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Wenn Kontamination unausweichlich ist "Duschen ist das Intelligenteste"

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Schon im Februar war der Shinmoedake Vulkan ausgebrochen. In acht Kilometern Entfernung ließ er Fensterscheiben zerspringen. Nun spuckt er wieder Asche.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es blieb nicht bei dem Beben und der Beschädigung mehrerer Atomkraftwerke: Im Süden Japans brach auch noch ein Vulkan aus. Ob sich die radioaktive Gefahr durch den Vulkanausbruch verschärft, welche Sofortmaßnahmen vor Verstrahlung schützen und wie weit man von beschädigten Kernkraftwerken entfernt sein sollte, erläutert Michael J. Atkinson, Leiter des Instituts für Strahlenbiologie, im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Atkinson, rund 1000 Kilometer vom japanischen Erdbebengebiet entfernt schleudert der Vulkan Shinmoedake Asche und Gestein in die Luft. Damit gelangt unter Umständen auch die aus den beschädigten Atomkraftwerken austretende Radioaktivität in die Stratosphäre. Ist zu befürchten, dass sie mit der Aschewolke womöglich doch bis nach Europa gelangt?

Michael J. Atkinson: Soweit wir wissen, tritt bisher nicht so viel Radioaktivität aus den Atomkraftwerken aus, dass sie durch Vulkanasche nach Europa transportiert werden könnte. Wenn aber einer dieser Reaktoren in die Luft geht, brauchen wir keinen Vulkan mehr, um die Radioaktivität hierherzubringen. Dann verteilt sie sich sowieso in der Stratosphäre und kommt geringfügig überall an, auf der ganzen Welt und eben auch in Deutschland. So wie bei jedem Atomtest in den 50er und 60er Jahren.

Was trägt denn alles zur Verbreitung der Radioaktivität bei?

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Spezialeinheiten messen auf einem Feld innerhalb der Sicherheitszone von Tschernobyl im Mai 1986 die Radioaktivität. Bei der Explosion des Leichtwasser-Graphit-Reaktors von Tschernobyl starben 32 Menschen sofort und Tausende an den Spätfolgen nuklearer Verstrahlung. 120.000 Menschen mussten umgesiedelt werden. Wolken und Winde trugen die freigesetzte Radioaktivität damals auch nach Westeuropa.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Kernkraftwerk von Tschernobyl, das gebrannt hat und daher ein anderer Fall war, wurden radioaktive Teilchen durch die Thermik sehr, sehr hoch in die Luft geschleudert und dann vom Wind nach rechts und links, nach vorn und hinten getragen. Es gibt Aufnahmen von dieser Wolke. Im schlimmsten Fall wird ähnliches auch in Japan passieren. Je weiter man von der Wolke entfernt ist, umso weniger wird natürlich von ihr ankommen. Wenn es regnet, gelangt mehr Radioaktivität auf den Erdboden. Da besteht dann die Gefahr, sich zu kontaminieren, wobei das gesundheitliche Risiko hierzulande dann gering ist. Blätter und Wiesen sind dann kontaminiert. Auch eine fressende Kuh ist dann radioaktiv. Wer Salat aus dem Garten ist oder Champignons, nimmt dann ebenfalls radioaktive Teilchen in den Körper auf. Wird die Radioaktivität durch Regen von den Blättern gewaschen, geht sie in den Boden über. Dort bleibt sie und wird sehr, sehr langsam freigesetzt. Es entsteht ein Kreislauf: Radioaktivität ist in der Pflanze. Wenn die stirbt, geht die Radioaktivität in den Boden, dann kommt mit einer neuen Pflanze wieder hoch, geht sicher auch ins Grundwasser, wird dann wegtransportiert… Es gibt Studien dazu, wie lange sich welche Menge an Radioaktivität im Boden hält.

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mussten wir duschen, sofern wir in den Regen gekommen waren. Lässt sich Radioaktivität so einfach abwaschen?

Das ist dann tatsächlich die intelligenteste Maßnahme: Duschen und die Kleidung waschen. Das gilt auch für die Japaner, denn selbst im schlimmsten Fall ist es die beste Lösung. Und dann gibt es da noch die Jod-Prophylaxe, die in Japan sicherlich gerade läuft. Für uns hier in Deutschland wird die aber wahrscheinlich nicht nötig werden.

Wie funktioniert die Jod-Prophylaxe?

Die Schilddrüse nimmt das gesunde Jod auf, man sättigt also vorher die Speicher. Eine gesättigte Schilddrüse kann dann kein radioaktives Jod mehr aufnehmen. Das gelangt dann zwar durchaus in den Körper, wird aber direkt wieder ausgeschieden. Die Jod-Prophylaxe ist ein sehr effektiver Schutz vor Schilddrüsen-Tumoren.

Welche Erkrankungen treten auf nach einer Verstrahlung?

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Michael J. Atkinson ist Leiter des GSF-Instituts für Strahlenbiologie.

(Foto: HelmholtzZentrum München / mvdh)

Das hängt von der Bestrahlungsart ab. Wurde man mit Jod kontaminiert, ist es Schilddrüsen-Krebs. Ein Spätschaden nach 20 bis 30 Jahren ist Leukämie. Wer einer sehr, sehr hohen Strahlenbelastung ausgesetzt ist, wie etwa die Liquidatoren in Tschernobyl, die am geschmolzenen Rest des Reaktors gearbeitet haben, bekommt die Strahlenkrankheit. Die kann – je nach Strahlenbelastung – nach wenigen Tagen zum Tod führen.

Wie weit weg muss man von einem zerstörten Atomkraftwerk entfernt sein, um sich keiner gesundheitlichen Gefahr auszusetzen?

Das hängt natürlich vom Schweregrad der freigesetzten Radioaktivität ab. Explodiert ein Kernkraftwerk, bekommt man in zwei bis drei Kilometern Entfernung keine direkte Strahlung mehr ab. 50 bis 60 Kilometer Entfernung dürften wahrscheinlich ausreichend sein, um sich mit normalen Maßnahmen schützen zu können, also gegebenenfalls eine Weile zuhause bleiben, duschen, die Kleidung wechseln. Der kontaminierte Boden ist dann das größere Problem. Da müssen langfristige Regenerationsmaßnahmen gestartet werden. Ich persönlich würde mich 60 Kilometer von Fukushima entfernt durchaus wohlfühlen.

Man muss also nicht unbedingt Japan verlassen, um starker Strahlenbelastung zu entgehen?

Es ist ja im Gespräch, Tokio zu evakuieren. Aber die Menge an Radioaktivität, die man dort abbekommt, ist hoffentlich relativ gering. Wahrscheinlich wird man mehr Menschen durch Verkehrsunfälle verlieren, durch die Panik, die dann einsetzt, als durch die Strahleneffekte über die nächsten 50 Jahre.
Meine Studenten lasse ich immer raten, wie viele zusätzliche Krebstote es in Japan nach den Atombomben gab. Zur Auswahl gebe ich eine Million, 100.000 und 10.000. Meist tippen sie auf eine Million. In der Tat waren es aber weniger als tausend zusätzliche Krebstote. Natürlich sind viele Menschen durch die Explosionen direkt getötet worden. Aber von den einigen Hunderttausend, die der Strahlung ausgesetzt waren, sind nur rund tausend zusätzlich an Krebs erkrankt. Doch natürlich ist auch das tragisch, und man muss das durch Evakuierungen vermeiden.

Und wie viel Radioaktivität wird nun zum Beispiel durch Fisch auf den Tellern landen?

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Bei Fisch müssen die Caesium- und Strontium-Belastungen kontrolliert werden.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Fische nehmen nicht nur Jod, sondern auch Caesium und Strontium auf, was dann in den menschlichen Körper gelangt, wenn man den Fisch isst. Für Caesium und Strontium werden Grenzwerte empfohlen. Werden diese überschritten, ist der Fisch nicht mehr zu verzehren. Die Grenzwerte sind so justiert, dass sie einen großen Sicherheitsabstand zu einem Risiko einhalten. Dann ist die Strahlenbelastung für den Körper so gering, dass sie keine Krankheiten verursacht. Das Problem ist, dass wir nicht ganz wissen, ob eine niedrige Strahlendosis einen Effekt hat und wie groß der ist. Deswegen werden die Grenzen immer hoch gehalten, damit die Menschen geschützt sind.

Mit Michael J. Atkinson sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de