Wirtschaft

US-Notenbank im Panikmodus Wie die Corona-Angst die Wirtschaft infiziert

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Flugverkehr, Lieferketten und Nachfrage brechen ein: Das Coronavirus lähmt die Wirtschaft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die US-Notenbank senkt hektisch die Zinsen, die Finanzmärkte beben wie bei der Lehman-Pleite, Regierungen basteln an Rettungspaketen. Die Panikreaktionen zeigen: Der ökonomische Schaden der Epidemie ist ebenso dramatisch wie die gesundheitlichen Folgen.

Dass die Währungshüter angesichts der weltweiten Angst vor dem Corona-Virus alarmiert sind, war klar. Aber dass sie so nervös sind, konnte niemand ahnen: US-Notenbankchef Jerome Powell hat inmitten der globalen Epidemie völlig überraschend die Zinsen gesenkt. Powell hatte erst am Freitag erklärt, man werde notfalls "handeln, wie es angemessen ist, um die Wirtschaft zu unterstützen". An den Finanzmärkten war deshalb eine Senkung bei der nächsten Fed-Zinssitzung in zwei Wochen erwartet worden. Dass Powell den Schritt nun hektisch vorzieht, kann man nur eine Panikreaktion nennen.

Auch die anderen großen Notenbanken der Welt sind längst alarmiert. EZB-Chefin Christine Lagarde steht bereit, "angemessene und zielgerichtete Maßnahmen" wegen der Corona-Krise zu ergreifen. Die japanische Notenbank hat signalisiert, dass sie sich ebenfalls warmläuft. Und in Malaysia und Australien hatten die Währungshüter die Zinsen sogar noch vor Fed-Chef Powell gesenkt.

Die außergewöhnlichen Schritte der Notenbanker verdeutlichen, dass sich auch die Wirtschaft zunehmend in Schockstarre befindet. Mehr als 90.000 Menschen sind weltweit infiziert, die WHO hat wegen der neuartigen Lungenkrankheit, die offiziell Covid-19 heißt, den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Großveranstaltungen sind abgesagt, Schulen bleiben geschlossen, in vielen Städten werden Nudeln und Desinfektionsmittel gehamstert. Doch in der Angst vor der Epidemie geht unter, dass sich die Panik womöglich schneller verbreitet als die Krankheit selbst. Und dass sie massive wirtschaftliche Konsequenzen hat, egal wie berechtigt oder nicht sie auch sein mag.

Weltweite Unsicherheit lähmt die Wirtschaft

Die Börsen erleben dank der Corona-Krise zurzeit die größte Achterbahnfahrt seit der Finanzkrise: Der Dow-Jones-Index stürzte in der vergangenen Woche um 12 Prozent ab, der S&P-500 brach 11 Prozent ein, soviel wie seit der Lehman-Pleite von 2008 nicht mehr.

Bis vor wenigen Wochen legte das Virus nur chinesische Provinzen lahm. Sofort wuchs die Angst, der Wachstumsmotor im Reich der Mitte könne stottern. Inzwischen hat sich das Coronavirus zur globalen Epidemie ausgeweitet. Und damit hat die Sorge vor den Folgen möglicher Quarantäne-Maßnahmen die Wirtschaft weltweit angesteckt.

Denn wenn Menschen sich abschotten, nicht zur Arbeit gehen, Kindergärten und Schulen geschlossen bleiben, kommt nicht nur das gesellschaftliche Leben zum Erliegen. Die Angst vor dem Virus lähmt die Wirtschaft: Waren können nicht geliefert werden, wenn Züge nicht fahren und Flugzeuge nicht fliegen. Tourismus und Verkehr, Lieferketten und Nachfrage brechen ein - und mit ihnen der internationale Handel.

Die globalen wirtschaftlichen Folgen der Epidemie sind bereits unübersehbar: Die Lieferung von Smartphones und PCs aus China wird sich laut Herstellern um Wochen verzögern. Apple hat wegen der Corona-Epidemie schon vor Wochen eine Gewinnwarnung ausgegeben. Und ein japanischer Kreuzfahrtanbieter ist bereits pleite.

Wie verheerend das Virus für die Wirtschaft sein wird, ist kaum exakt vorherzusagen. Doch dass die Corona-Krise das Wachstum deutlich dämpfen dürfte, scheint unvermeidlich. Die G7-Länder bereiten bereits ein koordiniertes Vorgehen gegen den kommenden Wirtschaftseinbruch vor. "Angesichts der potenziellen Folgen von Covid-19 für das globale Wachstum" stehe man bereit, "alle angemessen Maßnahmen zu ergreifen, um starkes, nachhaltiges Wachstum zu erreichen", teilten die Finanzminister der sieben größten Volkswirtschaften der Welt nach einer Telefonkonferenz mit.

Rettungspakete gegen die Wachstumsflaute

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) warnt bereits, dass die Corona-Panik das globale Wachstum halbieren und die Weltwirtschaft in die Rezession stürzen könnte: Sie erwartet im laufenden Jahr nur noch ein globales Wachstum von 2,4 Prozent, ein halber Prozentpunkt weniger als zuletzt vorhergesagt. Schlimmstenfalls könnte "das weltweite Wachstum 2020 auf 1,5 Prozent sinken". 

Vor allem in Deutschland wächst die Sorge, dass die Angst vor dem Corona-Virus die Konjunktur abwürgen könnte. Man dürfe nicht zulassen, "dass dieses Virus den Aufschwung infiziert", sagte Wirtschaftsminister Altmaier am Montag bei ARD. Denn das Wachstum in der Eurozone war schon lange vor dem Ausbruch der Epidemie auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Euro-Krise gefallen.

Der Kampf gegen die Krise wird nicht leichter dadurch, dass die EU-Länder unterschiedliche Ansätze verfolgen. Während in Italien ganze Städte unter Quarantäne gestellt werden, hält das Robert-Koch-Institut in Deutschland die Gefahr weiterhin für "mäßig". Gesundheitsminister Jens Spahn ist weiter gegen Grenzschließungen. Die EU hält die Ansteckungsgefahr in Europa dagegen nun für "hoch".

Viele Regierungen werkeln deshalb bereits im Stillen an Konjunkturpaketen. "Wenn die Lage es erfordert, dass ein solcher Impuls nötig wird, haben wir auch die Mittel, ein Konjunkturprogramm aufzulegen", sagte Finanzminister Olaf Scholz der "Welt am Sonntag". Auch Ifo-Chef Clemens Fuest hält die derzeitige konjunkturelle Situation für "insgesamt sehr gefährlich". Die Politik könne Unternehmen mit Notkrediten stützen oder zu Kurzarbeitergeld greifen, meint Fust. "Wir haben bereits ein Ausgabenpaket zusammengestellt, um verschiedene Risiken zu vermeiden", sagt der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe. "Sollten weitere Schritte als notwendig erachtet werden, werden wir ohne Zögern tätig werden."

Notenbanken im Panikmodus

Die Finanzmärkte erwarten zunehmend ein koordiniertes Eingreifen der Währungshüter zur Stabilisierung der Märkte. Das Problem ist, dass die Zinsen bereits jetzt nahe Null liegen. Eine mögliche Antwort auf die Corona-Krise dürfte daher in weiteren, unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen liegen: Geldspritzen an die Banken oder Anleihekaufprogrammen.

Die Deutsche Bank geht laut einer Studie von drastischen Reaktionen der Notenbanker aus. Zwar hatten die Analysten Powells hastige Zinssenkung nicht erwartet. Sie gingen aber von einer Senkung bei der nächsten Zinssitzung aus - und weiteren Schritten in der gleichen Größenordnung bei den folgenden Treffen des Fed-Rates. Von der EZB erwarten sie neue Geldspritzen, um kleine und mittelständische Firmen in betroffenen Regionen zu stützen.

Die Hoffnung auf solche Hilfspakete gibt den Aktienmärkten inzwischen zwar auch wieder Schub: Am Montag kletterte der Dow-Jones-Index um 5,1 Prozent, der größte Tagesgewinn in mehr als zehn Jahren. Auch der Dax legt heute um 1,1 Prozent zu. Doch mittelfristig sind die Aussichten durchwachsener. Die Deutsche Bank erwartet einen Einbruch am Aktienmarkt von rund 20 Prozent gemessen an den jüngsten Höchstständen. Und schlimmstenfalls von sogar 30 Prozent.

Quelle: ntv.de