Panorama

Könige von St. Pauli: "Nutella"-Nutten und GMBH

GMBH, Nutella, Hamburger Jungs: Diese Namen stehen für die bekanntesten Zuhälterkartelle auf Hamburgs Reeperbahn. Seit den 70er Jahren waren es schillernde Kiez-Größen wie der schöne Mischa oder Lamborghini-Klaus, die mit Luxuskarossen, Goldkettchen und jeder Menge Frauen unter ihren Fittichen das Bild des berühmten Amüsierviertels prägten. Heute gibt es nicht mehr den oder die Könige von St. Pauli - den Zuhälterkuchen teilen sich Ganoven und Gauner aus aller Herren Länder.

International an der Straße aufgestellt

Vor 25 Jahren wurde beim Landeskriminalamt Hamburg die Ermittlungsgruppe gegen Organisierte Kriminalität (OK) gegründet. Damit wurde den Kiez-Königen das Leben wesentlich erschwert, verdeckte Ermittler rückten ihnen auf die Pelle. Ein Mann der ersten Stunde bei der OK-Bekämpfung war Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger. Er war es, der Anfang der 80er Jahre die ersten großen Anklagen gegen Kiez-Könige erhob. Der 63 Jahre alte Jurist hat viele von ihnen kommen und gehen sehen. "Heute gibt es keine dominierende Gruppe mehr, die streng abgegrenzten Reviere werden von Deutschen, Türken, Albanern, Ukrainern und Russen kontrolliert", sagt Bagger, der heute Pressesprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft ist.

Im November 2005 gelang der letzte große Schlag. Die Marek-Gruppe - auch "Hamburger Jungs" genannt -, eine Zuhältervereinigung mit etwa 85 muskelbepackten Jungs, wurde ausgehoben. Sie hatten rund 140 Huren unter ihrer Kontrolle. Die Gruppe war unter anderem aufgefallen, weil Mitglieder mit Baseballschlägern ein Auto zertrümmert und auf zwei Leute geschossen hatten. "Die Zwei wollten sich selbstständig machen", berichtet Bagger. 13 "Hamburger Jungs" landeten auf der Anklagebank, sie kamen überwiegend mit Bewährungsstrafen davon. "Bei den Ermittlungen rennt man immer gegen eine Mauer des Schweigens an, es ist schwierig, an sie ranzukommen und Strukturen aufzudecken", sagt Bagger.

Die gute alte Zeit

Das erste große Zuhälterkartell auf der Reeperbahn war die GMBH. Dieses Kürzel stand vor 30 Jahren für Gerd, Mischa, Beatle und Harry; vier legendäre Kiez-Größen die als Chefs der mächtigsten Zuhältertruppe auf St. Pauli bekannt und berüchtigt waren. Sie fingen mit zwei, drei Mädchen an und kontrollierten schnell bis zu 120 Zuhälter mit mehreren hundert Prostituierten. Die vier "Manager" der GMBH strichen pro Monat bis zu 200.000 Mark ein.

"So mancher Erfolgslude trug glatt 100.000 Mark am Leib", schreibt die Schriftstellerin Ariane Barth in ihrem Buch "Die Reeperbahn". Teure Ringe am Finger, goldene Rolex am Arm, dicke Goldkette auf dichtbehaarter Männerbrust, dazu als "Spielzeug" ein Ferrari, Rolls Royce oder Porsche - die Zuhälterkönige protzten mit ihren Einnahmen. "Es gab kein Aids, die Umsätze waren toll, aus Sicht der Zuhälter war es die schönste Zeit", erzählt Bagger.

Mit dem Eros-Center und dem Palais d'Amour gab es große Bordelle. Wenn eine Dame zu einem anderen Zuhälter wechseln wollte, wurde eine "Abstecke" fällig. "Das ist so etwas wie eine Ablösesumme, bis zu 20.000 Mark wurden fällig, je nachdem, was die Dame einbrachte", sagt Staatsanwalt Bagger. Unliebsame Konkurrenz entstand der GMBH in den 80er Jahren durch die Nutella-Fraktion.

Bandenkrieg im Kiez

Anfangs von den alten Kiez-Hasen belächelt und als "Milchbubis" bezeichnet, die sich morgens die Nuss-Nougat-Creme aufs Toastbrot schmieren, kam es zwischen beiden Gruppen zum "Krieg auf dem Kiez". "Nutella hatte die ausgeflippteren, jüngeren Mädchen", erzählt Bagger. 1982 fielen Schüsse, zwei Zuhälter lagen tot im Eros-Center. "Diese Schießerei war der Anfang vom Ende", sagt Bagger. Bis dahin galt das Faustrecht auf St. Pauli, in den Folgejahren starben immer wieder Zuhälter an "Bleivergiftung" - das Kiez-Wort für tödliche Schüsse. Die Kartelle rüsteten nun nicht mehr nur verbal auf.

Seit den 90er Jahren mischen auch die Motorradrocker der Hells Angels mit. Doch sie machten wiederholt den Fehler, "ihre" Prostituierten zu verprügeln, die prompt zur Polizei gingen. "Die Organisierte Kriminalität funktioniert nur, wenn Ruhe ist", sagt Bagger.

Ende 2006 trafen sich noch einmal einige ehemalige Kiezgrößen der GMBH und der Nutella-Bande - zur Beerdigung auf einem Hamburger Friedhof. Kumpel Stefan Hentschel hatte seinen Abstieg wie so viele andere Kollegen nicht verkraftet. Die Kiezlegende ("Hamburger Morgenpost") erhängte sich im Boxkeller der Szene-Kneipe "Ritze".

Von Georg Ismar, dpa

Quelle: n-tv.de

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