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Seit über 70 Jahren Puky - Kinderträume auf zwei Rädern

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Wer das Laufrad als Steppke beherrscht, der lernt schneller Fahrradfahren.

(Foto: Fabian Hoberg)

Wenn der Name Puky fällt, leuchten viele Kinderaugen., aber auch die von Erwachsenen. Erinnerungen an das erste Fahrrad werden wach, denn Puky gibt es seit über 70 Jahren. Ein Besuch in Wülfrath, dort, wo die Kinderträume wachsen

Auf dem Rollenprüfstand poltern die Räder. Tok, tok, tok. Die Rolle simuliert Bordsteinkanten. Rauf, runter, rauf, runter. Der Rahmen ist mit Sandsäcken beschwert. Stundenlang quält die Maschine das Kinderfahrrad. Erst nach einer bestimmten Abfolge der Tortur wird das Rad vermessen und genau untersucht.

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Ohne Tortur auf dem Prüfstand wird bei Puky kein Zweirad für die Produktion zugelassen.

(Foto: Fabian Hoberg)

Daneben parkt ein weiteres kleines Fahrrad, vollgestopft mit Sensoren und Kabeln, und wartet darauf, ebensolche Belastungen aufzuzeichnen. Was dem Betrachter als eine wahre Folter erscheint, ist bei Puky-Neuentwicklungen eine Selbstverständlichkeit. Denn kein Mensch will, dass die niedlichen Puky-Kinderfahrräder in meist knalligen Farben ihre stolzen Reiter am nächsten Kantstein wegen Materialermüdung aus dem Sattel werfen.

Fast alles aus der Region

Seit über 70 Jahren gibt es die Firma. Sie entwickelt, testet und produziert die Räder in Wülfrath, einer 20.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Düsseldorf. Aber Puky produziert nicht nur Kinderfahrräder, auch Rutschfahrzeuge, Laufräder, Dreiräder, Roller und bis vor Kurzem sogar Gokarts. Im eigenständigen Unternehmen arbeiten über 110 Menschen, dazu kommen über 450 Mitarbeiter mit unterschiedlichen Graden der Behinderung in elf Werkstätten.

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Auch die Puky-Roller werden in Wülfrath hergestellt.

(Foto: Fabian Hoberg)

Um Qualität und Sicherheit zu gewährleisten, betreibt Puky ein eigenes Prüf- und Testlabor und fertigt vor Ort. Die Stahlrösser werden in Wülfrath montiert. Die leichteren Alu-Rahmen werden allerdings aus Kostengründen in Asien gefertigt. Langlebigen Stahl kaufen die Nordrhein-Westfalen bei Großhändlern aus der Region oder bei europäischen Herstellern ein.

Und so rattert dann auch ein Stück Rohr über eine Laufband, legt sich automatisch in eine Schiene und wird von zwei Blöcken leicht gebogen. Dort, wo die Funken im Hauptgebäude fliegen, werden die Rahmen geschweißt. Ein paar Stationen weiter überzieht eine feine Pulverschicht das Metall, Mitarbeiter sortieren die Teile anschließend in große Boxen. Die Kernkompetenz in Wülfrath liegt bei der Stahlverarbeitung. Anders als einst beim stärksten Mann der Welt, ist das Stahlrohrbiegen hier eine Kunst, eine Kernkompetenz. Ebenso, wie das Schweißen und die Pulverbeschichtung, die in 80 My aufgetragen, den einen oder anderen Rempler verzeiht. Dazu kommt die eigene Materialwirtschaft und die Planung. Ein, angesichts der kleinen Räder, recht großer Bereich.

Kinderräder müssen anders sein

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Das Stahlrohrbiegen gehört zu den Kernkompetenzen bei Puky.

(Foto: Fabian Hoberg)

"Man kann nicht ein großes Fahrrad einfach kleiner machen und hoffen, dass es passt. Die Ergonomie von Kindern und Jugendlichen ist anders als bei Erwachsenen", sagt Mathias Heller, Geschäftsführer von Puky. Die Fahrräder besitzen eine andere Geometrie, Tretlager und Übersetzungen. Der Oberkörper von Kindern ist häufig länger, darauf müssen die Räder angepasst werden. Deshalb legt Puky die Rahmen speziell für die kleinen Nutzer aus. Mit Bewegungstherapeuten, Kinderärzten, Kindergärten und Schulen in der Nachbarschaft bestehen lange Kooperationen, um die Fahrzeuge ausgiebig zu analysieren und zu testen.

Und das aus gutem Grund. Fahrräder erlangen in unserer Gesellschaft momentan immer mehr Bedeutung. Pro Jahr werden 3,9 bis 4,1 Millionen neue Räder in Deutschland verkauft. In den vergangenen Jahren fielen davon 25 Prozent auf E-Bikes. Trotz des zunehmenden Fahrradmarktes, was auf den Boom bei E-Bikes zurückzuführen ist, lag die Steigerungsrate bei Puky in den vergangenen fünf Jahren nur bei zwei Prozent. 700.000 Fahrzeuge verkauft der Spezialist pro Jahr, davon 300.000 Laufräder, 250.000 Kleinfahrzeuge und etwa 150.000 Fahrräder. Dabei fällt der größte Teil auf Deutschland und Westeuropa.

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Ersatzteile für jedes Puky-Modell gibt es garantiert bis zehn Jahre nach dem ersten Verkauf.

(Foto: Fabian Hoberg)

Aber auch nach China, Russland und Japan gehen die Räder aus Wülfrath, insgesamt in mehr als 40 Exportmärkte. Nur fünf Prozent der Fahrräder verkauft Puky über seinen Onlinehandel, welcher die Aufträge an die angeschlossenen Händler weitergibt, der Rest geht in den stationären Handel. "Eltern gehen mit ihren Kindern meist in ein Fachgeschäft, um sich beraten zu lassen", so Heller. Die Kinderfahrräder halten Jahrzehnte, die Ersatzteilversorgung ist für jedes Modell für mindestens zehn Jahre gesichert, der Wiederverkaufswert liegt hoch.

Eighshot für die Jugend

Verkaufsschlager ist seit 2003 das Laufrad ohne Pedalen, mit denen Kinder schnell lernen, das Gleichgewicht zu trainieren. "Wenn sie das beherrschen, lernen sie Fahrradfahren mit Pedalen innerhalb von sehr kurzer Zeit, meist an einem Vormittag", sagt Heller. Das kleinste Rad misst gerade 12 Zoll, das größte 27,5 Zoll. Bei einer Nutzungsdauer - je nach Größe des Rades - von anderthalb bis zwei Jahren ist der Durchsatz an Kindern hoch. Aktueller Trend ist der Retro Look bei der Classic-Linie und der besonders leichten Räder LS-Pro Serie. Puky bietet derzeit vier Linien an, dazu Fahrräder nach der gültigen Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StvZO) und die junge Marke Eighshot. "Puky klingt für viele Jugendliche zu niedlich, deshalb haben wir vor zwei Jahren eine neue Untermarke nur für Jugendräder hinzugenommen", sagt Heller. Ob der Name bei den Jugendlichen ankommt, wird sich zeigen. Aber auf jeden Fall ist es ein weiterer Schritt in der langen Geschichte des Unternehmens.

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Das kleinste Rad bei Puky misst lediglich 12 Zoll.

(Foto: Fabian Hoberg)

Die begann übrigens mit der längst vergessenen Automarke NSU. 1949 schlug Heinz Kuchenbecker dem NSU-Generalvertreter Hermann Schlessmann in Düsseldorf vor, die Abteilung "PUCK Kinderfahrzeuge" zu gründen. In den ersten Jahren produzierte die junge Firma hochwertige Ballonroller und Kinderfahrräder, später auch Dreiräder und Gokarts. Im ersten Jahr entstehen 3993 Fahrzeuge. 1950 stellen die Rheinländer erstmals auf der Spielwarenmesse in Nürnberg aus. Während der Wirtschaftswunderjahre verdoppeln sich die Absatzzahlen nahezu jährlich.

Von Puck zu Puky

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Für Jugendliche produziert Puky unter dem Namen Eighshot Fahrräder.

(Foto: Fabian Hoberg)

1951 wird die eigenständige Firma "PUCK GmbH Fahrzeugfabrik" gegründet, sechs Jahre später müssen die Radhersteller den Namen in Puky ändern. Der bisherige Name ist der branchenverwandten österreichischen Steyr Daimler PUCH AG zu ähnlich. 1958 zieht Puky von Düsseldorf nach Wülfrath, zuerst in das ehemaligen Lenkungswerk von Ford. Ab 1960 produziert Puky Kinderdreiräder (bis heute über fünf Millionen Stück), ab 1961 Go-Carts (ca. 1,5 Mio. Stück). Das bei Eltern (wegen einer Stange zum Schieben) und Kindern beliebte Dreirad Caddy kommt 1977 auf den Markt. 1991 zieht Puky in ein nahes Industriegebiet. An diesem Standort verfügt Puky bis heute über ein Grundstück von etwa 27.000 Quadratmetern und eine Produktions- und Lagerfläche von über 8000 Quadratmeter. Nicht eingerechnet die Montage-Inseln der Behindertenwerkstätten in unterschiedlichen Standorten, die meisten in der Region.

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Die Zusammenarbeit rechnet sich für beide Seiten. Zum einen ist es günstiger, zum anderen arbeiten viele Menschen mit Behinderung genauer. Denen macht die abwechslungsreiche Arbeit an den Fahrzeugen Spaß, denn am Ende sehen sie ein fertiges Produkt, dass ihnen wenig später vielleicht sogar auf der Straße wieder begegnet. "Die Zusammenarbeit hat sich seit mehr als 40 Jahren bewährt. Wir sind stolz auf die Kooperation, weil wir damit einen Beitrag zur Integration von Menschen mit Behinderung leisten", erklärt Heller. Und das soll auch so bleiben.

"Wir produzieren kontinuierlich und können flexibel auf den Markt reagieren", so Heller. Es gebe zwar einen Verkaufs-Peak zwischen Januar und Ostern sowie vor Weihnachten, aber die Fahrzeuge verkaufen sich auch über das Jahr. Insofern werden Kinder auch in Zukunft mit Laufrädern, Rollern und Fahrrädern aus Wülfrath unterwegs sein können. Nur etwas könnte sich ändern: Haller sieht einen Trend zur weiteren Elektrifizierung von Jugendrädern. Pedelecs ab 24 Zoll werden künftig relevanter werden. Bevor die aber irgendwann auf der Straße rollen, müssen sie erst einmal den harten Prüfstand in den Puky-Hallen überleben.

Quelle: ntv.de