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Zwölf Jahre Daimler-Chef Dr. Z(etsche) nimmt seinen Hut

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Nach über 40 Jahren bei Daimler und 12 Jahren davon als Chef des Unternehmens nimmt Dieter Zetsche im kommenden Jahr seinen Hut.

(Foto: picture alliance / Boris Roessle)

Nicht erst als Daimler-Chef wandelt Dieter Zetsche die Marke Mercedes. Bereits in den Jahren davor beeinflusst er das Unternehmen nachhaltig. Im Mai 2019 verlässt er mit 65 Jahren seinen Posten. n-tv.de blickt zurück.

Zwölf Jahre lang hält Dieter Zetsche das Zepter bei Mercedes in der Hand. Im kommenden Jahr räumt der heute 65-Jährige den Chefposten und macht Platz für den amtierenden Entwicklungschef Ola Källenius. Der wird es in den Fußstapfen seines Vorgängers nicht leicht haben. Und das liegt ganz bestimmt nicht nur an dem mächtigen Schnauzbart, der über die Jahre zum Markenzeichen Zetsches geworden ist.

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Zetsche startet seine Karriere bei Mercedes im Jahr 1976.

Zetsche, der seine Karriere 1976 in der Forschungsabteilung der Daimler-Benz AG startet, beweist bereits dort ein unglaubliches Gespür für kommende Trends und technische Neuerungen. Seinerzeit schlägt er ein computergesteuertes Verfahren vor, das das Kurvenverhalten von Fahrzeugen nachhaltig verbessert. Für die damalige Zeit eine echte Revolution, denn bis dahin gab es solche Elektronik nicht unter dem Blech eines Fahrzeuges.

Ein echter "Car Guy"

Zetsche ist wohl das, was man als einen echten "Car Guy" bezeichnen würde. Nach seiner Promotion über die theoretischen Grundlagen einer Spitzentechnologie, die sich später in Form der "Active Body Control" (ABC) in der S-Klasse wiederfindet, übernimmt der im Mai 1953 in Istanbul geborene Autospezialist die Entwicklungsverantwortung für die Geländewagen von Mercedes. Ab 1987 wechseln die Aufgaben in Jahresschritten. Erst verantwortet er den Entwicklungsbereich von Mercedes-Benz Brasilien und wird dann zum Chef von Mercedes-Benz Argentinien. Zu dieser Zeit ist Zetsche gerade einmal 36 Jahre alt.

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Ab 2006 übernimmt Zetsche als Daimler-Chef die Geschicke des Unternehmens.

(Foto: Daimler AG)

In einem "Stern"-Interview von 2006 erinnert er sich an die Zeit in dem krisengeschüttelten Südamerika: "Da habe ich gelernt, dass eigentlich alles geht und man immer irgendeinen Weg findet." Spätestens seit dem legendären Elch-Test der A-Klasse, die Zetsche als Chef der Pkw-Entwicklung verantwortet, ist das wohl auch zu seinem Credo geworden. Als der kleine hochbeinige Van am 18. Oktober 1997 bei einem simulierten Ausweichmanöver ins Schlingern kommt und geradezu lächerlich auf die Seite kippt, ist die Not groß. Die Presse verreißt das Auto, redet statt von "Weltklasse" nur von "Vält-Klasse" - eine Anspielung auf den Ort Vältra in Schweden. Doch statt den Wagen sofort aus dem Verkehr zu ziehen, was durchaus angedacht war, setzt sich Zetsche mit anderen Managern für den Erhalt und eine technische Lösung ein. Der Unfall in Schweden beschert der Welt das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP).

Von Dr. Zetsche zu Dr. Z

Dass Zetsche nicht nur ein Gespür für technische Belange hat, beweist er ab 2000 als Chef der Daimler Chrysler Group in den USA. Bei der Sanierung des angeschlagenen US-Autobauers fährt er einen knallharten Kurs. Sechs Fabriken werden geschlossen und etliche Arbeitsplätze gestrichen. Den US-Amerikanern macht Zetsche sich aber noch in einer anderen Rolle bekannt: Als Dr. Z. In einer Werbekampagne, die den Leuten klarmachen soll, dass Chrysler nunmehr mit deutschem Know-how unterwegs ist, schlüpft Zetsche in die Rolle eines schmunzelnden, niemals stoppenden Erklärbären. Mit schwerem deutschen Akzent und immer verschmitzt lächelnd erläutert er die Vorzüge der unter seiner Ägide entstandenen neuen Chrysler-Modelle.

*Datenschutz

Die Spots bekommen sogar noch eine begleitende Website unter dem Namen "Ask Dr. Z". Als dürre Zeichentrickfigur verspricht Zetsche hier, dass er alle Fragen zu Design, Technik und Qualität seiner Fahrzeuge beantworten werde. Auch wenn die Figur des Dr. Z am Ende nicht auf einhellige Liebe stößt, beweist es doch eines: Anders als die vielen Kollegen in gleicher Position kann sich ein Zetsche selber auf den Arm nehmen. Eine Tugend, die ihn um ein Vielfaches menschlicher und nahbarer erscheinen lässt. Doch neben seiner selbstironische Ader ist Zetsche als Mercedes-Benz-Chef ein Mann, der nichts dem Zufall überlässt. Kein Daimler, der neu auf die Straßen kommt, den der Chef nicht selbst gefahren ist. Keine Linie im Design, die er nicht selbst begutachtet und abgenommen hat.

Der große Wandel

Dass Zetsche Entscheidungen treffen kann, hat er in seiner Zeit in den USA unter Beweis gestellt. Und so hört man bisweilen heute noch, dass der Mann auch mal mit der Faust auf den Tisch haut, um die Entwicklung neuer Fahrzeuge zu Ende zu bringen. Hermann Storp, langjähriger Entwicklungschef der S-Klasse, erinnert sich, wie Zetsche das stimmungsvolle Ambientelicht im Stuttgarter Luxusliner durchsetzt: "Die Idee hat Dieter Zetsche damals aus den USA mitgebracht. Keiner wollte es haben, aber er hat gesagt: 'Nee, lasst uns das mal machen, die Amerikaner lieben das.' Und recht hat er gehabt", erinnerte sich Storp in einem Interview mit n-tv.de.

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Aus seiner Liebe zur Formel 1 macht Zetsche keinen Hehl.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Ideen, die Zetsche außerdem mitbringt, führen mit seinem Amtsantritt als Daimler-Chef 2006 zu einem radikalen Wandel der Marke. "Ich habe keine Probleme, mich von Fahrzeugen zu trennen, wenn sie nicht laufen", sagte Zetsche einst in einem Gespräch mit n-tv.de. Unter dieser Maßgabe hat er Daimler entschlackt und deutlich verjüngt. Das fängt mit der A-Klasse an, die er vom kleinen Familien-Van, der seinen Zuspruch eher bei Rentnern findet, in einen von jungen Leuten begehrten Kompakten verwandelt und endet bei der konsequenten Erweiterung des AMG-Portfolios. Nie war Mercedes so sportlich und so jung wie im Moment. Und schon lange fuhr Mercedes nicht mehr so souverän vor BMW und Audi durch die Welt.

Die Messlatte liegt hoch

Auch das ist ein Verdienst von Zetsche. Dabei wollte ihn der Aufsichtsrat im Jahr 2013 vom Thron stoßen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erfolge noch nicht in Gänze zu sehen. Die Premium-Konkurrenz scheint dem Stuttgarter Autobauer Lichtjahre voraus. Heute müssen sich die Mitbewerber strecken, um mit der Entwicklungsgeschwindigkeit und der Produktvielfalt aus Stuttgart Schritt halten zu können.

Natürlich hat auch der Mercedes-Chef sein Steckenpferd und das ist die Formel 1. In einer Kolumne auf seinem LinkedIn-Kanal schreibt er: "Ich verfolge die Rennen in der Formel 1 schon seit vielen Jahren. Aber ich glaube, wer am Renntag noch nie seinen Fernseher angeschrien hat und nervös im Wohnzimmer auf und ab gelaufen ist, kann das gar nicht so richtig nachvollziehen. Dieser gewaltige Druck in der Boxengasse, die exzellente Teamleistung und diese überwältigenden Emotionen, wenn eine Rennstrategie im Ziel dann wirklich aufgegangen ist - all das hat mich für diesen Sport begeistert."

Zetsche legt die Messlatte an seinen Posten hoch. Sein Nachfolger Ola Källenius wird es nicht leicht haben. Anders als Zetsche ist der Schwede kein Ingenieur. Källenius ist Manager, eben ein Mann, der es versteht, die Felder, die Zetsche bisher bestellt hat, zu verwalten. Aber kann er auch Neues pflanzen?

Quelle: n-tv.de

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