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Mit der neuen F 750 GS will BMW Einsteiger begeistern: Leute, die die Optik einer Enduro und das Fahrverhalten eines Naked Bikes suchen.
Mit der neuen F 750 GS will BMW Einsteiger begeistern: Leute, die die Optik einer Enduro und das Fahrverhalten eines Naked Bikes suchen.(Foto: Jörg Künstler)
Samstag, 03. März 2018

Zwei für alle Wege?: Ausritt mit BMW F 850 GS und F 750 GS

Von Holger Preiss, Málaga

Zehn Jahre waren die F 800 GS und die kleine Schwester F 700 GS bei BMW der Einstieg in die Enduro-Mittelklasse. Jetzt haben die Bayern mit der F 850 GS und der F 750 GS aufgerüstet: mehr PS, mehr Drehmoment und eine 180-Grad-Wende.

Da stand sie nun, die neue F 850 GS, und konnte nicht gefahren werden, weil es wie aus Eimern schüttete.
Da stand sie nun, die neue F 850 GS, und konnte nicht gefahren werden, weil es wie aus Eimern schüttete.(Foto: Holger Preiss)

Der Regengott war noch nie ein Freund der Biker. Schon gar nicht, wenn er wie zur Fahrpräsentation der neuen BMW F 850 GS und F 750 GS in Málaga seine Schleusen mit voller Gewalt öffnet und im Zusammenspiel mit wütenden Sturmböen bis zu 70 Liter pro Quadratmeter ausschüttet. An Motorradfahren ist unter solchen Umständen nicht mal ansatzweise zu denken. Dennoch versprachen Meteorologen nach stundenlangem Warten ein Sonnenfenster. Tatsächlich riss die Wolkendecke für knapp vier Stunden auf und ein echter Schnelltest konnte seinen Lauf nehmen.

Schließlich sind beide Modelle nicht unwichtig und BMW verspricht das Adventure-Segment in der Mittelklasse mit ihnen neu zu definieren. Wie die Vorgänger F 700 GS und F 800 GS sollen auch die Wachablösungen die idealen Begleiter für Tour und Langstrecke sein. Selbstredend versprechen die Bayern eine sportive Dynamik und souveräne Offroad-Fähigkeiten. Um das zu gewährleisten, haben die Ingenieure unter der Leitung von Entwicklungschef Florian Schmidt im Vergleich zu den seit zehn Jahren auf dem Markt befindlichen Vorgängern einiges umgekrempelt. So wandert der 15 Liter fassende Tank wieder von der Mitte an seine klassische Position nach vorne und der Gitterrohr-Stahlrahmen weicht einem Brückenrahmen in Schalenbauweise. Grund dafür, so Schmidt, ist eine Optimierung der Radlastschwankungen und die Verlagerung des Gesamtschwerpunkts sowie eine erhöhte Torsionssteifigkeit.

Die F 750 GS macht auf der Straße Spaß und erfreut mit nur 77 PS durch ihren angenehmen Durchzug.
Die F 750 GS macht auf der Straße Spaß und erfreut mit nur 77 PS durch ihren angenehmen Durchzug.(Foto: Jörg Künstler)

Ein Umstand, der sich vor allem in der Zielgenauigkeit, bei der Fahrpräzision und Fahrstabilität bemerkbar macht. Kleine Fahrfehler lassen sich noch leichter korrigieren, was dazu führt, dass sich beide Bikes mit noch größerer Gelassenheit bewegen lassen. Während die F 850 GS weiterhin auch Freunde des Offroad-Parcours befrieden soll, bleibt die F 750 GS mit ihren 19- und 17-Zoll-Alu-Gussrädern eher ein quirliges Naked Bike denn eine große Enduro. Handlich mit niedriger Sitzposition lässt sie sich dank neuer Upside-Down-Gabel mit 41 Millimeter Innenrohrduchmesser und einem direkt angelenkten Zentralfederbein extrem präzise auch bei höheren Geschwindigkeiten ums Eck führen. Neben einer hydraulisch einstellbaren Federbasis ist die Zugstufendämpfung auch manuell justierbar. Die F 750 GS bietet einen guten Ausblick auf die im kommenden Jahr zu erwartende neue F 800 R, die ihren Namen dann sicher auch in F 850 R ändern wird.

Neuer Parallel-Twin

Grund dafür ist der neue, in München entwickelte und in China gefertigte, Zweizylinder-Reihenmotor, der in beiden Motorrädern mit einem Hubraum von 853 Kubikzentimetern wesentlich vibrationsärmer und mit einem satterem Klang werkelt als der Vorgänger mit 798 Kubikzentimetern. Dass das jetzt zu einem emotionsgeladenen Böllern aus dem Endrohr führt, das von der linken auf die rechte Seite gewandert ist, kann an dieser Stelle nicht behauptet werden. Dafür erfreuen die 77 PS und 83 Newtonmeter maximales Drehmoment mit einem druckvollen Antritt und einem unangestrengten Lauf bis 120 km/h. Im Dynamik-Mode kann die Kleine sogar ein bisschen ruppig, aber nie boshaft werden. Die Gänge lassen sich mit der neuen Anti-Hopping-Kupplung über sechs Stufen sauber nach oben shiften und bis Tempo 190 km/h hält die 750 auch mit der F 850 GS mit, die sich mit 95 PS laut Datenblatt glaubhaft auf über 200 km/h beschleunigen lässt.

Die F 850 GS fühlt sich erwachsener an und hat trotz des großen und schmalen Vorderrades eine satte Straßen- und vor allem Kurvenlage.
Die F 850 GS fühlt sich erwachsener an und hat trotz des großen und schmalen Vorderrades eine satte Straßen- und vor allem Kurvenlage.(Foto: Daniel Kraus)

Wem das manuelle Schalten lästig ist, der kann den ab Werk angebotenen Schaltassistenten Pro ordern. Er erlaubt das Hoch- und Runterschalten der Gänge ohne Kupplungsbetätigung. Für Freunde der schnellen Runde ein nicht unerhebliches Feature, denn die Beschleunigung erfolgt so nahezu ohne Zugkraftunterbrechung und Ruckbewegungen, die unangenehm auf das Hinterrad wirken können. Wer allerdings noch nie mit einem solchen Automaten unterwegs war, muss sich sehr zwingen den Kupplungshebel nicht doch immer wieder zu ziehen. Wenn er aber den Dreh raus hat, wird eine deutlich sportlichere Fahrweise möglich, die sich selbst auf der größeren F 850 GS mit ihrem schmalen 21 Zoll großen Vorderrad sehr angenehm bemerkbar macht.

Freie Fahrt auf allen Wegen

Entsprechend den Vorgängermodellen gibt es in Serie wieder die Fahrmodi Rain und Road sowie eine automatische Stabilitätskontrolle (ASC) und ein ABS. Wer mehr will, der bekommt es mit der Option "Fahrmodi Pro". Dahinter verbergen sich die zusätzlichen Optionen Dynamic und Enduro sowie die dynamische Traktionskontrolle DTC und das kurvenoptimierte ABS Pro. Das ist alles selbsterklärend und macht genau das, was es namentlich verspricht. Der über einen Codierstecker freizuschaltende Fahrmodus "Enduro Pro" ist allerdings der F 850 GS mit Stollenbereifung vorbehalten.

Die F 850 GS kann in jedem Fall Offroad, aber nur mit wirklich geübten Piloten. Der Autor versuchte sich erfolgreich in einem alten Flussbett ohne großen Schwierigkeitsgrad.
Die F 850 GS kann in jedem Fall Offroad, aber nur mit wirklich geübten Piloten. Der Autor versuchte sich erfolgreich in einem alten Flussbett ohne großen Schwierigkeitsgrad.(Foto: Jörg Künstler)

Aber ganz ehrlich? Das ist echt etwas für Offroad-Fahrer mit Erfahrung. Hier lassen sich nämlich Gasannahme, Traktionskontrolle als auch das ABS Pro individuell konfigurieren und kombinieren. Wer also den Weg durch unwegsames Gelände wagt und sich hundertprozentig sicher ist, wie die Kombination aus 95 PS, 92 Newtonmeter maximalem Drehmoment und 229 Kilogramm - das sind 12 Kilogramm mehr als die Vorgängerin hatte - durch Schlamm und Geröll zu bewegen sind, der wird seine Freude daran haben. Vor allem deshalb, weil weniger Gewicht auf dem Hinterrad lastet und es viel schneller und kontrollierter in Driftbewegungen versetzt werden kann. Ungeübte Fahrer, die sich einfach nur mal abseits der Straße ausprobieren wollen, sollten einfach die Finger davon lassen, denn auch mit dem werkseigenen Enduro-Programm lässt sich der eine oder andere Weg im groben Geläuf mit viel Spaß, aber technischem Rückhalt bewältigen.

Letztlich ist es doch so, und da sollte man sich nichts vormache: Auch eine F 850 GS wird in der Regel eher auf als abseits asphaltierter Straßen bewegt. Gleichwohl sie mit einem üppigen Federweg von maximal 204 Millimeter, schlauchlosen Reifen und großer Bodenfreiheit glänzt. Genau das ist wiederum der Grund, warum sich kleinere Biker von einer Enduro eher abgestoßen als angezogen fühlen. BMW wirkt dem entgegen und bietet dank vier unterschiedlicher Sitzbankhöhen für beide Modelle tatsächlich Optionen für jede Größe. Wer die gefunden hat, dürfte auch durch die optimierte Schrittbogenlänge und ein verbessertes Ergonomiedreieck von Lenker, Sitzbank und Fußraste entspannt über Langstrecke und kurvenreiche Bergpässe kommen.

Zu viel Entertainment?

Das neue Vollfarbdisplay für die GS-Modelle kostet etwa 600 Euro Aufpreis.
Das neue Vollfarbdisplay für die GS-Modelle kostet etwa 600 Euro Aufpreis.(Foto: Jörg Künstler)

Apropos Bergpässe: Optional bietet BMW für die beiden GS-Modelle ein 6,5 Zoll großes Vollfarb-Display an, wie man sie schon bei anderen Herstellern gesehen hat. Neben den Basisinformationen wie Geschwindigkeit, Drehzahl, Reichweite und Mapping kann man jetzt auch telefonieren und Musik hören. Vorausgesetzt man hat den entsprechenden Helm, der sich per Bluetooth wie das Smartphone mit der Einheit koppeln lässt. Ob die beiden letztgenannten Möglichkeiten beim Biken zielführend sind, darf gerne bezweifelt werden. Motorradfahren verzeiht keine Fehler und die können sich durch Ablenkung jeder Art eigentlich nur vermehren.

Was hingegen sehr cool ist, ist der Umstand, dass über die kostenlose BMW Motorrad Connect App eine Pfeilnavigation auf dem Display eingeblendet werden kann. Ohne große Ablenkung werden lediglich Kurven, Kreuzungen oder Kreisverkehre angezeigt und verschwinden nach dem Passieren des Punktes wieder. Zudem können über die App gefahrene Routen aufgezeichnet, Fahrstatistiken abgerufen oder aufgezeichnete Strecken über die Rever Community mit anderen Motorradfahrern geteilt werden.

Natürlich gibt es auch weiterhin ein externes Navigationssystem, für das BMW aber mit Halterung knapp 1000 Euro berechnet. Die Steuerung erfolgt über einen Drehring an der linken Seite des Lenkers und beide Einheiten lassen sich miteinander verbinden. Wirklich sinnvoll ist das erstmals in der Mittelklasse verbaute Notrufsystem. Der Notrufknopf kann nach einem Unfall manuell durch den Fahrer oder helfende Personen gedrückt werden. Passiert das nicht, meldet ein Sensor automatisch Alarm, wenn das Bike länger als 20 Sekunden auf der Seite liegt. Wer also einen "Umfaller" hat, muss das Motorrad schnell aufrichten oder der Dame am anderen Ende der Leitung erklären, dass nichts passiert ist. Wie dem auch sei, eine begrüßenswerte Erfindung.

Bleibt am Ende wie immer zu klären, was die Bayern preislich für die Bikes aufrufen. Die F 750 GS startet bei schlanken 9150 Euro, die F 850 GS kostet in der Grundausstattung 11.700 Euro. Wer allerdings richtig aufrüstet, dürfte keine Probleme haben den Preis deutlich zu erhöhen. Das Geld ist dann sicher in ein nahezu perfektes Motorrad für alle Belange investiert. Ob es allerdings Emotionen beim Publikum weckt, muss abgewartet werden. Ab 12. Mai sollten die Bikes jedenfalls bei den Händlern stehen und jeder Interessent kann sich dort sein eigenes Bild machen.

Quelle: n-tv.de