Tradition sticht eben dochMit dem ID.Polo krempelt Volkswagen das Cockpit um
Von Patrick Broich, Barcelona
Im ID.Polo feiert Volkswagens neue Cockpit-Generation ihren Einstand. Und es ist nicht nur einfach eine Infotainment-Evolution, sondern eine Botschaft an die Kunden, was den deutschen Automobilbau von chinesischem differenziert. Und das ist interessant.
Volkswagen sendet mit dem neuen Innenraum des ID.Polo eine Message an die Kundschaft. Und zwar eine, die es in sich hat, wenn man einmal genau überlegt. Denn in der Essenz dieses neuen Infotainment-Konzepts findet sich in geballter Form das, was Volkswagen groß gemacht hat, wofür die Marke steht und vor allem, was sie immer noch bietet: Identität, Qualität (wenngleich auch schwankend über die Jahre) und Tradition.
Das unterscheidet nicht nur Volkswagen beispielsweise von den chinesischen Herstellern. Generell haben die europäischen Autobauer und insbesondere die deutschen etwas, bei dem die Chinesen und auch andere neue Marken wie Tesla nicht werden aufholen können. Nämlich eine jahrzehntealte, gewachsene Automobilkultur, die sich in Design wie Ingenieurskunst manifestiert.
Damit kein Missverständnis entsteht: Ob Tradition die deutsche Autoindustrie langfristig wirtschaftlich trägt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber Markengeschichte ist ein Pfund, und das sollten die Hersteller nutzen. Volkswagen tut genau das. Jetzt. Und der Effekt zumindest bei automobilhistorisch bewanderten Interessenten ist eindeutig.
Wer das auf Knopfdruck abrufbare historische Instrumentarium aufruft, könnte plötzlich einen warmen Nostalgie-Schauer erleben. Dem Autor ist bei der ersten Tuchfühlung gleich die erste Fahrt nach dem Führerschein mit einem damals schon alternden Polo II 86 C Ende der Neunziger in den Sinn gekommen.
Retro-Bildschirm ist nah am Original
Natürlich hat das Kreativteam um Designchef Andreas Mindt nicht eins zu eins sämtliche Elemente des Kombiinstruments von frühen VW Golf und Polo übernommen. Aber die Form der Skalen passt, die Schrift ebenfalls halbwegs, und die IT-Spezialisten haben auch die früher für den optionalen Bordcomputer verwendeten LCD-Displays im Stil originalgetreu nachgebildet - nur werden hier jetzt eben Reichweite oder State of Charge der Batterie angezeigt. Und selbst die kleinen Kontrolllämpchen in der Mitte des Kombiinstruments greifen das Retro-Layout auf.
Auf dem großen Hauptscreen wird es dann spielerisch. Wer den Retromodus aktiviert, bekommt eine alte Musikkassette fotorealistisch visualisiert; und darunter lässt sich noch mal der Akkustand checken in exakt dem gleichen Stil wie die Tankuhr bei Volkswagen der 1980er-Jahre. Doch ansonsten geht es im taufrischen Polo ziemlich neuzeitlich zu mit den üblichen Menüebenen - inzwischen strukturiert und intuitiv bedienbar. Und natürlich auch in moderner Gestaltung, wenn man die Retroansicht ablehnt.
Erfreulicherweise verzichtet Volkswagen nicht ganz auf die physische Taste. Sie ist seit einigen Modellgenerationen beispielsweise zurück auf das Lenkrad gewandert statt nerviger Touchflächen mit unzureichender Rückmeldung, um jetzt wieder für intuitive Treffsicherheit zu sorgen. Also kommt auch der künftige elektrische Polo in den Genuss dieser mechanischer Drücker.
Doch nicht nur das. Auch die Tasten für die Klimaanlagenbedienung sind erstmals nach längerer Zeit wieder bei einem neuen Modell ganz und gar mechanisch ausgelegt - und damit auch während der Fahrt besser zu treffen. Auch bei den elementaren Einstellungen wie zum Beispiel der Außenspiegel setzt Volkswagen auf konventionelle Bedienung per klassischem Versteller in der Fahrertür. Und entscheidet sich damit bewusst gegen einen grassierenden Trend.
Bedienung praktischer als im ID.3
Außerdem gehören kleine Dinge, die bisher gestört haben, der Geschichte an, um den täglichen Umgang mit dem Auto einfacher zu machen. So gibt es jetzt wieder vier Schalter für alle Scheibenheber statt einer Umschalttaste, mit der man etwa beim ID.3 zwischen den Vorder- und Fondtüren wählen kann. Dummerweise hat man als Fahrer ständig den Fond-Modus aus Versehen aktiviert, sodass an der Parkhausschranke gern mal das hintere Fenster öffnete, wenn man die Karte in den Automaten stecken wollte.
Wissenswert ist vielleicht noch, dass die Architekten schmutzempfindlichen Klavierlack aus dem Innenraum verbannt haben, aber nicht an Ambientelicht sparen. Und den Trend der sogenannten "Eastereggs" hat man in Niedersachsen für sich entdeckt. Kleine auf dem Boden der Getränkehalter eingelassene Herzchen-Icons gehen als sympathische Designgags durch.
Praktische Features wie eine kleine Vertiefung in der mit schickem Stoff bespannten Tür sind beispielsweise gut, um das Smartphone abzulegen. Volkswagen betont außerdem Recycling-Quoten von teils sogar 100 Prozent.
Erwachsen ist der Polo überdies geworden. Recht angenehme Sitze, soweit bei der ersten Sitzprobe zu beurteilen, lassen zumindest auf eine gewisse Allrounder-Fähigkeit hoffen. Eine Massagefunktion plus elektrischer Sitzverstellung gibt es optional dazu. Viel Beinfreiheit hinten dank 2,60 Metern Radstand ist gesetzt - der aktuelle Golf liegt bloß 2,9 Zentimeter darüber.
Trotz vieler Neuerungen bleiben manche vertraute Codes aus der ID-Welt erhalten: die Pedale mit Pause- und Play-Symbolen. Nachdem nun Infotainment sowie Interieur des Volkswagen künftien ID.Polo bekannt sind, dürften Interessierte neugierig auf das Außendesign geworden sein. Das werden die Wolfsburger aber erst im Frühjahr verraten. Bis dahin ist also noch Spannung angesagt.