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Visionär ohne Zugkraft 50 Jahre Volkswagen K70

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Ein Verkaufsschlager war der K70 nicht. Selbst in einer sportlichen Ausführung im Jahr 1973 konnten sich nur wenige für ihn erwärmen.

Der Volkswagen K70 war seiner Zeit weit voraus. Von den Journalisten gefeiert, konnte er das Publikum nicht überzeugen. Doch hätte es ihn vor 50 Jahren nicht gegeben, dann wären wohl auch Golf, Polo und Passat nie entstanden.

Vor einem halben Jahrhundert präsentierte Volkswagen ein visionäres Volumenmodell, dessen Design seiner Zeit um viele Jahre vorauseilte und dessen fortschrittliche Technik die populärsten deutschen Platzhirsche schlagartig altern ließ. Nein, es geht einmal nicht um den Golf. Na ja, irgendwie dann doch. Denn, dieser Wolfsburger Rettungswagen und Erbe des VW Käfer verdankte seinen Erfolg dem vier Jahre zuvor eingeführten Volkswagen K70.

Glaube an den Fortschritt

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Aus einem NSU70 erwuchs der VW K70.

Ein kantiges Mittelklassemodell, das die niedersächsischen Käferzüchter fast serienfertig aus dem Nachlass der gerade eingekauften Neckarsulmer NSU-Werke übernommen hatten und das ab 1970 bei Volkswagen alles verändern sollte. Mit wassergekühlten Frontmotoren und Vorderradantrieb kündigte der K70 einen Paradigmenwechsel in der Welt luftgekühlter Heckmotor-Bestseller an und dafür spendierte ihm VW-Konzernchef Kurt Lotz sogar ein eigenes Werk, das in Salzgitter.

In nur wenigen Monaten wurde aus dem Boden gestampft. Ja, so etwas klappte damals noch, vielleicht, weil im ganzen Land der Glaube die Veränderung durch Fortschritt groß war. Politisch zeigte sich dies durch die frisch gewählte erste sozialliberale Bundesregierung unter Willy Brandt.

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Der K70 entwickelte sich zu einem Stiefkind des Konzerns.

Dennoch war der Heckmotor längst nicht tot, wie das klassische VW-Portfolio 1970 durch neue Rekordverkaufszahlen demonstrierte. Der K70 musste sich sogar mit einem luftgekühlten Konzern-Konkurrenten messen und - unterlag dem Typ 411. Und trotzdem ebnete das Stiefkind aus Neckarsulm Golf & Co die Bahn.

Gefeiert und doch verschmäht

Es war wie so oft in der Geschichte: Die Revolutionäre werden gefeiert, aber die ganz großen Erfolge ernten vorläufig weiter bewährte Bürgermeister. Auf die automobile Mittelklasse des Jahrgangs 1970 bezogen bedeutete das: Die Fachpresse feierte den zukunftsweisenden

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Dabei wurde der K70 von der Presse in den höchsten Tönen gelobt.

VW K70 mit euphorischen Schlagzeilen wie "Ro 80 für VW-Fahrer", "Frontkämpfer", "VW für Anspruchsvolle" oder "Morgengabe für eine neue Mitte". Aber die Verkaufszahlen der gleichfalls neu vorgestellten direkten Konkurrenten mit konventionellem Hinterradantrieb, also Ford Taunus und Opel Ascona, konnte der erste frontgetriebene Volkswagen mit 75 PS oder 90 PS starken 1,6-Liter-Vierzylindern nicht einmal ansatzweise erreichen und auch Mittelfeldspieler mit Premium-Image wie Peugeot 504 oder Audi 100 blieben populärer.

Daran änderte der 1973 nachgelegte K70 LS mit 100 PS leistendem 1,8-Liter-Aggregat nichts. Der viertürige Volkswagen blieb ein Außenseiter, bis seine Produktion nach nur 210.000 Einheiten 1975 still und leise auslief. Sogar gegenüber dem als Nasenbär verspotteten Riesenkäfer VW 411/412 blieb der K70-Vertrieb um gut 60 Prozent zurück.

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Selbst gegen den VW 412, den Nasenbären, musste sich der innovative K70 geschlagen geben.

Natürlich lag das auch am fehlenden Variant - ein bereits fertiger K70 Kombi blieb zugunsten der familienfreundlichen Variante des VW 411/412 in der Asservatenkammer. Aber die kommerzielle Niederlage für den K70, der sich am Ende seine unausgelasteten Fließbänder mit dem 412 teilen musste, hätte kaum größer sein können. War der als kleiner Bruder des revolutionären Ro 80 geplante Wagen ein von den Kunden verkanntes Wunderauto?

Ein Wunder war vollbracht

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1973 sollte sich der K70 noch einmal aufbäumen.

(Foto: VW)

Vielleicht, denn Wunder vollbrachte der K70 tatsächlich. Schließlich wären ohne dieses scharf geschnittene Raumwunder alle modernen Frontantriebs-VW wie Passat, Polo und Golf vermutlich anders und später gestartet. Im Herbst 1967 präsentierte der Kleinwagenspezialist NSU mit dem Ro 80 die weltweit erste Wankelmotor-Limousine, ein Leuchtturmprojekt, das in der oberen Mittelklasse verankert war.

Was fehlte im NSU-Programm, war ein Mittelklassemodell als Bindeglied zum Kleinwagenprogramm: Der K70 (K wie Hub-Kolbenmotor), designt wie der wegweisende Ro 80 von Claus Luthe. Zwar fehlte es dem K70 an der Stromlinie des Wankeltyps, aber die perfekten ausgewogenen Fahrzeug-Proportionen durch den auf der Vorderachse platzierten Motor, mit kurzen Karosserieüberhängen, großen Fensterflächen und seitlicher Charakterlinie auf Höhe der Türgriffe wiesen weit in die Zukunft.

Tatsächlich nahmen die von Giorgio Giugiaro gezeichneten Typen Passat (1973) und Golf (1974) sowie der noch von Claus Luthe mitgeprägte Audi 50 beziehungsweise VW Polo (1974) viele dieser Elemente auf. Dazu zählte auch ein Bestwert beim Radstand, denn mit 2,69 Meter erreichte der K70 das Niveau von Luxuslinern á la BMW 3.0 S. Gigantisch geriet auch das Kofferraumvolumen des bei NSU konstruierten VW: 700 Liter, das schafften nicht einmal Straßenkreuzer vom Format des Opel Diplomat.

Nordhoffs Rache

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Der K70 überraschte 1973 mit vielen Innovationen.

(Foto: VW)

Aktive Sicherheitstechnik auf neuestem Stand, damit beeindruckte schon der Ro 80 und der K70 stand nicht nach. Einzelradaufhängung rundum und großzügig dimensionierte Scheibenbremsen vorn, dazu passive Schutzmaßnahmen wie der Benzintank im geschützten Bereich: Auch damit war der K70 Avantgarde. Entsprechend groß war der Aufschrei in den Medien, als NSU die für März 1969 vorgesehene Weltpremiere absagte, weil VW die finanzschwachen Neckarsulmer übernahm und sofort mit Konzerntochter Audi fusionierte.

Da blieb neben dem neuen Audi 100 und dem ebenfalls neuen VW 411 kein Platz für eine dritte Mittelklasse. Oder doch? Die Medien jedenfalls verteilten an den verhinderten Mittelklasse-NSU so viele Vorschusslorbeeren, dass Wolfsburgs Generaldirektor Lotz die bis 1968 geltende Heckmotor-Doktrin seines Vorgängers Heinrich Nordhoff verwarf und die erste wassergekühlte frontgetriebene Limousine mit VW-Emblem vorstellte.

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Im Jahr 1975 wurde die Produktion des K70 eingestellt.

(Foto: VW)

Ob es Nordhoffs Rache war, wie manche Journalisten meinten, oder schlicht Kinderkrankheiten? Der K70 gewann zwar auf Anhieb so manchen Vergleichstest, aber anfängliche Getriebeprobleme und andere kleine Qualitätsdefizite der neuen Limousinen waren für die Käfer-Klientel ungewohnt. Überdies verhinderte die Kastenform eine standesgemäße Vmax, damals wichtiger Imagefaktor.

Kaum schneller als der Käfer

Tatsächlich war der K70 kaum flotter als der Käfer im Supersize-Format vom Typ 411 und mit 159 km/h langsamer als sämtliche 90-PS-Wettbewerber. Und so fiel es den VW-Verkäufern leicht, im Schauraum eher die vertraute Technik des 411 zu empfehlen als den gewöhnungsbedürftigen und obendrein kostspieligen K70. Verlangte doch VW für sein 1,6-Liter-Vierzylinder-Flaggschiff ebenso viel wie Ford für einen 2,3-Liter-V6. Und der 1972 lancierte moderne Opel Rekord II machte dem K70 das Leben auch nicht leichter.

Zum Modelljahr 1973 spendierte VW dem inzwischen ausgereiften Luthe-Entwurf ein aerodynamischeres Gesicht und auch sonst viel Feinschliff inklusive des erwähnten 100-PS-Kraftwerks, doch die Marktlücke für den K70 wurde sogar noch winziger. Bedrängt durch den neuen Audi 80 und dann auch vom Passat blieb kein Platz für den VW-Vorreiter mit Frontmotor. Gerade noch 7000 Kunden kauften 1974 einen K70, dagegen bereits 341.000 VW Passat. So schlug der vorletzten NSU-Entwicklung schon 1975 die Stunde, zwei Jahre später folgte der finale Ro 80.

Quelle: ntv.de, Wolfram Nickel, sp-x