeiten wie Aktien und Investmentfondsanteilen erwirtschafteten die deutschen Privathaushalte aber durchschnittlich einen realen Ertrag von gut zwei Prozent, so Weidmann.

Im April waren die Verbraucherpreise in der Eurozone um 0,2 Prozent gefallen. In Deutschland stiegen sie um 0,1 Prozent. Die EZB sieht Preisstabilität bei einer Inflation von knapp unter zwei Prozent. Um dieses Ziel zu erreichen, senkte die EZB den Leitzins auf null Prozent und flutet die Märkte mit billigem Geld. Eine Folge: Gerade die in Deutschland so beliebten Anlagen wie Tages- und Festgeld werfen kaum noch Rendite ab.

"Zinsen müssen erwirtschaftet werden"

Er könne die Sorgen von Sparern nachvollziehen, sagte der Bundesbank-Präsident, der im Rat der EZB sitzt. "Wir alle sind aber nicht nur Sparer, sondern auch Arbeitnehmer, Häuslebauer, Steuerzahler und Unternehmer – und aus dieser Perspektive erscheinen die niedrigen Zinsen nicht nur negativ", fügte er hinzu.

Die Höhe der langfristigen Zinsen hängen auch von den Wachstumsaussichten einer Volkswirtschaft ab, sagte Weidmann. "Denn die Zinsen für die Anleger fallen ja nicht vom Himmel. Sie müssen von den Unternehmen erwirtschaftet werden."

Der Bundesbank-Präsident forderte die Politik auf, bessere Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt sowie auf den Güter- und Produktmärkten zu schaffen. "Je eher Strukturreformen greifen, desto eher gelingt der Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik", so Weidmann. "Es wäre fatal, wenn sich die Politik auf die kurzfristigen Wirkungen der ultra-lockeren Geldpolitik verlassen und darüber das Reformieren vergessen würde."

Zugleich kritisierte Weidmann den Kauf von Staatsanleihen durch die EZB. Aufgrund der anhaltend niedrigen Inflationsaussichten und der nur verhaltenen wirtschaftlichen Erholung im Euroraum sei die derzeitige Geldpolitik zwar angemessen. Doch über deren konkrete Ausgestaltung könne man unterschiedliche Auffassungen haben: "Die geldpolitischen Entscheidungen sind im Detail nicht alternativlos."

Quelle: n-tv.de, jga/rts/dpa

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