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Mitfahrt im Stuttgarter E-SUV Im Mercedes EQC tonlos durch die Red Rocks

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Im Mercedes EQC soll nicht das Gefühl der Selbstbeschränkung wegen mangelnder Reichweite aufkommen.

(Foto: Teymur Madjderey)

In nicht mal mehr sechs Monaten soll der Mercedes EQC auf den deutschen Straßen rollen. Momentan befindet sich das Elektro-SUV in der Endabstimmung. Am Rande der CES in Las Vegas hatte n-tv.de die Gelegenheit zur Mitfahrt und zum Gespräch mit dem Entwickler.

Dass die Elektromobilität auch an Mercedes nicht vorbeigeht, ist bekannt. EQ heißt die Marke, unter der die Stuttgarter ihre kommenden Elektrofahrzeuge firmieren lassen. Bereits im Juni dieses Jahres soll der EQC, das erste echte Elektro-SUV von Mercedes, in Deutschland auf den Markt kommen. China soll er ab September im Sturm nehmen, die USA müssen sich noch bis 2020 gedulden. In Anlehnung an das Erfolgsmodell GLC hat man den EQC ähnlich dimensioniert und damit dort platziert, wo die Begehrlichkeiten der Kunden auch bei den Verbrennern momentan am größten sind - im SUV-Segment.

"Der soll wie ein Mercedes fahren"

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Optisch ist der Mercedes EQC klar ein SUV.

(Foto: Teymur Madjderey)

Dabei ist Mercedes weit davon entfernt, sich in eine direkte Konkurrenz zu Tesla stellen zu lassen oder den Avantgarde-Weg mitzugehen, den BMW einst mit dem i3 eingeschlagen hat. Bei den Stuttgartern ist das Ziel vielmehr, seine Kundschaft langsam an die Technologie der Zukunft heranzuführen, erklärt EQC-Entwickler Bastian Schult auf einer Fahrt in Red Rocks am Rande der Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas. "Für uns war es extrem wichtig, dass auch der EQC fährt wie ein Mercedes. Dabei kommt es uns nicht darauf an, die drei Sekunden eines Tesla S zu toppen oder eine gigantische kW-Zahl zu präsentieren", erklärt der Entwickler und fügt hinzu: "Zudem glauben wir, dass 408 PS und ein maximales Drehmoment von 765 Newtonmetern und eine daraus resultierende Beschleunigung von 0 auf 100 in 5,1 Sekunden für ein knapp 2,5 Tonnen schweres Elektro-SUV durchaus ausreichend sind."

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Selber fahren durfte der Autor noch nicht, aber ein Gefühl vom Fahrerplatz des Mercedes EQC durfte er sich schon holen.

(Foto: Teymur Madjderey)

Sprichts und tritt auf den Pin, dass dem Autor der Magen Richtung Wirbelsäule gedrückt wird, sich wieder langsam nach vorne schiebt, um schon in der nächsten Kehre unter dem Rippenbogen zu verschwinden. Tatsächlich ist die Beschleunigung atemberaubend. Nicht, dass man einen ähnlichen Antritt nicht aus herkömmlich motorisierten Fahrzeugen kennen würde, aber die ohne Verzug zur Verfügung stehende Kraft, die hier in Vortrieb umgesetzt wird, beeindruckt schon.

Beeindruckende Laufruhe

Beeindruckend ist auch die Laufruhe. Ja, sagt der E-Autofahrer, das ist eben bei einem Elektroauto so, weil ein E-Motor keine Geräusche macht. Nein, sagt der Autor, denn im Normalfall hört man aufgrund der hohen Drehzahlen dieses typische turbinengleiche Pfeifen im Innenraum. "Für den EQC konnten wir dieses Geräusch fast gänzlich eliminieren", so Schult. "Wir haben den Motor an vier Punkten fixiert und in einen Rahmen gehängt. Der verhindert aber nicht nur das Pfeifen, sondern erhöht zudem die Crash-Sicherheit des Wagens", so Schult.

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EQ-Entwickler Bastian Schult erklärt dem Autor die Lagerung des Frontmotors im EQC.

(Foto: Teymur Madjderey)

Letzteres kann an dieser Stelle nicht bestätigt werden, ist aber nach einem Blick unter die Motorhaube und den Erklärungen des Entwicklers glaubhaft. Die enorme Geräuschdämmung hingegen kann in großen Lettern unterschrieben werden. "Das war uns sehr wichtig", so Schult, "weil es eben ein Mercedes sein soll". Das spiegelt sich auch im Abrollverhalten wider. Und das, obgleich der EQC ohne Luftfederung auskommen muss, die es auch in Zukunft nicht geben wird.

Das SUV hat lediglich Stahlfedern und an der Hinterachse einen Niveauausgleich, wie man ihn aus dem E-Klasse T-Modell kennt. Insofern ist das Einzige, was die Ruhe im EQC noch stören könnte, der Fahrtwind. Und der - aber das liegt wohl auch an den nicht ganz so hohen Geschwindigkeiten auf US-amerikanischen Straßen - war auf der Mitfahrt nicht zu hören.

Zwei E-Motoren für den Vortrieb

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Im Stadtbetrieb und auf der Langstrecke arbeitet vorzugsweise der Frontmotor des Mercedes EQC.

(Foto: Teymur Madjderey)

Für den Vortrieb sorgen zwei Elektromotoren, an Vorder- und Hinterachse. "Die Anordnung der E-Motoren gibt uns die Möglichkeit, nicht nur einen Allradantrieb zu simulieren, sondern auch ein Torque Vectoring. Also die Kraft des Motors zu 100 Prozent an ein Rad weiterzuleiten, was wiederum für sehr dynamische Fahreigenschaften auch bei Kurvenfahrten sorgt." Was diese Anordnung der Motoren natürlich nicht kann, ist die Umverteilung der Kraft von der Vorder- an die Hinterachse. Es kann also zum Beispiel kein 60:40-Verhältnis hergestellt werden.

Was aber sehr wohl geht, ist die Stilllegung des Motors an der Hinterachse, so dass der EQC nur mit Frontantrieb unterwegs ist. Das geschieht immer dann, wenn das SUV stromsparend unterwegs sein soll. Natürlich sind für den Fahrbetrieb auch unterschiedliche Rekuperationsstufen hinterlegt. Zum einen kann der Fahrer über die Navigation, die hinterlegte Topographie und das Auslesen von Verkehrszeichen selber für den stromsparendsten Stil sorgen.

Locker von Berlin nach Erfurt

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Wer in den Mercedes EQC einsteigt, wird vieles wiederfinden, was er aus anderen Daimler-Fahrzeugen kennt.

(Foto: Teymur Madjderey)

"Ein Umstand, den ich zum Beispiel auf der Langstrecke bevorzuge", so Schult. "Wenn ich in den Alpen unterwegs bin, dann nutze ich lieber eine stärkere Bremsverzögerung, um die Energie zurückzuführen. Aber das ist am Ende natürlich immer Geschmacksache und jedem Fahrer selbst überlassen", fügt der Entwickler hinzu. Wichtig ist am Ende die Reichweite. Im Testzyklus nach WLTP wurde sie mit 400 Kilometern gemessen, "im realen Betrieb liegt sie natürlich etwas darunter", so Schult.

Aber für die alltäglichen Strecken oder eine unterbrechungsfreie Fahrt von Berlin nach Erfurt reicht es allemal. Und wer in der thüringischen Landeshauptstadt ankommt, wird mit Sicherheit nicht auf der letzten Zelle des 80 Kilowattstunden leistenden Lithium-Ionen-Batterie einreiten - so viel darf nach dem ersten Ausritt in die Red Rocks mal behauptet werden. Natürlich kommt auch Mercedes nicht umhin, sich Gedanken darüber zu machen, wie man den Fahrer eines EQC so dicht wie möglich an das heranbringen kann, was sich bis dahin als gelernte mobile Freiheit präsentiert. Eben das, was der Fahrer als einen fünfminütigen Stopp an der herkömmlichen Zapfsäule kennt.

Empfehlung für den Ladestopp

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Hinter dem Tankdeckel verbergen sich beim Mercedes EQC die Anschlüsse zum Laden.

(Foto: Teymur Madjderey)

"Natürlich wird man auch beim EQC nicht in fünf Minuten den Akku laden. Zu laden ist der Akku zum einen über den CCS-Stecker mit Wechselstrom (AC) bis 11 kW, was einiges an Zeit kosten dürfte, oder an Schnellladesäulen mit Gleichstrom (DC). Die maximale Ladeleistung soll bei 110 kW liegen, sofern die Säule dies hergibt. "In diesem Fall würde die Ladezeit dann etwa 40 Minuten betragen", erklärt Schult. In dieser Zeit soll der Ladezustand von 10 Prozent wieder auf 80 Prozent angewachsen sein. Allerdings liefern die meisten DC-Lader momentan lediglich 50 kW. Ein Netz von 400 Schnellladern mit bis zu 350 kW befindet sich derzeit an Autobahnen in ganz Europa im Aufbau. Das ist gemessen an den Strecken, die hier zurückgelegt werden können, nicht viel.

Doch wie dem auch sei, das schon aus der A-Klasse bekannte MBUX ist in der Lage, bereits bei der Routenplanung entsprechende Ladestopps einzuplanen, die zum einen nicht länger als 20 Minuten sind, weil der Akku nicht komplett leergefahren wurde, die zum anderen an Stellen gelegt werden, wo die Wartezeit eher kurzweilig zu verbringen ist.

EQC soll preissensibel stromern

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Mit dem Mercedes EQC soll auch die Langstrecke Spaß machen.

Eben aus diesem Grund finden sich die Insassen dann auch in einem Ihnen bekannten Ambiente wieder. Natürlich hat die Nutzung von Gleichteilen, also beispielsweise bei Lenkrad, Sitzen, Monitoren oder Knöpfen und Schaltern, nicht nur die Idee der Wiedererkennung, sondern auch einen monetären Hintergrund. Denn bei aller finanziellen Offenheit der Mercedes-Kundschaft ist gerade das Segment der Elektroautos ein preissensibles. Zumal, solange der Staat die offizielle Förderung beim Kauf eines solchen Fahrzeuges noch bereitstellt.

Im Moment befindet sich Schult schon auf dem Weg nach Skandinavien, um dort mit dem EQC die letzten Kältetests in freier Wildbahn zu machen, bevor die Produktion in Bremen endgültig starten kann. Wie viel das stromernde SUV kosten wird, konnte der Entwickler noch nicht verraten. Von offizieller Seite aus heißt es aber, "dass der Preis recht attraktiv sein wird". Zu rechnen ist wohl mit Preisen ab 73.000 Euro. Vielleicht sogar weniger.

Quelle: n-tv.de

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