Auto
Das neue JPN-Taxi soll bis zu den olympischen Sommerspielen das Straßenbild von Tokio bestimmen.
Das neue JPN-Taxi soll bis zu den olympischen Sommerspielen das Straßenbild von Tokio bestimmen.
Freitag, 08. Juni 2018

Mit Häkelchic und Gasantrieb: Neue Willkommenskultur der Tokio-Taxis

Die Japaner sind in vielen Dingen Technologie-Führer, aber ihre Taxis sehen aus, als wären sie von gestern. Doch rechtzeitig vor den olympischen Sommerspielen flutet Toyota die Straßen Tokios mit einem neuen Modell und modernem Antrieb.

Kenichiro Morioka ist ein Japaner wie er im Buche steht. Höflich, zurückhaltend und von einer stoischen Ruhe. Aber das braucht er auch für seinen Job. Denn der Enddreißiger ist Taxifahrer in Tokio und versteht sich ganz im Gegensatz zu vielen seiner deutschen Kollegen als Botschafter seines Landes. Schließlich ist er nach den Zöllnern am Flughafen oft der erste Einheimische, mit dem Touristen Kontakt haben.

Kenichiro Morioka war einer der ersten, die das neue Taxi übernommen haben.
Kenichiro Morioka war einer der ersten, die das neue Taxi übernommen haben.

Statt einer muffigen Miene hat er deshalb ein freundliches Lächeln im Gesicht - und das, obwohl seine Schicht 20 Stunden hat. Statt ausgewaschener Jeans und fleckiger T-Shirts trägt er einen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte. Und weil er in seinem Sinne ein VIP-Chauffeur ist, hat er natürlich auch blütenweiße Handschuhe an. Selbst die Sitze in seinem Auto sind mit weißen Häkeldeckchen überzogen, die ein wenig an die Klöppelware norddeutscher Großmütter erinnert.

Offenherzig und gastfreundlich

Seit ein paar Monaten füllt Morioka die Rolle als japanischer Botschafter noch besser aus. Denn er war einer der ersten, die das neue JPN-Taxi übernommen haben. Das hat Toyota, mit einem Anteil von 80 Prozent an den etwa 240.000 Taxen in Japan die dominierende Größe, gemeinsam mit den Taxi-Unternehmen im Land entwickelt. Vor einem halben Jahr präsentiert, soll es bis zu den Olympischen Sommerspielen das Straßenbild von Tokio bestimmen und zu einer neuen Ikone werden, sagt Projektleiter Hiroshi Kayukawa und lässt dabei immer wieder den Begriff "Omotenashi" fallen.

Das JPN-Taxi hat ein steiles Heck und ein hohes Dach - ähnlich wie das London-Taxi.
Das JPN-Taxi hat ein steiles Heck und ein hohes Dach - ähnlich wie das London-Taxi.

Der steht für die japanische Willkommenskultur, jene offenherzige und gastfreundliche Art bei der ersten Begegnung, die Taxifahrer Morioka so demonstrativ zelebriert. Die ersten 5000 Autos sind bereits ausgeliefert, jeden Monat laufen im Werk Higashi-Fuji bis zu 1000 Taxen vom Band und bis zur Eröffnung der Spiele im Sommer 2020 dürften die meisten der rund 30.000 Taxi-Lizenzen in Tokio auf das neue Modell übertragen worden sein.

Verdächtig vertraut

Wurden die Kunden bislang in fabrikneuen Oldtimern wie dem Toyota Crown oder dem Nissan Cedric chauffiert, deren Konstruktion und vor allem Design sich seit dem letzten Jahrtausend nicht geändert haben, gilt nun eine neue Formenlehre im Fahrdienst und die Stufenheck-Limousinen werden langsam ausgemustert. Allerdings sieht auch das nagelneue Tokio-Taxi verdächtig vertraut aus - und erinnert ausgerechnet an das London-Taxi. Aus gutem Grund, sagt Kayukawa. Schließlich gilt der schwarze Riese als Raumwunder, in dem man bequemer sitzen kann als in jedem anderen Taxi.

Also hat auch Kayukawa für das JPN-Taxi ein steiles Heck und ein hohes Dach gewählt. Es gibt für den bequemen Einstieg einen flachen Boden und große Schiebetüren, hinter denen man anders als im Crown nun genügen Platz findet, um sogar die Beine übereinander zu schlagen. Und es gibt ein Gepäckabteil, in das zwei große Hartschalenkoffer oder immerhin vier Golfbags passen, rechnet der Entwickler vor.

Angetrieben durch Flüssiggas

Statt ausgewaschener Jeans und fleckigem T-Shirt trägt Kenichiro Morioka einen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte.
Statt ausgewaschener Jeans und fleckigem T-Shirt trägt Kenichiro Morioka einen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte.

Danach allerdings enden die Parallelen zwischen London und Tokio. Denn Kayukawas Taxi ist nicht schwarz, sondern in einem ganz traditionellen Indigo gehalten, das so etwas wie die Nationalfarbe der Japaner ist. Und unter der Haube röchelt kein Diesel und surrt auch nicht nur eine E-Maschine. Wie jedes Taxi in Tokio fährt auch das neue Modell mit Flüssiggas, und wie beinahe jeder Toyota ist es ein Hybrid. Kayukawa hat dafür den Antrieb des alten Prius als Basis genommen und den 1,5 großen Benziner kurzerhand auf LPG umrüsten lassen.

Das Paket ist extrem effizient, schwärmt Taxifahrer Morioka und schätzt die Reichweite auf das doppelte des alten Crown, während die Ausgaben für den Treibstoff in den Keller rauschen. So lässt sich sogar der höhere Preis für das neue Taxi rechtfertigen, das mit 3,2 Millionen Yen oder umgerechnet rund 25.000 Euro rund ein Drittel mehr kostet als der Crown.

"Aber wir haben das Auto ja auch von Grund auf neu und erstmals als reines Taxi entwickelt, maßgeschneidert für die Anforderungen der Branche", rechtfertigt Projektleiter Kayukawa. Dass man deshalb zum Beispiel noch mehr Hartplastik sieht im Auto und sich Taxifahrer Morioka nicht mehr fühlt wie in einer Luxuslimousine, sondern wie in einem Nutzfahrzeug, muss man verstehen: "Haltbarkeit stand bei uns ganz oben auf der Liste", sagt Kayukawa. Schließlich ist das Tokio-Taxi mindestens sechs Jahre im Dauereinsatz.

Nicht sonderlich schwungvoll

Für den Kunden ist das neue Taxi dank seiner Größe ein echter Gewinn.
Für den Kunden ist das neue Taxi dank seiner Größe ein echter Gewinn.

Sonderlich schwungvoll fährt das Taxi mit seinem Sparantrieb allerdings nicht. Zwar ist es dank der gegenüber dem Crown um einen halben Meter gekappten Länge relativ handlich und Morioka wuselt damit leichter durch die engen Seitenstraßen von Akihabara oder Roppongi, zumal er auch eine bessere Übersicht genießt. Aber an Fahrspaß ist dabei kaum zu denken: Ein 74 PS starker Verbrenner, ein nicht näher spezifizierter E-Motor und eine Pufferbatterie mit Nickelmetallhydrid-Technik müssen reichen, um das Trum auf Touren zu bringen.

Doch erstens wird er fürs Arbeiten bezahlt und nicht fürs Vergnügen, selbst wenn seine Schicht 20 Stunden dauert. Zweitens darf man bis auf einen kleinen Neubauabschnitt der Autobahn mit einem Tempolimit von 110 km/h nirgends im Land mehr als 100 km/h fahren. Und drittens sind die Straßen in der Stadt die meiste Zeit so dicht, dass das Taxi kaum mehr als gehobenes Schritttempo erreicht. Da freut sich Morioka eher am E-Motor, der zumindest ein paar 100 Meter elektrischer Schleichfahrt erlaubt und für eine himmlische Ruhe in seinem Taxi sorgt.

Für die Kunden dagegen sei das Taxi ein echter Gewinn, sagt der Fahrer über die neue Beinfreiheit im Fond und den bequemen Zugang. Kein Wunder also, dass viele Leute am Straßenrand so lange warten, bis eines der ersten JPN-Taxen vorbei kommt und sie nicht mehr in einen Crown klettern müssen. Dass dabei nicht jeder das "Untenshu-San Onegai!" über die Lippen bekommt, mit dem die Japaner ihr Taxi rufen, damit hat Kenichiro Morioka kein Problem. Er versteht den Taxiruf in einem knappen Dutzend anderer Sprachen und reagiert natürlich auch auf den polyglotten Wink. Ein bisschen Weltoffenheit gehört schließlich auch zu seinem Verständnis von Willkommenskultur.

Quelle: n-tv.de