Land Rover Defender 90 Kurz mal durch den Schlamm
29.10.2020, 10:40 Uhr
Der Land Rover Defender 90 ist 44 Zentimeter kürzer als sein Bruder mit fünf Türen.
(Foto: Land Rover)
Nach der Langversion ist Englands Geländewagen-Ikone, der Defender, jetzt auch in einer kurzen Variante mit nur drei Türen und einem um gut 44 Zentimeter verkürzten Radstand zu haben. Der Defender 90 ist das Einstiegsmodell der neu aufgelegten Kult-Baureihe von Land Rover.
Tagelanger Herbstregen hat die hügeligen Waldwege in eine Matschwüste verwandelt. In einer Talsohle sammelt sich das Wasser zu einem finsteren Tümpel, der die nass-schwarzen Fahrspuren verschluckt. Eine unwirtliche Spielwiese, wie gemacht für einen der besten Geländewagen der Welt. Der Land Rover Defender 90 taucht mit dem Kühler in die gut 80 Zentimeter tiefe Brühe ein, ein Wasserschwall schwappt über die Motorhaube. Dann finden die vier Räder irgendwo im Untergrund ihren Tritt, wühlen sich durch das Hindernis und ziehen den 2,2-Tonner aus der nassen Falle, um ihn dann den nächsten Matschpfad steil bergauf krabbeln zu lassen.
Es ist das große Waldgebiet rund um das Eastnor Castle aus dem 19. Jahrhundert, zwei Autostunden westlich von London. Hier liegt eine der Teststrecken des Geländewagen-Spezialisten Land Rover. Und die Engländer haben ihr neuestes Modell an den Start gebracht. Ein halbes Jahr nach dem Defender 110 kommt jetzt auch die deutlich kürzere Variante des wiederbelebten Klassikers auf die Straße. Der Land Rover 90 ist bis zum äußeren Rand des am Heck montierten Reserverads 4,58 Meter lang. Sein langer Bruder misst dagegen 5,09 Meter. Verzichten muss der 90er auf die hinteren Türen, mit 397 Litern auf gut die Hälfte des Kofferraumvolumens und natürlich auf die Möglichkeit, eine dritte Sitzreihe zu montieren.
Kein Sportler, aber ein Sportlerherz

Dank elektronisch geregelter Luftfederung rollt der Land Rover Defender jetzt auch recht komfortabel über den Asphalt.
(Foto: Land Rover)
Auf der Tour zum Testterrain rund um die auf Gotik getrimmte Burg geht es über ganz normale Straßen, auf denen der größte Unterschied zum 2016 letztmals gebauten Ur-Defender schnell deutlich wird. Der Neue ist jetzt richtig straßentauglich. Unser "Landy" rollt auf elektronisch geregelter Luftfederung für gut 2775 Euro Aufpreis, bügelt Bodenwellen und Querfugen locker weg und stützt den Kurzen auch in flotteren Kurven komfortabel ab. Dabei ist er natürlich kein Sportwagen, was die Kunden wohl auch nicht erwarten. Die Lenkung ist nicht so präzise wie in einem dieser Kuschel-SUV, weil eben jede Menge Geländetechnik unterm Alu-Kleid steckt. Aber im Gegensatz zum Oldie fährt der Neue entspannt ohne ständige Korrekturen geradeaus.
Die pure Leistung des Test-Defenders lässt dann aber doch ein Sportlerherz schneller schlagen: 400 PS bringt das 61.700 Euro teure Top-Modell dank seines Dreiliter-Benziners mit sechs Zylindern an alle vier Räder, macht ihn auf der in England rechten Autobahnspur nicht zum Fremdkörper und bringt auf kurvigen Landstraßen dank der enormen Durchzugskraft jede Menge Spaß. Allerdings setzt die Höhe von fast zwei Metern dem hemmungslosen Umhertwisten eine natürliche physikalische Grenze.
Fürs Gelände lieber die Stahlfederung
Vor dem Abstecher ins Unwegsame wird das Testmobil gewechselt. Umsteigen in den Defender mit der serienmäßigen Stahlfederung. Eine Entscheidung, die ein künftiger Käufer vor Vertragsabschluss treffen muss. Fahr ich eher auf festen Straßen oder liegt meine Jagdhütte irgendwo im Nirwana. Seine wahren Stärken kann er eben noch besser mit der klassischen Federung ausreizen. Und die macht ihn dann zum "leistungsfähigsten Geländewagen seiner Art", wie Land Rover sagt.
Dazu baut er auf ein zweistufiges Verteilergetriebe, ein sperrbares Mitteldifferential und ein aktives Hinterachs-Differential. Und natürlich auf jede Menge elektronische Helfer wie Bergabfahrassistent, eine automatische Verteilung der Motorkraft auf beide Achsen, die vorher mit diversen Sensoren das Umfeld erkunden. Auch eine 360-Grad-Kameraanlage soll drohende Gefahren rundum und sogar unter dem Auto erkennbar machen.

Für hiesige Blicke ist hier im Defender alles verkehrt herum, aber eine robuste Eleganz ist dem Briten nicht abzusprechen.
(Foto: Land Rover)
Schnell vermittelt der Defender das nötige Vertrauen in seine Fähigkeiten. Schräglagen bis zu 45 Grad, bei denen sich der Beifahrer besser an den Haltegriff klammert, die erwähnten durchmatschten Pfade sogar steil bergauf und natürlich auch die Abhänge, auf die man sich ohne alpine Ausrüstung besser nicht per Fuß wagen sollte. Ein Gewässer darf bis zu 90 Zentimeter tief sein, ein Hindernis auch mal gut 30 Zentimeter hoch. Ein Profi im Gelände eben, der mit dem klassischen Jeep Wrangler, dem Toyota Land Cruiser oder der G-Klasse von Mercedes um die Vorherrschaft in der Wildnis streitet.
Dabei ist der Engländer richtig teuer, nur der 200-PS-Diesel unterbietet die 50.000-Euro-Marke. Wer sich auf der seitenlangen Liste an Extras und Sonderausstattungen austoben will, muss nochmal in die Tasche greifen. Dabei wird kaum ein künftiger Besitzer eines solchen Defender (englisch für "Verteidiger") die Fähigkeiten seines Autos ausreizen wollen. Es sei denn, er braucht das alles wirklich, um an abgelegene Orte zu kommen. Ein Naturforscher im Regenwald, ein Reiseführer auf Foto-Safari oder ein Öl-Sucher im Sahara-Sand. Beispiele gibt es genug, um auch den neuen Defender zur Ikone zu machen.
Quelle: ntv.de, Peter Maahn, sp-x