Wer zahlt, wer profitiert?Welchen Anteil an der Steuerlast Spitzenverdiener wirklich tragen
Von Max Borowski
Wenige Reiche tragen einen Großteil des Einkommensteueraufkommens und dürfen nicht noch stärker belastet werden, argumentieren die einen. Die Spitzenverdiener beteiligen sich aber kaum an den Sozialversicherungen, wenden die anderen ein. Der Versuch einer umfassenden Betrachtung:
Die aktuelle Debatte um die Einkommensteuerreform hat auch eine ältere, grundlegende Diskussion wieder losgetreten: Wer trägt bisher überhaupt wie viel zur Finanzierung des Gemeinwesens in Deutschland bei? Eine häufig zitierte Antwort darauf ist, dass 7,4 Prozent der Steuerzahler so viel verdienen, dass ein Teil ihres Einkommens mit dem sogenannten Spitzensteuersatz belegt wird. Diese 3,2 Millionen Menschen mit einem zu versteuernden Einkommen - nicht zu verwechseln mit ihrem Gesamteinkommen - von mehr als 58.597 Euro im Jahr zahlten im Jahr 2023 189 Milliarden Euro oder nahezu die Hälfte des gesamten Einkommensteueraufkommens in Deutschland.
Gut 140.000 oder 0,3 Prozent der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler fallen mit ihrem Jahreseinkommen über 277.826 Euro unter den als Reichensteuer bekannten Höchststeuersatz von 45 Prozent. Sie allein zahlen 15,3 Prozent des gesamten Einkommensteueraufkommens. Diese Zahlen sind für viele konservative und liberale Politiker Beweis dafür, dass Spitzenverdiener einen sehr großen Anteil der Steuerlast tragen und bei einer Reform nicht noch mehr belastet werden dürften.
Doch diese Zahlen geben nur ein unvollständiges Bild. Politisch aussagekräftig sind sie nur, wenn sie in mehreren Schritten ins Verhältnis gesetzt werden: zum Anteil dieser Spitzenverdiener am Einkommen, zum Anteil der Einkommensteuer und anderer Steuern und Abgaben, bei denen Spitzenverdiener weniger belastet sind, der Finanzierung des Staates und zu staatlichen Zahlungen, die etwa in der Form von Kinder- und Elterngeld oder Renten- und Pensionen auch die oberen Einkommensgruppen erhalten. Jeder dieser Schritte vervollständigt das Bild von der Lastenverteilung und verändert es teilweise stark.
Laut dem Statistischen Bundesamt entfallen auf die 3,2 Millionen Spitzensteuersatzzahler etwa 30 Prozent und auf die 140.000 Zahler der Reichensteuer etwa 7,3 Prozent der Gesamteinkünfte der Bevölkerung. Das relativiert die Belastung dieser Gruppen etwas, bestätigt aber die Annahme, dass sie deutlich überproportional zu ihren Einkünften zum Einkommensteueraufkommen beitragen. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zur Finanzierung des Staates zahlt das reichste Prozent der Deutschen etwa 30 Prozent ihres Haushaltseinkommens an Einkommensteuern. Haushalte mit einem Medianeinkommen dagegen nur 8,5 Prozent.
Ganz anders fällt jedoch die Belastung bei anderen Steuern aus. Indirekte Steuern wie Mehrwert- und Energiesteuer sowie Alkohol-, Tabak- und Wettsteuer richten sich nicht nach dem Einkommen. In Euro gemessen zahlen auch die reicheren Haushalte mehr als solche mit mittlerem oder niedrigem Einkommen. Die Belastung durch solche Steuern ist allerdings für die ärmeren ungleich höher. So müssen die fünf Prozent der Haushalte am unteren Ende der Einkommensverteilung mehr als 20 Prozent ihrer Einkünfte für indirekte Steuern aufwenden, für die reichsten fünf Prozent sind es dagegen weniger als sieben Prozent ihrer Einkommen.
Nur schwache Progession bei den Abgaben
Zum Sozialversicherungssystem dagegen tragen die Spitzenverdiener nicht nur relativ zum Einkommen, sondern auch in absoluten Zahlen weniger bei als weniger reiche Haushalte. Den IW-Zahlen zufolge zahlte das reichste Prozent der Haushalte etwa 7730 Euro an Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung. Das ist genauso viel wie die Haushalte auf der 70. Perzentile. Die Perzentile beschreibt, wo ein Wert in einer Verteilung nach Prozent liegt. In diesem Fall, dass 69 Prozent der Haushalte geringere und 30 Prozent höhere Einkommen haben. Die höchste Belastung durch die Sozialversicherungsabgaben mit durchschnittlich zwölf Prozent der Einkünfte oder mehr bleibt bei den mittleren Einkommensgruppen. Für die Spitzenverdiener fallen diese Abgaben mit 2,5 Prozent an ihren Einkünften kaum ins Gewicht.
Rechnet man die gesamte Abgaben- und Steuerbelastung zusammen, ergeben sich zwischen allen Einkommensgruppen nur vergleichsweise geringe Unterschiede. Die geringste Belastung mit 29,8 Prozent gemessen an den Einkünften haben die Haushalte der 17. Perzentile. Dann steigt die Steuer- und Abgabenlast mit zunehmendem Einkommen langsam an auf 39,3 Prozent für die Haushalte der 97. Perzentile. Für die drei Prozent der bestverdienenden Haushalte ist die Belastung etwas geringer. Diese Belastungsquoten sind deutlich geringer, als Steuer- und Abgabenquoten von 50 Prozent und mehr, die oft genannt werden, wenn es um die hohen Lohnnebenkosten in Deutschland geht. Letztere beziehen sich meist auf die Belastung von steuerpflichtigen Arbeitseinkünften, während es bei den zitierten Zahlen des IW um alle Arten von Einkünften geht.
Die Aussage, dass hohe Einkommensbezieher auch höhere Lasten für das Gemeinwesen tragen, gilt bei einer Betrachtung über alle Steuern und Abgaben also nur eingeschränkt. Dieses Bild verändert sich aber noch einmal erheblich, wenn nicht nur Zahlungen an, sondern auch vom Staat betrachtet werden. Dazu gehören unter anderem Leistungen aus der Sozialversicherung, wie die gesetzliche Rente, und das Bürgergeld (inzwischen Grundsicherung), Wohngeld, Kinder- und Elterngeld. Haushalte aller Einkommensgruppen erhalten solche Leistungen.
Das ärmste Prozent aller Haushalte bezieht knapp 4.600 Euro pro Jahr vom Staat, das reichste Prozent etwa 3.280 Euro. Die Haushalte der unteren Mittelschicht etwa vom 25. bis 40. Perzentil kommen mit durchschnittlich knapp über 15.000 Euro auf die höchsten staatlichen Zahlungen. Den Großteil davon machen gesetzliche Rentenzahlungen aus. Als Anteil an den Einkommen fallen die staatlichen Leistungen bei den Spitzenverdienern jedoch kaum ins Gewicht, während sie bei den Ärmsten mehr als zwei Drittel der Einkünfte ausmachen.
Nur die obere Hälfte leistet Nettobeitrag
Zieht man die erhaltenen Zahlungen von den gezahlten Abgaben und Steuern ab, lässt sich eine Aussage darüber treffen, wie hoch die Nettobelastung, beziehungsweise der relative Beitrag zur Finanzierung des Staates ist. Das Ergebnis: Die Belastung steigt tatsächlich nahezu kontinuierlich an von den niedrigsten Einkommensgruppen, die netto stark von staatlichen Zahlungen profitieren, über die mittleren Perzentile, die etwa denselben Anteil ihrer Einkünfte vom Staat erhalten, wie sie auch als Steuern und Abgaben entrichten, bis zu den Spitzenverdienern, die netto knapp 40 Prozent von ihren Einkünften abführen müssen.
Haushalte mit hohen Einkünften tragen also tatsächlich einen deutlich höheren Betrag, während fast die gesamte untere Hälfte der Einkommensverteilung mehr von Staat einnimmt, als sie an ihn zahlt. Einschränkend bleibt allerdings zu beachten, dass die Menschen im Land nicht nur finanziell vom Staat profitieren oder zum Gemeinwesen beitragen. Jeder, auch wenn er keinerlei staatliche Zahlungen erhält, nutzt die Infrastruktur und profitiert von einer funktionierenden Verwaltung und Justiz, wie auch vom Bildungswesen. Umgekehrt kann auch der Beitrag von Menschen zum Gemeinwesen positiv sein, wenn sie Netto-Empfänger von Transferleistungen sind. Rentner und Pensionäre, auf die ein Großteil der staatlichen Zahlungen entfällt, haben in der Regel zuvor jahrzehntelang in die Sozial- und Steuerkassen eingezahlt.
Gar nicht berücksichtigt an dieser Stelle sind die Vermögen. Während Deutschland Einkünfte und dabei insbesondere Arbeitseinkünfte im internationalen Vergleich stark mit Steuern und Abgaben belastet, werden Vermögen nur sehr gering besteuert. Dadurch kann sich gerade die kleine Gruppe von Superreichen, mit wachsenden Vermögen von Hunderten Millionen oder Milliarden Euro, einer angemessenen Beteiligung an der Finanzierung des Staates entziehen.