Wirtschaft

Aktionäre grillen Deutsche-Bank-Chefs "Wir haben Ihre Geduld äußerst strapaziert"

Achleitner, Paul.jpg

Auf der Hauptsversammlung der Deutschen Bank schlug Chefaufseher Paul Achleitner die Wut der Aktionäre entgegen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Fast sieben Milliarden Euro Verlust, keine Dividende, Börsenkurs im Keller: Die Aktionäre machen den Chefs der Deutschen Bank bei der Hauptversammlung die Hölle heiß. Die bitten um Geduld. Reicht das, um ihre Posten zu retten?

Paul Achleitner hat gerade erst seine Rede auf der Hauptversammlung begonnen, da kommen schon die ersten Zwischenrufe. Doch er bleibt stoisch. Den Aufsichtsrat der Deutschen Bank führt er seit Mai 2012. Doch bei diesem Aktionärstreffen steht er im Kreuzfeuer. Einen Rekordverlust von sieben Milliarden Euro Verlust hat seine Bank im vergangenen Jahr eingefahren. Dividende wird es nicht geben. Auch im laufenden Jahr können sich die Anteilseigner eine Ausschüttung wohl abschminken. Doch Achleitner zeigt kaum Nerven.

"Die Reputation hat gelitten, das Vertrauen am Kapitalmarkt ist erschüttert, der Aktienkurs ist ein Desaster", sagt Fondmanager Ingo Speich von Union Investment. Seit Achleitner im letzten Sommer die Notbremse zog und den neuen Chef John Cryan an die Spitze der Bank berief, hat sich der Kurs halbiert. "Die Deutsche Bank steckt in der schwersten Krise ihrer Geschichte", sagt Speich.

Einige Aktionäre machen ihrem Ärger deshalb schon während Achleitners Rede Luft. Er versucht, ihnen gleich zu Beginn den Wind aus den Segeln zu nehmen. "Viele von ihnen meinen, der Aufsichtsrat und ich hätten früher eingreifen müssen. Sie werfen mir vor, zu lange an einzelnen Vorständen festgehalten zu haben." Die rhetorische Frage quittiert der Saal spontan mit Applaus. Ebenso wie Achleitners Eingeständnis, dass sich viele Aktionäre inzwischen fragen würden, ob er noch der richtige für den Job sei.

"Abhängig von einer Person"

Viele wollen ihm und dem Vorstand die Entlastung versagen. Der Österreicher verteidigt sich nach Kräften. Die Verantwortung für die zahllosen Skandale, die der Bank die Zahlen verhageln, liegt in der Vergangenheit. 7800 Prozesse laufen noch. 1,2 Milliarden Euro hat die Bank seit 2012 für Anwälte ausgegeben. Fragwürdige Geschäfte mit Hypotheken, Zinsmanipulationen, Devisenschummel – die Rechtsstreitigkeiten haben der Bank Sonderbelastungen von 13 Milliarden Euro eingebrockt.

Achleitners Rede ist auch eine Abrechnung mit den alten Mächten, die bei der Deutschen Bank mehr als ein Jahrzehnt den Ton angaben. Bei seinem Amtsantritt sei die Bank unterkapitalisiert gewesen. Und "abhängig von einem einzigen Geschäftsbereich, dem Investmentbanking, und darin abhängig von wenigen, wenn nicht sogar von einer Person." Ein deutlicher Seitenhieb auf Anshu Jain, den einstigen Star-Investmentmentbanker, in dessen Verantwortung die meisten der Skandale fallen, die das Geldhaus noch lange lähmen werden.

Achleitner hat zwar Tabula Rasa gemacht. Aber erst nach drei qualvollen Jahren hat er Jain und die meisten seiner engen Gefolgsleute in der Bank abgesägt: "Es war unübersehbar, dass die Glaubwürdigkeit wichtiger Manager gelitten hatte", räumt Achleitner ein. Vielen Aktionären geht die Auflösung von "Anshu's Army" nicht schnell genug. "Unser Image in der Öffentlichkeit muss noch deutlich besser werden", bekennt auch Achleitner.

"Wir müssen hart arbeiten"

Die beiden Bankchefs John Cryan und Jürgen Fitschen unterstützen Achleitner bei seiner Mission. Die Deutsche Bank hat ihr Vertrauen vollständig ruiniert. "Wir müssen hart arbeiten, um uns dieses Ansehen wieder zu verdienen", sagt Cryan. Hilfreich ist dabei, dass er in nahezu perfektem Deutsch spricht, obwohl er aus Nordengland stammt. Sein Vorgänger Jain, ebenfalls Brite, hatte meist nur einige dürre Sätze auf Deutsch gesagt. Danach waren viele Zuhörer auf die Simultanübersetzung angewiesen. Die gestörte Kommunikation zwischen Chefetage und Beobachtern der Bank war nahezu mit Händen zu greifen.

Nach der Hauptversammlung soll Cryan nun auch die alleinige Führung übernehmen. Co-Chef Jürgen Fitschen verlässt den Vorstand wie geplant. Auch er war von Achleitner im vergangenen Sommer um eine frühzeitige Beendigung seines Vertrages gebeten worden. Anders als Jain, der sofort geschasst wurde, durfte Fitschen aber noch ein Jahr weitermachen. Nach dem Freispruch im Kirch-Prozess kann der 67-Jährige nun erhobenen Hauptes abtreten. Als Berater wird er die Bank weiterhin im Geschäft mit Unternehmen in Deutschland und Asien unterstützen.

"Mir ist bewusst, dass ihre Geduld äußerst stark strapaziert wurde. Dennoch bitte ich sie, geben sie der neuen Bankführung ihre Rückendeckung", bittet Achleitner gegen Ende seiner Rede. Unmittelbar scheint das die Aktionäre wenig zu interessieren. Die Abstimmung über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat zieht sich hin. Mehrere Dutzend Redner haben sich noch am Nachmittag angekündigt. Offensichtlich haben die Aktionäre noch viel Gesprächsbedarf.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.