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Premiere für dynamischen Van Mercedes zeigt seine neue B-Klasse

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Eine der primären Aufgaben war es, die Mercedes B-Klasse in ihrer Neuauflage deutlich dynamischer zu machen.

(Foto: Holger Preiss)

Gerüchtehalber sollte die B-Klasse auf dem Autosalon in Paris als SUV vorfahren. Jetzt ist es doch ein schnittiger Sports-Van geworden, der auch das junge Volk begeistern soll. Einen SUV könnte es aber dennoch geben.

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Vor allem am Heck hat die B-Klasse deutlich an Dynamik gewonnen.

(Foto: Holger Preiss)

Mit der neuen B-Klasse präsentiert Mercedes in Paris statt eines langweiligen Kompakt-Vans einen schnittigen Familienflitzer und hat dazu auch gleich einen neuen Leitsatz herausgebracht: "So praktisch wie immer, so chic wie noch nie." Man könnte auch sagen, so sportlich wie noch nie. Die Motorhaube zieht sich bei der Neuauflage weit Richtung Boden, der Grill steht mit großem Stern steiler im Wind und das LED-Licht strahlt mit einer eigenen Lichtsignatur aus schmaleren Scheinwerferaugen. Auch am Heck haben die Designer darauf geachtet, dass die hausbackene Optik verschwindet. Sorge dafür tragen zweigeteilte Leuchten, in die Stoßfänger ausgelagerte Reflektoren und ein Chromzierstab, der die schnittigen Endrohrverblendungen überspannt.

Kommt die B-Klasse auch als SUV?

Die Basis für den sportlichen Familien-Van liefert die ebenfalls erst vor Kurzem neu aufgelegte A-Klasse. Die Geschwister teilen sich nicht nur das Innenleben, sondern auch die Basis. Das heißt, der Radstand der beiden Probanden ist mit 2,73 Metern identisch. Auch bei Länge und Breite stimmen die Maße mit denen des Hatchback überein. Nur in der Höhe - wen wunderts - darf die B-Klasse 12 Zentimeter drauflegen. Allerdings fällt die Dachlinie im Vergleich zum Vorgänger dynamischer ab und wird durch einen Dachspoiler verlängert. Um den Kopfraum dennoch nicht zu verlieren, wurden die Sitze flacher und mit einer erweiterten Verstellfunktion versehen. "Außerdem", so der Entwicklungschef der Baureihe, Jörg Bartels, "haben wir darauf geachtet, dass die im Van so geliebte Sitzhöhe erhalten bleibt. In Summe ist sie neun Zentimeter höher als in der A-Klasse."

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Der Kofferraum der neuen B-Klasse hat an Volumen eingebüßt.

(Foto: Holger Preiss)

Da stellt sich die Frage, warum Mercedes nicht den Gerüchten folgend gleich ein SUV auf Basis der B-Klasse entwickelt hat. "Die B-Klasse ist die B-Klasse. Aber wir hatten ja gesagt, dass wir von fünf auf acht Kompakte gehen werden", so Bartels. Schmunzelnd fügt er hinzu: "Da ist also auch noch Raum für andere Aufbauvarianten. Welche das sein werden, wird man sehen." Doch zurück zur B-Klasse. Im Gegensatz zum Vorgänger musste das Kofferraumvolumen einiges abgeben. Bei aufrechter Rückenlehne stehen jetzt 455 Liter parat, beim Vorgänger waren es 488 Liter. Wer die im kommenden Jahr verfügbaren und um 14 Zentimeter verschiebbaren Fondsitze ordert, der hat 705 Liter Stauraum zur Verfügung. Und wer die nunmehr im Verhältnis 40:20:40 umzulegende Rückenlehne flach macht - ganz plan wird es nicht - dem stehen 1540 Liter zur Verfügung. Das sind nur 7 Liter weniger als beim Vorgänger, kann also getrost vernachlässigt werden. Neben dem Kofferraumvolumen hat das neue Konzept der B-Klasse eher Vor- als Nachteile gebracht.

Agil und komfortabel

In Summe haben die Entwickler nach Aussage von Bartels, dem Herren über die Kompakten bei Mercedes, ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, dass das Raumkonzept des Vorgängers erhalten bleibt, aber in eine wesentlich sportlichere Hülle gepackt wird. "Das Wichtigste ist aber", so Bartels, "dass wir das Fahrzeug agiler und komfortabler gemacht haben. Dazu gehört vor allem die Reduzierung von Wind- und Abrollgeräuschen" Fahrtechnisch sollte sich die B-Klasse also so agil anfühlen wie die A-Klasse.

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Für das Fahrverhalten der neuen B-Klasse verspricht der Entwicklungschef eine Mischung aus Agilität und Komfort.

(Foto: Holger Preiss)

Denn wie die wird der Familiengleiter entweder mit einem Komfortfahrwerk mit Tieferlegung oder mit aktiver adaptiver Verstelldämpfung angeboten. Damit kann der Fahrer wie gewohnt über die Fahrmodi die Einstellung der Dämpfer selbst beeinflussen. Am Heck gibt es - ebenfalls wie bei der A-Klasse - eine Verbundlenker-Hinterachse, bei den stärkeren Modellen kommt die wesentlich aufwändigere Vierlenker-Hinterachse zum Einsatz. Die Fahrdynamik so zu beeinflussen, dass neben der Agilität auch ein gewisses Maß an Komfort erhalten bleibt, war gar nicht so einfach, erzählt Bartels. "Du hast bei dieser Art von Auto schon durch den höheren Aufbau eine größere Wankbewegung. Aber wir haben mit dem Grund-Setup eine Einstellung gefunden, die alle Fahrertypen bedienen sollte."

Motorenprogramm aus der A-Klasse

Für den Vortrieb greift die B-Klasse ebenfalls auf das zurück, was sich bereits in der A-Klasse bewährt. Da sind die Vierzylinder mit dem ungewöhnlichen Hubraum von 1,33 Litern, die gemeinsam mit Renault entwickelt wurden und in drei Leistungsstufen von 136 PS bis 163 PS angeboten werden, und drei Vierzylinder-Diesel-Triebwerke mit 116 PS, 150 PS und 190 PS. Die letztgenannte Ausbaustufe ist allerdings neu. Der für den Frontantrieb quer eingebaute Selbstzünder ist 16 Prozent leichter als sein Vorgänger und leistet 13 PS mehr. Dank eines um vier Millimeter verringerten Zylinderabstands kann die Abgasnachbehandlung direkt am Motor erfolgen. Das heißt, der intern als OM 654q bezeichnete Motor erfüllt bereits jetzt die verschärfte Abgasnorm der erst ab 2020 verbindlichen RDE (Real Driving Emissions) der Stufe 2 und ist nach Euro-6d-Temp zertifiziert.

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Das Bedienkonzept der B-Klasse ist komplett vom kleinen Bruder, der Mercedes A-Klasse, übernommen.

(Foto: Holger Preiss)

Doch werfen wir noch mal einen Blick in den Innenraum. Prinzipiell bedient man sich auch hier aus der A-Klasse. Vor dem Fahrer ragt die freistehende Bildschirmeinheit auf, die in der größten von drei Varianten mit zwei 10,25-Zoll-Displays das Dashboard bis zum Ende der Mittelkonsole überspannt. Die Lüftungsdüsen sind ebenfalls in Turbinenoptik ausgeführt, wobei das in den Luftleitringen verbaute LED-Licht im Dunkeln wie das Nachbrennen eines Triebwerks wirkt. Vorausgesetzt, aus den 64 Farben des Ambiente-Lichts wurde die richtige gewählt.

"Hey Mercedes" auch in der B-Klasse

Natürlich hat die B-Klasse auch das Multimediasystem MBUX - Mercedes Benz User Experience - aus der A-Klasse übernommen. Damit ist der sportliche Van das zweite Pkw-Modell, der diese Form der neuen Konnektivität in sich trägt. Hinzu kommen die serienmäßige Touchscreen-Bedienung, das hochauflösende Widescreen-Cockpit und die Navigationsdarstellung mit Augmented-Reality-Technologie. Was das ist? An neuralgischen Punkten wie einer Kreuzung oder einem Kreisverkehr wird bei Nutzung des Navis genau an diesen Punkten die Frontkamera eingeschaltet. Jetzt ist das Bild, das auch der Fahrer sieht, auf dem Display über der Mittelkonsole sichtbar. Hinzu kommen aber detaillierte Informationen zum Abbiegen, beispielsweise durch eingeblendete Pfeile.

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Mehr Platz als beim Vorgänger gibt es in der B-Klasse für Reisende in der zweiten Reihe.

(Foto: Holger Preiss)

Neben der hier angebotenen Sprachsteuerung, deren Ansprechverhalten auf den Ruf "Hey Mercedes" reagiert und für den die Stuttgarter versprechen, dass sie absolut lernfähig ist und auch die Umgangssprache versteht, kann die Multimediaeinheit auch über den Touchscreen, das Touchpad auf der Mittelkonsole oder die Touch Controls im Lenkrad bedient werden. Stellt sich die Frage, ob das nicht langsam zu viel wird. "Wie haben die Diskussion öfter", so Bartels, "aber wenn ich mit 160 km/h auf der Autobahn bin, dann möchte ich vielleicht nicht mit dem Touchpad arbeiten. Das wiederum brauche ich aber für die Handschrifterkennung. Andere Menschen haben lange Arme und nehmen die Einstellungen lieber über den Touchscreen vor. Am Ende gibt es für alle Varianten einen guten Grund."

Und auch von dem Gelernten muss man sich irgendwann verabschieden. War vor wenigen Jahren noch der Druckdrehsteller die Innovation zur Eingabe von Navigationszielen, ist es heute die Spracheingabe. Mit dem oben erwähnten MBUX hat die eine neue Stufe erreicht.  Nach den ersten Kinderkrankheiten hat das System innerhalb von Monaten gelernt. Unterdessen gibt es nicht nur die richtigen Ziele aus, es gibt auch die  richtigen Antworten. "Tatsächlich ist die Spracherkennung so gut geworden", erläutert Bartels, "dass die Eingabe über einen Druckdrehsteller gar nicht mehr der Use Case ist."

Die Jungen erreichen, die Älteren behalten

Apropos Use Case: Selbstredend gibt es auch in der B-Klasse die Fahrassistenzsysteme, die die A-Klasse bereits aus dem Segment der Oberklasse also aus der S-Klasse übernommen hat. Dazu gehört das teilautonome Fahren ebenso wie die verbesserten Kamera- und Radarsysteme zur Erfassung des Verkehrsumfeldes. Hinzu kommt die navigationsbasierte und automatische Anpassung der Geschwindigkeit vor Kurven, Kreuzungen oder Kreisverkehren. Ebenfalls in den Paketen enthalten der aktive Nothalt-Assistent und der adaptive arbeitende Spurwechsel-Assistent. Das hat natürlich alles seinen Preis. Schon bei der A-Klasse kann, wer hier richtig zuschlägt, den Preis von 30.000 Euro auf knapp 50.000 Euro steigern. Das ist für einen Kompakten, egal ob er als A- oder B-Klasse vorfährt, verdammt viel Geld. Allerdings sollte man hier immer im Hinterkopf behalten, dass auch ein Golf mit den nötigen Häkchen in der Optionsliste diese lichten Höhen erreichen kann.

Bleibt die Frage zu klären, wer den die Zielgruppe für die neue dynamische B-Klasse ist. Die A-Klasse läutete seinerzeit den Generationswechsel der Mercedes-Käuferschaft ein. Soll es auch mit der B-Klasse dahin gehen? "Natürlich haben wir dem Auto diese Dynamik mitgegeben, um mehr junge Familien erreichen zu können", so Helmut Grösser, Produktmanager der B-Klasse. "Aber ich möchte den Teil der älteren Menschen, die dynamische Autos in Verbindung mit ausreichend Platz lieben, nicht reduzieren, aber gerne mehr junge Leute in unser B-Klasse sehen", führt Grösser weiter aus. Am Ende kann das nur dazu führen, dass sich der Sport-Van noch besser verkauft. Die alte B-Klasse hat es jedenfalls in 13 Jahren weltweit auf 1,5 Millionen Stück gebracht. Eine Zahl, die man der häufig totgesagten Gattung gar nicht zutrauen mag.

Quelle: n-tv.de