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Beim Rückkehrappell für die aus Afghanistan heimgekehrten Soldatinnen und Soldaten in der Georg-Friedrich-Kaserne in Fritzlar.
Beim Rückkehrappell für die aus Afghanistan heimgekehrten Soldatinnen und Soldaten in der Georg-Friedrich-Kaserne in Fritzlar.(Foto: dpa)

Sanitätsalkohol mit Wasser und Brausepulver: Truppe kämpft gegen Alkoholmissbrauch

US-Soldaten dürfen in Afghanistan keinen Alkohol trinken, ihre deutschen Kameraden schon - in Maßen. Ein Glas am Abend. Die meisten Soldaten gehen verantwortungsvoll damit um. Wer es aber darauf anlegt, kann sich betrinken - zur Not mit Sanitätsalkohol.

Die "Lili-Bar" liegt weit außerhalb der nordafghanischen Stadt Kundus, wo wie überall im Land Alkoholverbot herrscht. Im Bundeswehr-Feldlager deuten nur eine schwache Lampe und ein unscheinbares Schild auf die versteckte Kneipe hin, die nach dem Schlager über die Soldatenbraut "Lili Marleen" benannt ist. Umstellt ist die kleine Bar mit "Hescos", die mit Kies befüllten Maschendrahtbehälter sollen bei Raketenbeschuss Splitter abwehren. An der Theke gibt es eine Dose Pils für weniger als einen Euro, Weizenbier ist etwas teurer, auch Wein ist im Angebot.

Der deutsche Kommandeur des Regionalkommandos Nord in Afghanistan, Jörg Vollmer, sorgt sich um den Alkoholmissbrauch in seiner Truppe. So musste er die Camp-Ordnung im Hauptstützpunkt Masar-i-Scharif neu verfassen, um den Alkoholausschank eindeutiger zu regeln. Allein in diesem Jahr wurden bereits drei Disziplinarverfahren angestrengt. 14 Soldaten wurden wegen Trunkenheit nach Deutschland zurückgeschickt. In einigen Fällen sind die Ermittlungen noch gar nicht abgeschlossen.

Wenn der aktuelle Minister kommt, gibt es Brause und Wasser.
Wenn der aktuelle Minister kommt, gibt es Brause und Wasser.(Foto: dpa)

"Der Spiegel" hatte sich dieses Themas angenommen und von übermäßigem Alkoholkonsum bei der Bundeswehr in Afghanistan gesprochen. So habe ein Soldat, der sich vor kurzem in Masar-i-Scharif vermutlich selbst erschoss, zwei Promille Alkohol im Blut gehabt. Bei einem weiteren Fall feuerte ein Soldat im Lager ungewollt seine Waffe ab und traf das Bett eines darin liegenden Kameraden. Beide hatten Glück. Die Bundeswehr schloss aber ausdrücklich nicht aus, dass der unglückliche Schütze angetrunken war.

Alkohol-Frage wird unterschiedlich gehandhabt

Ob Alkohol im Krieg eine gute Idee ist, haben die Truppensteller für sich unterschiedlich beantwortet. Bei Amerikanern, Niederländern und Australiern etwa herrscht striktes Alkoholverbot. Eine Dose Bier kann reichen, um mit dem nächsten Flieger unehrenhaft nach Hause geschickt zu werden.

Franzosen hingegen dürfen in Maßen konsumieren - wie Deutsche auch. Für die Bundeswehr gilt offiziell die Zwei-Dosen-Regelung. Jeder Soldat darf am Abend entweder zwei kleine Dosen Bier, einen halben Liter Weizenbier oder ein Glas Wein trinken. Erfahrungsgemäß gehen die allermeisten Soldaten verantwortungsvoll mit Alkohol um. Viele trinken während des monatelangen Aufenthaltes gar nichts.

Beim Ex-Minister gab es Bierchen und Fleisch.
Beim Ex-Minister gab es Bierchen und Fleisch.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wer es aber unbedingt darauf anlegt, der findet Wege, die Regelung zu umgehen. Dosen können zumindest im Camp in Kundus gehortet werden. Sanitätsalkohol aus Feldlazaretten kann mit Wasser und Limonadenpulver aus den Bundeswehr-Verpflegungspaketen zu einem sehr kräftigen und angeblich katerfreien Cocktail gemischt werden.

Ohnehin wird die Regelung je nach Standort unterschiedlich gehandhabt. Im größten Camp in Masar-i-Scharif wird Alkohol nur in den sogenannten Betreuungseinrichtungen wie dem "Planet Mazar" und nur gegen Bezugsschein ausgegeben. Zeitweise wurden die Dosen direkt an der Theke geöffnet, damit sie eben nicht gehortet werden können. Im Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe Isaf in Kabul gibt es für Deutsche gar keinen Alkohol, seit ihn der damalige Isaf-Kommandeur 2009 auch für Nicht-Amerikaner verbieten ließ.

In Kundus dagegen gilt die Zwei-Dosen-Regelung zwar, sie wird aber bislang nicht überprüft. Dort haben Einheiten ab einer bestimmten Größe die Möglichkeit, neben der Betreuungseinrichtung - dem Lummerland - sogenannte Nebentheken wie die "Lili" zu eröffnen. Die "Lili" wird von der Schutzkompanie betrieben, auch die Pioniere haben eine Bar, und die der Sanitäter sticht wegen des vergleichsweise hohen Anteils an Soldatinnen hervor. Theoretisch könnten Soldaten im Feldlager auf Kneipentour gehen, ohne dass das an dem Abend selber notwendigerweise auffallen müsste.

Ein Bierchen auf die Kameradschaft

Dennoch seien Exzesse äußerst selten, sagt ein früherer Offizier, der zuletzt vor einem Jahr in Kundus diente und dort insgesamt rund 18 Monate eingesetzt war. "Selbst in Fällen, in denen die Zwei-Dosen-Regelung gebrochen wurde, stand die Dienstfähigkeit immer im Vordergrund", sagt er. "Ich habe es ein einziges Mal erlebt, dass jemand in meiner Einheit morgens nach Alkohol roch. Den habe ich so zusammengefaltet, dass er nie wieder getrunken hat."

Der Ex-Offizier, der anonym bleiben möchte, ist gegen ein generelles Alkoholverbot. "Gerade unter Deutschen gehört es dazu, im Wesen der Kameradschaft abends auch mal ein Bierchen miteinander zu trinken", sagt er. "Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, eine härtere Regelung zu erlassen." Wer unbedingt trinken wolle, der finde immer Mittel und Wege dazu. "Die Frage ist, ob ein Verbot nicht dazu führen würde, dass heimliche Exzesse zunehmen würden."

Quelle: n-tv.de

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