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Ein Naked Bike wie keines? BMW F 900 R - die neue Allzweckwaffe

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Mit der neuen F 900 R hat BMW einen Quantensprung zur Vorgängerin F 800 R vollzogen.

(Foto: Joerg Kuenstle)

So richtig konnte sich die BMW F 800 R nicht etablieren. Dabei war das Mittelklasse-Bike mit allem gesegnet, was seinerzeit technisch möglich war. Was aber neben aller technischen Finesse fehlte, waren Emotionen. Die F 900 R hat die - und noch einiges mehr.

Bereits die BMW F 800 R war eine Allzweckwaffe. Für Neu- und Wiedereinsteiger ein geradezu perfektes Bike. Die Kenner sträubten sich hingegen. Ihnen war das eigenwillige Naked Bike der Bajuwaren mit dem Tank unter der Sitzbank einfach zu gefällig.

Ein Alleskönner, der aber weitab von dem zu sein schien, was Motorradfahren ausmacht: das Emotionale. Ein Umstand, dem die Nachfolgerin F 900 R auf gar keinen Fall anheimfallen möchte.

Ordentlich geschraubt

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Der Parallel Twin der F 900 R leistet jetzt 105 PS.

(Foto: Joerg Kuenstle)

Deshalb hat BMW auch gleich mal ordentlich am Triebwerk des neuen Naked geschraubt. Das ging so weit, dass man den mit der F 850 GS neu eingeführten Reihen-Zweizylinder noch mal ein Stück aufgebohrt hat. Und so stehen für die F 900 R ordentliche 895 Kubikzentimeter Hubraum im Fahrzeugschein. Das wiederum bedeutet, dass hier 105 muntere Pferdchen bereitgestellt werden und mit denen ein maximales Drehmoment von 92 Newtonmetern. Verglichen mit dem Vorgänger sind das 15 PS und 6 Newtonmeter mehr. Das mag auf den ersten Blick nicht beeindrucken, macht aber im Zusammenspiel mit dem Klang eines V2 einen ganz anderen Eindruck als noch bei der F 800 R. Für die Klangqualität des Parallel-Twins ist übrigens ein Hubzapfenversatz von 90 Grad und ein Zündabstand von 270/450 Grad verantwortlich.

Ist letztlich auch egal, klingt auf jeden Fall nach mehr als bei der F 800 R. Auch die Sitzposition ist auf dem Nachfolger deutlich sportlicher und aggressiver. Dafür sorgen im Vergleich mit dem Vorgänger, der eine recht aufrechte Sitzhaltung vom Fahrer verlangte, die 15 Millimeter höheren und 5 Millimeter nach hinten versetzten Fußrasten im Zusammenspiel mit dem 25 Millimeter nach vorn verlegten Lenker. Der Pilot geht also ab dem Aufsitzen viel mehr in den Angriffsmodus.

Mapping ab Start

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Fahrspaß ist mit der BMW F 900 R garantiert.

(Foto: Joerg Kuenstle)

Mehr gibt auch bei der Grundausstattung. Bereits hier ist ein Mapping im Angebot, das den Wechsel zwischen Rain und Road erlaubt. Während der Fahrpräsentation im spanischen Almeria war der erstgenannte Modus der hauptsächlich gefahrene, weil Petrus kein Einsehen mit den Rittern der Straße hatte. Ergo war die weich ausgelegte Gasannahme, die der nassen Straße angepasste Traktionskontrolle und die damit verbundene Regelcharakteristik genau die richtige. Aber selbst die konnte nicht verhindern, dass der Bridgestone Sport Touring Battlax hin und wieder ins Rutschen kam.

Das war nicht wirklich schlimm, denn die F 900 R hat ein einwandfreies Handling, das es auch nicht so versierten Fahrern möglich macht, ohne Aufschlag aus einer solchen Nummer zu kommen. Weil wir gerade über das Handling sprechen, soll ein Kritikpunkt nicht unerwähnt bleiben: Bei relativ langsamer Kurvenfahrt, zum Beispiel im Kreisverkehr, drückte das Vorderrad weiter in die Kurve, als es dem Piloten in der Regel lieb ist. Hier musste entsprechend dagegengearbeitet werden, was die sonst tadellose Straßenlage an dieser Stelle etwas nervös macht.

Gegendruck in der Kurve

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Der Lenkungsdämpfer der F 900 R, ein wichtiges Sicherheits-Feature bei schneller Fahrt.

(Foto: Joerg Kuenstle)

Die Ursache für dieses Phänomen ist der von BMW in fast allen Modellen verbaute Lenkungsdämpfer. Der soll seinerseits verhindern, dass bei hohen Geschwindigkeiten - und auch die kann eine F 900 R mit über 200 km/h - beim Überfahren einer Bodenwelle das Vorderrad in Unruhe gerät, also um das sogenannte Lenkerschlagen zu verhindern. Letztlich ist dieser Umstand nicht entscheidend, denn er trübt das insgesamt exzellente Fahrbild der F 900 R nicht mal im Ansatz, wird aber bei einem längeren Test noch zu beobachten sein.

Was die Neuauflage des bayrischen Sport-Nakeds aber in Summe auszeichnet, ist ein spontanes Ansprechverhalten des Zwillings, das einmal mehr in der Fahreinstellung Road oder gar den optional zu buchenden Dynamik oder Dynamik Pro-Einstellungen zu spüren ist. Nun wäre BMW aber nicht BMW, wenn man dem Naked nicht eine ganze Armee an Sicherheits-Features beigegeben hätte. Das mag von den Puristen der Szene wie schon bei der F 800 R beklagt, sollte aber von denen bejubelt werden, die eben nicht seit 20 Jahren jeden Tag ein Zweirad bewegen.

Stempeln geht hier keiner

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Die BMW F 900 R hat eine Motor-Schleppmoment-Regulierung bereits in der Serienausstattung.

(Foto: Joerg Kuenstle)

Da wäre zum Beispiel die Anti-Hopping-Kupplung. Elektronisch geregelt verhindert die das durch abrupte Gaswegnahme oder Zurückschalten verursachte Rutschen des Hinterrades. Allerdings ist das kein Allheilmittel, denn bei entsprechendem Straßenbelag und Nässe stempelte das Hinterrad des Testmotorrades dennoch. Die Ursache dafür ist die Physik: Liegt das Haftungsmoment des Reifens nämlich unterhalb des Wertes, bei dem die Kupplung öffnen kann, blockiert es eben. Jetzt kommt aber ein weiteres bei der F 900 R serienmäßig verbautes Feature zum Tragen: die Motor-Schleppmoment-Regulierung (MSR). Stellt die Elektronik nämlich fest, dass der Reibwert zwischen Reifen und Fahrbahnoberfläche ans Limit kommt, werden die Drosselklappen im Millisekunden-Bereich so schnell geöffnet, dass das Hinterrad sofort wieder Grip bekommt. Eine feine Erfindung, die den einen oder anderen ungewollten Rutscher verhindern dürfte.

Doch kommen wir nochmal zur Dynamik der F 900 R zurück. Die BMW trifft nämlich im Segment der Mittelklasse auf eine große Zahl an Mitbewerbern. Aber das Naked aus Bayern muss sich nicht verstecken, darf im wahrsten Sinne des Wortes mit breiter Brust gegen die Konkurrenz antreten. Als allgemeine Kampfwerte stehen hier zum Beispiel nicht nur 3,7 Sekunden, die es braucht, um die fahrfertigen 211 Kilogramm plus Pilot auf Landstraßentempo zu beschleunigen, sondern auch ein Kampfpreis. Mit 8800 Euro ist die F 900 R im Grunde bezahlt.

Kurvenlicht gegen Aufpreis

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Auf Wunsch gibt es für die BMW F 900 R auch ein LED-Kurvenlicht.

(Foto: Joerg Kuenstle)

Dafür gibt es die oben erwähnten Beigaben, die für mehr Fahrspaß und Fahrsicherheit sorgen, aber nur zum Teil. In Serie strahlt das Bike rundum mit LED. Wer mehr bezahlt, der bekommt auf Wunsch zudem ein adaptives Kurvenlicht. Ab einer Schräglage von sieben Grad und ab einer Geschwindigkeit von 10 km/h schaltet es sich ein und leuchtet im Dunkeln jenen Bereich aus, der sonst bei der Kurvenfahrt nur ein schwarzes Loch ist. In der Mittelklasse gab es das bis dato nirgendwo. Hier hat BMW so was wie eine Trumpfkarte gezogen.

Natürlich kommen auch die Sportfreunde mit etwas mehr Geld voll und ganz auf ihre Kosten. Für die gibt es, wie schon bei der Vorgängerin, eine elektronische Dämpferanpassung mit dem Setting Dynamik und Dynamik Pro. Zu dem Paket gehören dann auch noch die dynamische Bremsenkontrolle (DBC) und die schon erwähnte MSR. Jetzt können Könner auch die Traktionskontrolle ausschalten und es gibt ein schräglagenabhängiges ABS, das bei Schreckbremsungen das ungewollte Aufrichten des Motorrades in der Kurve verhindert. All das Optionen, die vor allem die Dynamiker unter den F 900 R-Fahrern begeistern dürften, die aber auch immer ein gewisses Maß an Können, Weitblick und einen klaren Kopf voraussetzen. Und noch was darf nicht unerwähnt bleiben: Für schnelles Hoch- und Runterschalten des Sechsganggetriebes ohne Kupplungsbetätigung bietet BMW einen Schaltassistenten, der vor allem bei kurvenreichen Bergfahrten ganze Arbeit leistet.

Selbst vollgepackt zum Kampfpreis

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Bei jedem Licht ablesbar: das neue Vollfarb-Display der BMW F 900 R.

(Foto: Joerg Kuenstle)

Zu steuern ist das alles über die entsprechenden Knöpfe an den Bedieneinheiten am Lenker und über den Multicontroller an der linken Lenkerarmatur. Ablesbar sind die Daten bei jedem Licht auf einem 6,5 Zoll großen Farbdisplay. Im Vergleich zur F 800 R, die den Fahrer analog und monochrom über das Wesentliche in Kenntnis setzte, ist auch das ein Quantensprung. Jetzt mag man streiten, ob es notwendig ist, auf dem Motorrad Musik zu hören oder zu telefonieren. Eine Pfeilnavigation, wie sie über die BMW Connected App angeboten wird, ist hingegen zweifelsfrei eine begrüßenswerte Beigabe. Und natürlich gibt es auch hier etwas für sportlich orientierte Biker. Über die Sonderausstattung "Fahrmodi Pro" stehen Darstellungen wie Schräglage, Verzögerung oder Rundenzeiten zur Verfügung.

Machen wir an dieser Stelle mal den Deckel drauf und packen alles in die F 900 R, was geht, dann steht unter dem Strich eine akzeptable Summe von 11.715 Euro. Das ist übrigens immer noch eine echte Kampfansage an die Mitbewerber. Nur zum Vergleich: Eine KTM 790 Duke fährt in der Grundausstattung bereits mit 10.395 Euro aus dem Laden. Klar, die Österreicherin ist leichter, wuseliger und spitzer abgestimmt, leidet aber unter einem in der Stadt unanständigen Konstantfahrruckeln, das der BMW schlicht fremd ist. Am Ende ist die neue F 900 R ein ähnliches Universalgeschoss wie ihre Vorgängerin. Und mancher mag auch ihr vorwerfen, dass sie für ein Naked eine technische Überdosis bekommen hat. Mag sein. Aber eins kann man ihr nicht mehr unterstellen: dass sie emotionslos wäre.

Quelle: ntv.de