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Die R nine T ist trotz ihrer Linienführung mit historischen Anklängen kein Retro-Bike.
Die R nine T ist trotz ihrer Linienführung mit historischen Anklängen kein Retro-Bike.
Freitag, 31. Oktober 2014

Leichtfüßiger Kurvenräuber: Heavy Metal auf der BMW R nineT

Keinen Augenblick zu spät hat sich BMW seiner 90jährigen Motorradgeschichte besonnen und mit der R nineT ein hochmodernes Motorrad mit historischen Optik an den Start gebarcht, das nicht nur Puristen überzeugen dürfte.

Im Programm von BMW fanden sich bis dato nur brave, biedere Naked Bikes. Jedenfalls bis zum Erscheinen der R nineT. Desssen Name ist eine Hommage an 90 Jahre Motorradbau durch die Marke mit dem Propeller – und stilgerecht kommt das Modell auch ganz im Retrolook gehalten zu den Händlern. Puristisch, ohne jeglichen Tand und Blendwerk.

Eines von vielen Details ist das BMW-Logo im Scheinwerfer.
Eines von vielen Details ist das BMW-Logo im Scheinwerfer.

Das scheint auch den Kunden zu gefallen, denn bei den Bayern türmen sich die Bestellungen. Aktuell, so ein BMW-Händler Ende Oktober, werde man sich wohl auf Wartezeiten bis "irgendwann im Sommer 2015" einstellen müssen. 54 Exemplare können momentan an einem Arbeitstag gefertigt werden. Die R nineT ist also ein rares und zugleich sehr begehrtes Zweirad. Man spürt, mit wie viel Liebe dieses Bike entworfen wurde, das Auge entdeckt immer wieder neue Details. So zum Beispiel das BMW-Emblem im Rundscheinwerfer oder die schönen Aluschmiedeteile.

Das edle Finishing setzt sich mit den schwarz eloxierten Drahtspeichenrädern und der goldfarbenen Upside-Downgabel fort. Die R nineT ist neben den beiden S-Modellen das einzige Bike im Portfolio, bei dem BMW auf die gewöhnungsbedürftige Vorderradführung "Telelever" verzichtet hat. Rein optisch versammelt die R nineT ihre Masse um den luft- ölgekühlten 1170-Kubik-Boxer-Twin-Motor, der in anderen Modellen bereits vom luft- wassergekühlten Nachfolger ersetzt worden ist. Das Aggregat übernimmt im mehrteiligen Gitterrohrrahmen eine mittragende Funktion und gibt seine 110 PS durch eine Kardanwelle ans Hinterrad weiter.

Kurvenraub mit Heavy Metal

Den größten Spaß bringt mit der R nine T die Kurvenhatz.
Den größten Spaß bringt mit der R nine T die Kurvenhatz.

Leicht nach vorne gebeugt nimmt der Fahrer auf dem straffen, aber nicht unbequemen Sitzbrötchen Platz. Beim Druck auf den Starterknopf nimmt der Motor mit einem – durch die längsliegende Kurbelwelle bedingten – leichten Rucken und mit einem heiseren Bellen seine Arbeit auf. Wie es sich für ein echtes Charakterbike gehört, dringen wohlige Vibrationen an den Fahrer und lassen die Gabel samt der gut ablesbaren Instrumenteneinheit erbeben. Schon auf den ersten Metern zeigt sich, wie sauber die Masse der 222 Kilogramm leichten BMW austariert ist. Feinste Richtungsänderungen selbst bei Schrittgeschwindigkeit sind ein Kinderspiel. Nicht zuletzt der mächtig breite Rohrlenker trägt zur Handlichkeit der R nineT bei.

Das macht Lust auf Kurvengewusel. Schnell zeigt sich, welch’ feine und geradezu narrensichere Kombination sich aus dem bulligen Boxer und dem straff abgestimmten Fahrwerk ergibt. Vor der Kurve in die perfekt dosierbaren und mit ABS bewehrten Doppelkolbenbremsen greifen, die Fuhre umlegen und am Kurvenausgang, vom bis zu 119 Newtonmeter starkem Drehmoment, auf die Gerade hinausschnalzen lassen. Das Kurvenräubern bereitet mit der messerscharf dirigierbaren R nineT und ihrem bärigen Antrieb einen diebischen Spaß.

Die Zwillingsrohr sind die Soundanlage der R nine T.
Die Zwillingsrohr sind die Soundanlage der R nine T.

Untermalt wird die wilde Hatz vom dumpfen Hämmern aus dem Zwillingsauspuff. Man ertappt sich immer wieder dabei, in Tunneln und Unterführungen noch einmal das Gas aufzureißen, um den satten Klängen lauschen zu können. Was der Bayerin da aus den Rohren entweicht, ist keine Symphonie, sondern Heavy Metal. Bei einem solchen Motorrad gehört Gerappel zur Pflichtausstattung, damit man spürt, dass das Biest lebt. Was der Fahrer auf unebener Piste ebenfalls deutlich zu spüren bekommt, sind seine Bandscheiben, denn der brettharte Heckdämpfer schmeichelt den rückwärtigen Diensten des Piloten nicht.

Kleiner Verbrauch, großer Preis

Überraschen ist der Verbrauch der Weißblauen: 5,0 bis 5,5 Liter pro 100 Kilometer bei zackiger Landstraßenfahrt gehen angesichts der ordentlichen Fahrleistungen absolut in Ordnung. Insofern hat BMW mit der R nineT einen echten Landstraßenjäger auf die Räder gestellt – ein Motorrad, das jeder fahren kann und das fast jeden Zweck erfüllt. Einzig auf langen Autobahnetappen schlaucht der mangelnde Windschutz den Fahrer.

In der Summe muss der Biker den Geldbeutel für die R nine T weit öffnen: 14.500 Euro sind selbst angesichts der edlen Bauteile und dem tollen Finish alles andere als ein Pappenstil für ein Puristenbike ohne jedweden Schnickschnack. Wer LED-Blinker, Heizgriffe, einen Fahrersitz mit gesticktem Schriftzug und den wunderschönen Alu-Soziushöcker haben möchte, muss noch einmal rund 1100 Euro bereitlegen. Allerdings war es noch nie billig, einen besonderen Geschmack zu haben. Und vielleicht entschädigt die Käufer des Neo-Klassikers der Umstand, dass an jedem Motorradtreffpunkt für eine Menge Gesprächsstoff gesorgt ist.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de