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Mehr als jeder zehnte Schüler wird Opfer von Cyber-Mobbing, sagt der Psychologe Scheithauer. Andere Studien geben noch wesentlich höhere Zahlen an.
Mehr als jeder zehnte Schüler wird Opfer von Cyber-Mobbing, sagt der Psychologe Scheithauer. Andere Studien geben noch wesentlich höhere Zahlen an.(Foto: picture alliance / dpa)

Noch zu mild für 15-Jährigen?: Höchststrafe im "Facebook-Mord"

Ein Mädchen verbreitet im Internet Gerüchte über eine Freundin, die beiden liefern sich einen Schlagabtausch. Irgendwann greift die Freundin zu einem krassen Mittel: Sie stiftet einen Bekannten an, ihre Kontrahentin zu töten. Dieser gehorcht – und muss nun ins Gefängnis. "Du hast soziale und psychische Störungen", sagt ihm die Richterin.

Im sogenannten Facebook-Mord hat ein niederländisches Gericht den 15 Jahre alten Täter zur höchstmöglichen Strafe verurteilt. Er hatte gestanden, ein gleichaltriges Mädchen erstochen zu haben – vermutlich im Auftrag von zwei anderen Jugendlichen, die sich für Mobbing im Internet rächen wollten. "Für diese Taten verdienst du die höchste Strafe", sagte die Jugendrichterin Wendy Vierveijzer in Arnheim zum Angeklagten. Der 15-Jährige wurde wegen Mordes und versuchten Totschlags zu einem Jahr Jugendgefängnis und drei Jahren Zwangstherapie verurteilt.

Der Junge hatte die 15 Jahre alte Winsie im Januar vorsätzlich getötet, weil diese auf Facebook Gerüchte verbreitet haben soll. Das Verfahren gegen die möglichen Anstifter wird im Oktober fortgesetzt.

Der Vater des Mädchens, Chun Nam Hau, war enttäuscht. "Ich habe meine Tochter verloren, und er bekommt ein Jahr Gefängnis", sagte er unter Tränen. Er appellierte an die Politiker, das Strafrecht für Jugendliche zu verschärfen.

Auslöser des dramatischen Falls war eine Streiterei via Facebook. Winsie hatte nach Darstellung der Staatsanwaltschaft verbreitet, dass ihre beste Freundin Polly Sex mit mehreren Jungen hatte. Dafür wollte sich Polly angeblich rächen. Wochenlang habe sie mit ihrem Freund ein Mordkomplott geschmiedet. Die beiden Anstifter sollen dem Täter zwischen 20 und 100 Euro gezahlt haben.

"Sorry, ich muss das tun"

Am 14. Januar hatte der Täter auf Winsie im Eingang ihres Elternhauses in Arnheim eingestochen. "Ganz bewusst in Hals und Gesicht", erklärte die Richterin. Zuvor soll er noch gerufen haben: "Sorry, ich muss das tun." Der Vater wurde beim Versuch, seiner Tochter zu helfen, ebenfalls mit dem Messer angegriffen. Das Mädchen starb fünf Tage später im Krankenhaus.

Das Motiv des bereits vorbestraften Täters bleibt unklar. Er ist Gutachten zufolge nur vermindert zurechnungsfähig und psychisch gestört. Seine Verteidiger führten an, dass die beiden Anstifter ihn unter Druck gesetzt hätten.

Das aber ließen die Richter nicht gelten. "Du hast soziale und psychische Störungen", sagte Richterin Vierveijzer. "Dafür musst du behandelt werden." Das Urteil fiel noch höher aus als die von der Staatsanwaltschaft geforderten zwei Jahre Zwangstherapie in einer Anstalt für jugendliche Straftäter. Ein Jahr der Therapie wird allerdings zur Bewährung ausgesetzt. Die Behandlung kann aber auch verlängert werden.

Jeder zehnte Schüler wird Opfer von Cyber-Mobbing

Mobbing im Internet ist nach Ansicht des Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer "eine sehr perfide Form der Gewalt". "Man kann sich sehr schwer dagegen wehren und fühlt sich sehr verzweifelt und hilflos", sagt der Professor der Freien Universität Berlin. "Dieses geschriebene Wort im Internet wirkt natürlich viel heftiger, als wenn ich auf dem Schulhof mal von der Seite angerempelt werde und jemand etwas Schlimmes zu mir sagt. Weil es dann schwarz auf weiß dort steht und andere darauf Bezug nehmen können."

Dass ein online verbreitetes Gerücht Anlass für ein Tötungsdelikt ist, sei eine extreme Ausnahme. "Auch andere extremen Folgen von Cybermobbing – dass also ein Schüler mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen – sind zum Glück noch Einzelfälle", erläutert der Psychologe. "Die weitreichenderen Folgen für viele Schüler sind eher, dass sich dort Ängstlichkeit, Angst in die Schule zu gehen, Hilflosigkeit entwickelt – was schon schlimm genug ist."

Wie oft Jugendliche im Internet gemobbt werden, sei schwer zu beziffern, da die Cybermobbing-Forschung noch relativ jung sei. "Wir selber kommen immer wieder in Studien auf 10 bis 15 Prozent der Schüler, denen so etwas schon häufiger passiert ist", berichtet Scheithauer. Jeder Dritte soll Opfer sein

Quelle: n-tv.de

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