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2,3 Millionen Euro plus Steuern Mercedes-AMG ONE - voll mit Formel-1-Technik

Als Mercedes auf der IAA 2017 das Projekt ONE präsentierte, wurde gesagt, dass 2019 die ersten 50 Exemplare verkauft werden sollen. Jetzt, drei Jahre später, sollen 275 Formel-1-Boliden für die Straße mit allen technischen Raffinessen für 2,275 Millionen Euro plus Steuer an die Kundschaft gehen.

Die erste Idee, Formel-1-Technik auf die Straße zu bringen, gab es wohl 2016. So genau kann das heute keiner mehr sagen. Selbst Marco Lochmahr, Projektleiter Entwicklung, nicht, der ja immerhin maßgeblich für das, was sich da schlicht Mercedes-AMG ONE nennt, verantwortlich zeichnet. Das Konzeptfahrzeug jedenfalls wurde zum ersten Mal auf der IAA in Frankfurt im Jahr 2017 präsentiert.

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Der Mercedes-AMG ONE soll in 6,0 Sekunden auf Tempo 200 beschleunigen.

(Foto: Daniel Maurer)

Was das am Ende für eine Rakete geworden ist, sieht man nach Aussagen von Lochmahr am besten, wenn man sich den ONE in drei Teilen vorstellt. "In der Mitte das Carbon Monocoque, vorne treiben zwei in das Chassis integrierte E-Maschinen jeweils das rechte und linke Rad an und am Heck sitzt der Formel-1-Rennsportmotor. Zusätzlich beflügelt wird das Hochdrehzahltriebwerk durch einen Hightech-Turbolader. Abgas- und Verdichter-Turbine sind voneinander getrennt und durch eine Welle miteinander verbunden. Auf dieser Welle befindet sich ein etwa 90 kW starker Elektromotor, der je nach Betriebszustand die Verdichter-Turbine mit 100.000 Umdrehungen elektrisch antreibt - beispielsweise beim Anfahren oder nach Lastwechseln. Formel-1-Fans ist die Technik unter dem Namen MGU-H (Motor Generator Unit Heat) bekannt."

Bleibt die Frage: Wie stellt sich das alles in den Fahrwerten dar? Nun, sagen wir es so: Mercedes verzichtet bei den Beschleunigungswerten auf die Angabe zum Standardsprint und benennt gleich die Zeit, die es braucht, um den Boliden aus dem Stand auf Tempo 200 zu beschleunigen. Die Rede ist von unter 6,0 Sekunden. In der Spitze sollen mehr als 350 km/h erreicht werden, was bei einer Systemleistung von 1063 PS dann auch nicht verwundert.

Nicht nur Formel 1 im Innenraum

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Das Innenleben des Mercedes-AMG ONE vermittelt absolutes Rennstreckenfeeling.

(Foto: Daniel Maurer)

Doch bevor wir uns in den technischen Raffinessen des ONE verlieren, darf der Autor auf dem Pilotensitz Platz nehmen. Was gar nicht so einfach ist, denn die Scherentüren geben nur einen schmalen Weg in die tief liegende und wie in der Formel 1 fest integrierte Carbonschale frei. Hier bewegt sich also nicht der Fahrer mit dem Sitz, sondern die Pedalerie wird per mechanischem Zug und das Lenkrad elektrisch in die richtige Position gebracht.

In der Hand hält der Fahrer, was nicht überraschend ist, ein Formel-1-Lenkrad. "Um den Piloten nicht ganz von der AMG-Welt zu entkoppeln, haben wir einige Knöpfe aus unseren normalen Modellen in das Lenkrad integriert", erklärt der Projektleiter Entwicklung. Und so kann die rennsportaffine Kundschaft die Dämpfersetups hier ebenso einstellen wie die unterschiedlichen Fahrprogramme oder das ESP für den Renneinsatz deaktivieren. "Was wir richtig gut gemacht haben", lobt sich Lochmahr selbst, "sind die Zusatzfunktionen, die ein normaler AMG nicht hat: Ich kann die Rekuperation verstellen und ich habe hier einen Pit-Lane Limiter, der verhindert, dass ich mit überhöhter Geschwindigkeit in die Boxengasse rausche."

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Ein bisschen Wohlfühlatmosphäre aus den Standardmodellen trägt der Mercedes-AMG ONE aber auch in sich.

(Foto: Daniel Maurer)

Nun ist das natürlich ein Feature, was nur auf dem Track sinnvoll ist. Deshalb hat AMG beim ONE peinlich darauf geachtet, dass der Wagen auch straßentauglich bleibt. "Neben der Einsicht des Temperaturscreens oder der Drehzahlen vom Turbolader und Motor kann hier auch die Aerodynamik verstellt werden, alles für die optimale Rundenzeit. Immer vorausgesetzt, der Kunde will das und ist bereit, sich damit zu beschäftigen", so Lochmahr. Daneben gibt es aber die Dinge, die das Fahren auf der Straße angenehm machen sollen. So hat Mercedes zum Beispiel auch das MBUX, sein aus den Straßenfahrzeugen bestens bekanntes Infotainmentsystem, im ONE platziert.

"Ich kann also navigieren, habe eine Klimaanlage, ich kann mit meinem Smartphone Musik machen, ich habe ein Audiosystem oder kann telefonieren", so Lochmahr. "Es gibt sogar Parksensoren und Parkkameras." Was angesichts der extrem eingeschränkten Rundumsicht in dieser Sport-Flunder nur hilfreich sein kann, um nicht beim ersten Einparken die teure Lackierung zu zerkratzen oder gar schlimmere Schäden zu verursachen.

Die integrierte Race Crew

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Die Race Crew, die es sonst für den Start eines Formel-1-Wagens braucht, hat AMG in die Hard-und Software des ONE als künstliche Intelligenz integriert.

(Foto: Daniel Maurer)

"Bei der Unmenge an Formel-1-Technik im ONE bräuchte es eigentlich eine ganze Crew, um nur den Motor des Boliden zu starten", erzählt Lochmahr. "Wir haben diese Race Crew in der Hard- und Software als künstliche Intelligenz in das Fahrzeug gepackt. Für den Kunden heißt das: Einsteigen, Start-Knopf drücken und losfahren", grinst er. Man mag es kaum glauben, aber bei der Komplexität des Mercedes-AMG ONE galt es den Ingenieuren als größte Herausforderung, dass der Fahrer diesen Sportwagen tatsächlich ohne fremde Hilfe bedienen kann.

Werfen wir noch einen Blick auf den Formel-1-Motor: Bestimmend für den Vortrieb, ist ein 1,6-Liter-V6-Hybrid-Benzinmotor mit Direkteinspritzung. Der Motor samt Getriebe ist integraler Bestandteil der Heckstruktur, indem er direkt an das Carbon Monocoque angeschraubt ist, wobei das alles durch einen Titan-Stahl-Gitterrohrrahmen stabilisiert wird. Und wie in der Formel 1 sind die Achsstreben direkt ans Gehäuse geschraubt. "Das spart nicht nur Gewicht, sondern natürlich auch eine Menge Platz", erklärt Lochmahr.

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Der Motor des Mercedes-AMG ONE ist integraler Bestandteil der Heckstruktur.

(Foto: Daniel Maurer)

Die größte Herausforderung, um den ONE abseits des Tracks auf die Straße zu bekommen, war laut Lochmahr aber der Umstand, den Formel-1-Motor dahin zu bringen, dass er die geltenden Emissionsgesetze erfüllt. "Das meiste Hirnschmalz steckt tatsächlich in dem Abgasnachbehandlungssystem", so Lochmahr. "Neben den Standard-Filtern sind hier exakt vier Heizscheiben verbaut, die die Katalysatoren nach Betätigen des Start-Stopp-Knopfes innerhalb von 50 Sekunden auf 500 Grad Celsius vorheizen, bevor der Verbrenner anspringt." Allerdings muss der Fahrer die Zeit nicht im Stillstand vertrödeln, er kann schon mal elektrisch losrollen. Natürlich ist das rein elektrische Fahren jetzt nicht das, was einen ONE auszeichnet. Denn die Strecke von 18 Kilometern ist hier überschaubar.

Herrscher über die Winde

Über die Fahrprogramme kann der Pilot dann nach besten Wissen und Gewissen entscheiden, in welchem Modus er den Mercedes-AMG ONE bewegt. Für die Straße gibt es den Highway-Mode, der sich in weitere vier Fahrprogramme unterteilt, die an dieser Stelle nicht explizit erläutert werden sollen. Interessanter ist da schon der Track-Modus, denn da passiert am Fahrzeug deutlich mehr, als dass nur die Motorsteuerung spitz wird. Hier wird nämlich auch massiv an der Aerodynamik geschraubt. "Vorne wird der ONE um 37 Millimeter, hinten 30 Millimeter abgesenkt. Zudem fahren vorne die Aero-Elemente aus und hinten geht der Flügel auf."

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Viele neue Ideen haben die Ingenieure in die Aerodynamik des Mercedes-AMG ONE gebracht.

(Foto: Daniel Maurer)

Wie in der Formel 1 geht der Flügel auch beim DRS auf, um den Anpressdruck zu erhöhen. Beim ONE ist aber noch eine elektronische Steuerung hinterlegt, die dafür sorgt, dass es bei schnellen Kurvenfahrten ebenfalls öffnet, um den Boliden am Boden zu halten. Und weil bei den schnellen Fahrten ums Eck auch die Bremsen hart rangenommen werden, wird jede einzelne mit einem extra Luftschlauch gekühlt. "Und du glaubst es nicht", frohlockt Lochmahr, "bei unseren Tests auf der Rennstrecke haben die Bremsen über die gesamte Zeit nicht nachgelassen".

Natürlich hat dieses Füllhorn an technischen Innovationen am Ende seinen Preis. Die 275 Mercedes-AMG ONE, die noch im zweiten Halbjahr 2022 an die Kundschaft ausgeliefert werden sollen, kosten pro Stück 2,275 Millionen Euro plus Steuern. Wer jetzt auf sein Bankkonto schielt und denkt, man, das Geld hab ich doch, kommt allerdings bereits zu spät. Alle Fahrzeuge sind bereits verkauft.

Quelle: ntv.de

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