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Dax-Konzern ist insolvent Im Wirecard-Skandal haben alle versagt

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Der Zusammenbruch des einstigen Börsenwunders ist bitter für den Finanzplatz Deutschland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit der Pleite ist die Katastrophe bei Wirecard komplett: Aufseher, Anleger und Medien wollten nicht wahrhaben, dass der Börsenstar auf Lügen gebaut ist. Eine Schande, die das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft erschüttert. Und die schnell getilgt werden muss - auch von der Börsentafel.

Der Super-Gau ist eingetreten. Nach milliardenschweren Luftbuchungen und der Verhaftung von Ex-Chef Markus Braun ist Wirecard am Ende. Ein Dax-Konzern meldet Insolvenz an, zum ersten Mal überhaupt. Es gibt gar nicht genug Superlative, um die epische Dimension dieses Totalschadens zu beschreiben.

Von Wirecard wird nichts übrig bleiben - außer der Erinnerung an einen gigantischen Bilanzbetrug. Einst sagten Analysten dem deutschen Tech-Wunder aus Aschheim einen Kurs von über 200 Euro voraus. Inzwischen ist die Aktie auf dem besten Weg zum Pennystock. Nennenswerte Firmenwerte gibt es nicht. Der Imageschaden ist so groß, dass ein Neuanfang nur noch unter neuem Namen denkbar ist. Der größte Hoffnungsträger der New Economy hat sich als größte Luftnummer der deutschen Börsengeschichte erwiesen.

Milliarden an Kapital vernichtet, das Geld vieler Kleinanleger ausgelöscht, Tausende Jobs verloren. Und was noch verheerender ist: Wie der Dieselbetrug bei Volkswagen, die skrupellosen Zockerdeals der Deutschen Bank oder das Schmiergeldsystem bei Siemens erschüttert der Wirecard-Skandal einmal mehr das Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland - und in die gesamte deutsche Wirtschaft.

Das Lügengebäude ist eingestürzt

Solide Finanzen, deutsche Ingenieurskunst, ehrbare Kaufmannstugend - so ist die deutsche Wirtschaft weltweit zum Vorbild geworden. Tricksen, täuschen, vertuschen - das war das Prinzip Wirecard. Die Manager, allen voran der gefallene Ex-Chef Markus Braun, haben Anleger, Analysten und sogar die eigenen Wirtschaftsprüfer in die Irre geführt. Selbst als die Bombe, dass der Konzern ein Viertel seines Geldes nie hatte, längst geplatzt war und die Pleite bereits in der Luft lag, haben sie die Investoren noch in falscher Sicherheit gewiegt: Wir führen konstruktive Gespräche mit den Kreditgebern, alles halb so schlimm.

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Der Wirecard-Crash ist eine Katastrophe mit Ansage. Alle haben ihr zugeschaut, aber keiner hat sie gestoppt. Nicht die Finanzaufsicht, die viel früher und härter hätte eingreifen müssen. Nicht die Politik, die die Bafin trotz Finanzkrise und endloser Anlegerskandale wie S&K, Prokon und P&R immer noch nicht ausreichend hochgerüstet hat. Nicht die deutschen Medien, die zu feige waren, früher kritisch zu berichten. Und schon gar nicht der Aufsichtsrat oder Wirecard-Chef Braun selbst, der den Betrug nicht sehen wollte oder womöglich sogar vertuscht hat. Er sollte sich an dem einzigen Ort dafür verantworten müssen, der diesem historischen Kriminalfall angemessen ist: vor Gericht.

Einzig den Journalisten der britischen "Financial Times" gebührt in dieser traurigen Geschichte allerhöchster Respekt. Sie haben mit ihren Enthüllungen das Lügengebäude in Aschheim zum Einsturz gebracht. Nur sie hatten den Mut, die Wahrheit gegen alle Widerstände kompromisslos auszusprechen, so wie es ihr Leitspruch ist: "Without fear or favour". Die deutsche Medienlandschaft hat weitgehend vor Wirecard gekuscht, viele Journalisten hat der Konzern mit Klagen und Drohungen über weite Strecken mundtot gemacht. Dabei waren die Anzeichen, dass in der Bilanz etwas gehörig faul sein könnte, schon vor über einem Jahr nicht zu übersehen.

Der Zusammenbruch des Börsenwunders ist unfassbar bitter. Was hätte der Konzern auf ehrliche Art und Weise alles erreichen können: Wirecard hatte das technische Know-how, die Kunden, und lange auch das Standing, um es eines Tages mit den Onlineriesen aus dem Silicon Valley aufzunehmen und in der Fintech-Zukunftsbranche ganz vorne dabei zu sein. Stattdessen ist das Kürzel WDI nun ein Schandfleck an der Börsentafel. Spätestens bis zum Herbst, wenn Wirecard bei der turnusgemäßen Überprüfung wohl aus dem Dax fliegt, wird jeder verbleibende Handelstag Anleger, Börsianer, Politiker und Journalisten daran erinnern. Hoffentlich lernen sie daraus.

Quelle: ntv.de