Jetzt zum V12 greifenFahrt mit dem verrückten Maybach-Trio
Von Patrick Broich
Mit den drei Maybach-V12-Klassikern lassen sich Marken- und Technikgeschichte mit Fahrgenuss verbinden. ntv.de hat das Vorkriegs-Ungetüm DS8, einen Maybach 62 sowie einen aktuellen S 680 der Baureihe 223 zusammengebracht. Ein ungewöhnliches Trio.
Geschichte praxisnah zu lernen, ist immer einfacher und gelingt besser, als sich trockenen Stoff am Schreibtisch anzulesen. So ist es auch bei Technikgeschichte. Und wer heute einem Maybach begegnet, sollte kurz innehalten und nicht bloß an den Showeffekt denken, sondern immer im Hinterkopf behalten, dass Mercedes ohne die Entwicklungen von Wilhelm Maybach und seinem Sohn Carl heute vielleicht eine andere Marke wäre. So haben die begabten Motorenentwickler bereits früh Pionierarbeit geleistet mit technischen Innovationen wie Doppelzündung oder obenliegender Nockenwelle im Einsatz in der Rennmotoren-Disziplin.
Innovation ist ein gutes Stichwort: Der hier besprochene Zeppelin DS8 aus dem Jahr 1932 ist ein einziges fahrendes Innovationsbündel. Und das gilt nicht einmal nur für den 7,9 Liter großen Zwölfzylinder mit etwa 200 PS - für die damalige Zeit wirklich gigantisch. Auch das unterdruckgesteuerte Vorwahlgetriebe ist absurd komplex und im Zeitkontext eigentlich fast ein kleines Wunder, wenn man berücksichtigt, wie viele Aktuatoren, Leitungen und Zahnräder hier einen gemeinsamen Zweck erfüllen - und wie es bedient wird. Nämlich analog zur Neuzeit mit kleinen Hebelchen auf dem Lenkrad, die man aber ja richtig bedienen sollte. Denn Netz und doppelten Boden kannten die damaligen Ingenieure nicht. Eine falsche Stellung während der Fahrt konnte das Getriebe unter fürchterlichem Knirschen zerlegen.
Zum Glück sitzt bei meiner Probefahrt ein Experte auf dem Beifahrersitz und schaut mir auf die Finger, damit ich keinen Unsinn mache. Gekuppelt wird beim drei Tonnen schweren Maybach-Koloss manuell, um einen klassischen Automaten handelt es sich also noch nicht.
Zwischen Faszination und Größenwahn
Doch genug von der komplizierten Technik, lieber schnell in den einfach bedienbaren Maybach 62. Seine Geschichte ist ebenfalls ganz spannend, obschon eine vergleichsweise kurze Episode. Im vermeintlichen Luxusboom der 2000er-Jahre kam die damalige DaimlerChrysler AG auf die Idee, den Produkten von Bentley und Rolls-Royce mit einem Superlativ begegnen zu müssen. Der unter Jürgen Schrempp grassierende Größenwahn mündete jedenfalls in einem mäßigen Verkaufserfolg, wie man heute weiß.
Die Idee war ja eigentlich genial. Der Konzern hatte die Markenrechte für Maybach noch in der Schublade, weil die Maybach-Motorenbau GmbH 1960 durch die Daimler-Benz Aktiengesellschaft übernommen, aber bald darauf nicht mehr weitergeführt wurde. Und was kam dabei heraus? Der Maybach 57 nebst 62 als Topmodell mit der internen Modellbezeichnung V240 und einer Länge von gewaltigen 6,17 Metern (62).
Letzterer ist gut erkennbar an den Sidemarkern - in manchen Ländern Pflicht, um die Länge kenntlich zu machen. Die Ironie an der Geschichte ist eigentlich die Tatsache, dass das Konzept exakt dem W100 aus dem Jahr 1963 entspricht.
Damals installierte die Marke den "großen Mercedes" mit jenem Motor, den es auch für das Topmodell der gewöhnlichen S-Klasse gab, dem 300 SEL 6.3 - aber damals war der Konzern selbstbewusst genug, das Produkt nicht eigenständig zu labeln. Sei es drum, ntv.de hat den Maybach Zwoundsechzig als "S"-Variante ausgeführt - ein 2,9-Tonnen-Biest (also ähnlich schwer wie der Zeppelin), das allerdings ungleich agiler ist. Denn vorn wütet noch ein Monster, eines mit 1000 Newtonmetern Drehmoment, sechs Litern Hubraum, zwei Turboladern und 612 PS. Es hört auf den Namen M275 und ist bei AMG scharfgemacht worden.
Von Schärfe allerdings keine Spur hier in der XXL-Limousine, ganz im Gegenteil. Geschmeidig nimmt der Zwölfender seine Arbeit auf, pumpt seine irre Kraft in den Wandler seiner Fünfstufen-Automatik und schiebt einfach nur unerbittlich. Für den Zwischenspurt muss er nicht einmal herunterschalten oder vielleicht höchstens einen Gang, Kraft ist stets im Überfluss vorhanden. Demnach reichen 5,2 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h, bei 250 Sachen ist Ende. Und dabei dringt bloß ein sanftes Säuseln in den mit üppigen Sesseln ausgestatteten Innenraum.
Die Architektur des weitläufigen Innenraums erinnert jedoch an die der S-Klasse W220. Demnach ist der Maybach ganz klar ein Familienmitglied im Mercedes-Kosmos.
Noch ist der V12 zu haben
Und heute? Ist aus dem M275 der M279 geworden. Er wurde überarbeitet, hat neue Komponenten bekommen, aber verfügt noch immer über Saugrohreinspritzung. Mit ein Grund, warum er derartig geschmeidig läuft. Hubraum und Leistung blieben gleich, aber die Karosse um den Motor herum so gar nicht. Denn der große, eigenständige Maybach wurde bereits 2012 eingestellt.
Dennoch prangen die Maybach-Logos auf Wunsch bis heute an der verlängerten Z223-Karosse, aber mit 5,47 Metern gibt es natürlich keine Sitze im Fond, auf denen man zur Not auch horizontal ein Nickerchen machen könnte. Allerdings ist gar nicht der Komfort das Unterscheidungsmerkmal zwischen dem aktuellen Mercedes-Maybach und seinem "echten" Maybach-Pendant, sondern eher Status und Überfluss. Und während der 62 auch mal im Parkhaus steckenbleiben kann, biegt der 223 dank optionaler Hinterradlenkung einfach entspannt um die Ecke.
Und was kommt danach? Ob der turbinenhaft säuselnde Zwölfzylinder angesichts strenger Abgashürden bei Mercedes eine Zukunft hat, darüber kann zum jetzigen Zeitpunkt bloß spekuliert werden. Aber noch ist der S 680 mit M279 jedenfalls im Konfigurator und kann geordert werden.
Also greifen Sie jetzt oder nie zu, wenn Ihnen außergewöhnlicher Motorenbau am Herzen liegt. Oder aber Sie entscheiden sich für einen gebrauchten Maybach der Baureihe 240 - man glaubt es kaum, aber die Luxusliner mit dem verschwenderisch eingesetzten Wurzelholz im Innenraum sind zahlreich zu finden in den einschlägigen Börsen. Und zwar ab etwa 50.000 Euro. Damit liegen diese deutlich unter den W100 aus den 1960er-Jahren und auch unterhalb eines neuen S 680 - für den verlangt Mercedes mindestens 240.000 Euro. Gute 600 der Baureihe W100 können auch mal 350.000 Euro kosten.
Das Zeug zum Klassiker haben in jedem Fall sämtliche Maybach-Kandidaten. Und während die modernen Vertreter sogar im Alltag halbwegs taugen, ist der Zeppelin eher der Museumskandidat - sündhaft teuer, wenn überhaupt mal angeboten und irre kompliziert zu warten. Doch wer weiß, manch ein Oldtimer-Enthusiast könnte genau das als Challenge verstehen. Viel Spaß damit.