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Mischung aus Bentley und PorscheOra 07 im Test - der Exot in Europa

03.02.2026, 08:20 Uhr Patrick-portraetfotoVon Patrick Broich
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Eine Prise Porsche kann der Ora 07 nicht verleugnen. (Foto: Patrick Broich)

Mit dem Ora 07 bietet der Great-Wall-Konzern eine Limousine an, die optisch irgendwo zwischen Bentley und Porsche rangiert und fahren soll wie eine S-Klasse. Preislich zumindest ist der Viertürer interessant. Hält er sein Luxus-Versprechen?

Chinesische Autos haben es in Deutschland aus diversen Gründen schwer, auch wenn sie technisch aufholen. Doch welche Gründe sprechen überhaupt für ein chinesisches Fabrikat? Der Preis ist sicherlich interessant, wobei Modelle mit rein elektrischen Antrieben nicht zwingend Schnäppchen sind.

Wie wäre es mit dem Ora 07? Man nehme eine Prise Porsche für die Front und einen Esslöffel Bentley für das Heck. Und dann wäre da ja noch die Seitenlinie - klarer Fall, beim Porsche Panamera abgekupfert. Das soll nicht despektierlich klingen, man darf sich ja Designanregungen holen. Aber vielleicht würde es eine Spur subtiler besser aussehen. Beim Ora 07 sagt das Bauchgefühl irgendwie: "Der wirkt so ein bisschen knautschig - aber auch witzig", warum eigentlich nicht.

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Irgendwie ist dieser Ora ein Mix aus Bentley und Porsche. Er sieht elegant aus, aber das Bauchgefühl streikt. (Foto: Patrick Broich)

Anders sieht es aus, wenn man den Mittelklässler geentert hat. Vor allem mit der terrakottafarbenen Lederausstattung des Testwagens erhält der Ora einen noblen Touch. Ein verstärkender Effekt dieses Eindrucks ist die Ton-in-Ton-Architektur: Demnach haben die Kreativen auch den unteren Teil der Armaturentafel, das Brückenelement zwischen Armaturen sowie unterem Mittelteil plus Lenkrad in Leder eingehüllt, mit feinen Ziernähten versehen und im Polsterton gefärbt.

Der Ora 07 sieht etwas schräg aus

Doch das ist noch nicht alles. Man kann der Meinung sein, das Design sei nicht europäisch, insbesondere mit den etwas unbeholfen verschachtelten Instrumenten (nein, so sieht ein 911 nicht aus) - die Verarbeitungsqualität geht in Ordnung. Hier wirkt nichts billig, und es wackelt auch nichts. Auch das Mobiliar selbst erfüllt seinen Zweck, die Passagiere kommod unterzubringen. Das funktioniert sogar etliche Hundert Kilometer am Stück ganz gut. Zeit, über den Antrieb zu sprechen, der ebenfalls etwas mit der Komfort-Thematik zu tun hat.

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Der Ora 07 wirkt innen durchaus nobel mit seiner terrakottafarbenen Lederausstattung, (Foto: Patrick Broich)

Ora hat den Testwagen natürlich als GT herausgegeben - dann zerrt nämlich je Achse eine eigene Permanentmagnet-Synchronmaschine (204 PS), also in Summe zwei. Macht gemeinsam 408 PS. Was sich nicht bloß in höchster Souveränität auswirkt, sondern den 2,2-Tonner mehr als wuchtig anschiebt. Das Werk spricht von 4,5 Sekunden bis zur 100-km/h-Marke.

Allerdings ist bei 180 Sachen Ende der Fahnenstange. Schon nach den ersten Metern spürst du als Fahrer aber, dass gar nicht allein die reinen Zahlen anmachen. Es ist vielmehr die Kraftentfaltung. Jawohl, denn auch ein Elektromotor muss nicht zwingend binnen Millisekunden das Maximaldrehmoment freigeben.

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Das verschachtelte Kombiinstrument soll cool wirken. Wem es gefällt ... (Foto: Patrck Broich)

Mit dem Mittelklässler reist es sich komfortabel

Die Ora-Techniker haben sich vielmehr für einen sanften Moment-Anstieg entschieden. Also selbst bei schlagartiger Volllast geben die Maschinen ihr kumuliertes Maximaldrehmoment von 680 Newtonmetern wohldosiert ab. Soll heißen, der Stromer legt erst harmlos ab, um dann nach wenigen Sekunden Verzögerung der Magengrube mit der geballten Power einen Schlag zu verpassen. Wer behauptet, das mache keinen Spaß, der lügt.

Darüber hinaus ist den Ingenieuren eine ausgewogene Fahrwerksabstimmung geglückt. So vermittelt der durchaus komfortable 07 eine gewisse Schwere - nicht im Sinne von schwerfällig, sondern in Form von Solidität. Er ist zwar weniger sportlich, aber dafür in hohem Maße komfortabel und pariert selbst hartnäckige Wellen sauber.

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Reichlich Platz bietet die zweite Reihe des Ora 07. (Foto: Patrick Broich)

Soweit der fahrdynamische Teil. Bei der Ladedynamik sieht das anders aus - beziehungsweise von Dynamik kann gar keine Rede sein. Zwar bunkert das 4,87 Meter lange Ora-Flaggschiff mit 84 kWh netto jede Menge Strom. Doch wenn es daran ist, die Zellen mit Saft zu füllen, ist Geduld gefragt. Das Werk macht hieraus auch gar keinen Hehl. Es nennt gerade einmal 88 kW als Peak-Ladeleistung, das sind Gepflogenheiten von vorgestern. So kann es locker 40 Minuten oder sogar länger dauern, um einen annähernd leeren Akku wieder auf 80 Prozent State of Charge zu bekommen. Und Realreichweiten von unter 400 Kilometern insbesondere bei Kälte konterkarieren den Plan, besonders weit zu kommen mit einer einzigen Batteriefüllung.

Bleibt zum Schluss der Blick auf Bedienung und Instrumente. Da chinesische Marken bekannt dafür sind, gern und viel zu piepsen, wenn man sich nicht so verhält, wie es das Auto am liebsten hätte, muss man eingreifen und die Störfaktoren ausschalten. Das funktioniert, wenn auch etwas umständlich. Hier wäre ein effektiver Shortcut hilfreich.

Eine andere landestypische Eigenschaft besteht darin, dass die Klimaanlage nicht europäisch kalibriert ist. Wenn es mollig warm werden soll, muss man schon 28 Grad einstellen. Die Heizleistung geht allerdings in Ordnung, und eine Wärmepumpe zur Effizienzmaximierung ist schließlich auch an Bord ab der Ausstattungslinie "Pro".

Ein richtiges Schnäppchen ist der Ora 07 GT nicht angesichts von 53.490 Euro. Ja, mit Ausstattung geizt er nun wirklich nicht. Selbst Brocken wie Head-up-Display oder Massagesitze finden sich serienmäßig an Bord. Ganz zu schweigen von Features wie Navigation, schlüssellosem Schließsystem, Smartphone-Integration oder Panorama-Glasdach. Dennoch handelt es sich um eine schöne Stange Geld für ein Fahrzeug einer weitgehend unbekannten Marke.

Die Frage ist, wie lange man den 07 in Deutschland noch bekommen kann: Der Hersteller nimmt den dynamischen Gleiter aus dem Handel. Allerdings gibt es noch genügend Exemplare. Zugelassen wurden hierzulande übrigens bisher rund 150 Exemplare dieser Limousine - das ist exotischer als Porsche und gar deutlich exklusiver als Bentley. Wenn das nicht auch mal ein Asset für Individualisten ist.

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Mit dem Fließheck wirkt der Mittelklässler durchaus besonders. Häufig zu sehen ist es hierzulande allerdings nicht. (Foto: Patrick Broich)

Fazit: Great Wall Motor ist in China kein unbeschriebenes Blatt. Der Konzern, zu dem die Marke Ora gehört, baut bereits seit den 1980er-Jahren Autos. Heute zählt die Firma zu den größten Autoherstellern des Landes und ist offenbar in der Lage, Vehikel herzustellen, die fahrerisch europäischen Maßstäben entsprechen. Über Design kann man natürlich streiten; was die Ladeperformance betrifft - da sollten die Techniker dringend noch mal ran. Falls sie überhaupt vorhaben, es hierzulande noch einmal zu versuchen.

Quelle: ntv.de

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