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App trackt Symptome Ist das die Hoffnung für verzweifelte Long-Covid-Patienten?

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Long Covid hat eine Vielzahl von Symptomen.

(Foto: picture alliance / ROBIN UTRECHT)

Rund 17 Millionen Menschen in Europa kämpfen Schätzungen zufolge mit Long Covid. Einer von ihnen ist Harry Leeming. Auch er hat sich nach seiner Corona-Infektion nicht wieder erholt. Aus Verzweiflung entwickelt er eine Plattform, die helfen soll, die Krankheit zu verstehen.

Als Harry Leeming nach seiner Corona-Infektion im September 2020 erste Symptome von Long Covid entwickelte, stieß der 29-jährige Engländer bei Ärzten und in Krankenhäusern auf Unverständnis und Ratlosigkeit. Obwohl er akute Beschwerden hatte, waren alle Untersuchungen unauffällig. Dabei litt er an Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit, starkem Herzklopfen und Brustschmerzen. "Sie wurden so stark, dass ich in die Notaufnahme ging und abgewiesen wurde, weil man mir sagte, ich hätte Angstzustände oder sei erschöpft", zitiert der "Guardian" Leeming.

Bis heute hat sich Leeming nicht wieder richtig erholt. Dabei ist er vor seiner Erkrankung topfit gewesen, hat Berge bestiegen, mehrere Länder mit dem Fahrrad bereist und täglich Sport gemacht. "Es war sehr frustrierend, als Patient nicht ernst genommen zu werden." Um Betroffenen zu helfen, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen, hat der Ingenieur für Elektroautos das Londoner Health-Tech-Startup Visible entwickelt.

Laut Experten hat Corona den Innovationsdruck auf den globalen Gesundheitsmarkt zuletzt deutlich verstärkt. "Neue Ideen und innovative Ansätze von Startups sind für das Gesundheitssystem momentan relevanter denn je", sagt Anne Sophie Geier, Geschäftsführerin vom Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung, im Gespräch mit ntv.de.

Schließlich stehe neben der Corona-Pandemie unsere Gesellschaft zusätzlich vor immensen Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel, einer alternden Gesellschaft und einer steigenden Zahl von Menschen mit chronischen Erkrankungen. "Anwendungen aus dem Health-Tech-Bereich sind für Patienten deswegen so attraktiv, weil viele von ihnen hochwertige und maßgeschneiderte Lösungen für Patienten anbieten, die gut in den Alltag zu integrieren sind", sagt Geier.

App will Auftreten von Symptomen vorhersagen

Mithilfe der Tracking-App des Unternehmens können Betroffene die Symptome ihrer chronischen Erkrankung wie etwa Long Covid erfassen, indem sie regelmäßig biometrische Signale mit ihrer Smartphone-Kamera messen. Erst kürzlich hat das Londoner Health-Tech-Startup Visible in einer Pre-Seed-Runde eine Million US-Dollar eingesammelt, um Leemings Tracking-App auf den Markt zu bringen.

Der therapeutische Ansatz, der bei der Behandlung von Long Covid oft angewendet wird, nennt sich Pacing. Dabei wird darauf geachtet, die Energieressourcen von Betroffenen zu schonen. Sowohl körperliche als auch geistige oder emotionale Überanstrengungen, die die Symptome verschlimmern können, gilt es zu vermeiden.

Im Gegensatz zu Fitness-Apps, die die Nutzer zu mehr Aktivität anspornen, will Visible den Menschen dabei helfen, ihre Aktivität zu kontrollieren. "In Zukunft wollen wir das Aufflackern von Symptomen vorhersagen, damit wir den Menschen früher Bescheid sagen können und ihnen einen größeren Zeitraum zur Verfügung stellen, in dem sie sich anstrengen können", zitiert der "Guardian" Leeming.

Visible erstellt einen Score

In ihrer derzeitigen kostenlosen Form messen Nutzer mit der App jeden Morgen und jeden Abend die sogenannte Herzfrequenzvariabilität (HRV), also die Schwankungen zwischen den Herzschlägen. Er kann ein Indikator für die Gesundheit und das Wohlbefinden einer Person sein. Dafür halten sie ihren Finger 60 Sekunden über die Rückkamera ihres Smartphones.

Durch eine Technik namens Photoplethysmographie (PPG) haben sich Smartphone-Kameras als einigermaßen effektive Alternative zum EKG bei der Analyse der HRV beim Menschen erwiesen. Indem kleine Veränderungen in der Hautfarbe des Benutzers aufgezeichnet werden, wird der Puls gemessen. Das ist insofern von Bedeutung, weil Forscher der "American Heart Association" herausgefunden haben, dass eine verringerte Herzfrequenzvariabilität, die mit einem gestressten Nervensystem korrespondiert, bei Menschen mit Long Covid häufig vorkommt.

Die Überwachung von HRV erlaubt es laut dem Unternehmen, vorherzusagen, wann jemand müde werden wird. Visible erstellt aus den gesammelten Daten dann einen Tempo-Score von 1 bis 10. Ein Score von 8 bis 10 ist unproblematisch, 4 bis 6 lässt darauf schließen, dass es besser wäre, die nächsten Tage etwas ruhiger angehen zu lassen und 1 bis 3 bedeutet, die Person muss sich unbedingt ausruhen.

Gesundheitssystem ist stark reglementiert

Schon bald soll auch ein kostenpflichtiger Abo-Dienst eingeführt werden, bei dem ein Gerät am Oberam getragen wird, um die erforderlichen Daten passiv über den Tag hinweg zu erfassen. Außerdem sollen Nutzer bald die Möglichkeit haben, ihre Daten mit Forschern des Imperial College London zu teilen. Wie teuer ein Abo werden soll, ist noch nicht klar. Im Gespräch mit "TechChrunch" sagte Leeming, dass sich der Preis in etwa auf dem Niveau anderer Abo-Dienste wie Netflix oder Spotify bewegen wird. "Wir sprechen also wahrscheinlich von etwa 10 Dollar pro Monat, mehr oder weniger."

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Doch das Gesundheitssystem ist stark reglementiert. Ob ein Health-Tech-Startup am Ende erfolgreich ist, hängt nicht nur davon ab, inwiefern es dem Unternehmen gelingt, eine passgenaue Lösung für bestimmte Krankheitsbilder zu entwickeln. "In Deutschland herrscht zum Teil immer noch die romantische Annahme, Gesundheits-Startups entstehen in der Garage. Das ist fernab von dem, was Unternehmen in diesem Bereich leisten müssen", sagt Geier. Die hohen Eintrittsbarrieren auf dem Markt würden dazu führen, dass Startups im Gesundheitssektor einen viel längeren Atem und deswegen auch ein höheres Investitionsvolumen brauchen.

In den ersten beiden Pandemiejahren 2020/21 sind Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge allein in Europa 17 Millionen Menschen an Long Covid erkrankt, weltweit sind es sogar 145 Millionen. Studien besagen, dass etwa 10 bis 20 Prozent der mit Sars-CoV-2 infizierten Menschen später Symptome entwickeln, die als Long Covid diagnostiziert werden.

Quelle: ntv.de

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