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Die kognitive Überdosis? S-Klasse als Innovationstraumschiff

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Die neue S-Klasse sieht unterdessen dank einer deutlichen Coupé-Linie auch deutlich schnittiger aus.

(Foto: Holger Preiss)

Die S-Klasse ist wieder der Innovationsträger bei Mercedes. Die Stuttgarter haben in die nächste Generation so viele Neuheiten gepackt, dass einem im wahrsten Sinne des Wortes ganz schwummrig davon werden kann.

Wenn man sich mit dem Entwicklungschef der neuen S-Klasse, Jürgen Weissinger, über sein Baby unterhält, weiß man gar nicht, über welche Neuerung man zuerst bei dem Flaggschiff aus Stuttgart berichten soll. Der Mann erzählt mit solcher Begeisterung über jedes Detail, dass sich ein Buch damit füllen ließe. Aber das hat auch seinen Grund, denn tatsächlich ist die aktuelle Auflage des Luxusliners so mit Innovationen voll gepackt, dass es den Autor bei der ersten Testfahrt in einer Art Überdosis digitaler Features an die Grenzen seiner kognitiven Fähigkeit gebracht hat.

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Jürgen Weissinger ist der Entwicklungschef der neuen S-Klasse.

(Foto: Mercedes)

Nicht nur, dass zwischen Fahrer und Beifahrer ein gigantisches Zentral-Display im Hochformat seine Bedienoberfläche präsentiert. Vor dem Fahrer thront wie gewohnt ebenfalls ein Display, dass jetzt unter anderem die Navigation in 3D präsentieren kann, und in der Frontscheibe fordert ein Head-up-Display mit einer Bilddiagonalen von 77 Zoll (1,96 Meter) die Aufmerksamkeit. Während dort die Abbiegepfeile die Richtung tanzen und in den Türverkleidungen die Ambientebeleuchtung rot flackert, weil der Fahrer Gefahr läuft, den Mittelstreifen zu überfahren, feuert die Musik aus 31 Lautsprechern und acht Körperschallwandlern auch noch in einem 4D-Surround-Sound die Lieblingsmusik ab.

Völlig losgelöst von der Erde

Wie gesagt, das ist eine echte Überdosis, Herr Weissinger. "Ja, aber Sie können sich davon natürlich befreien, wenn Sie einzelne Komponenten herunterfahren oder deaktivieren", antwortete der Entwicklungschef. Denn selbstredend ist in den Testwagen alles verbaut, was die neue S-Klasse hergibt, und das ist wirklich viel - sehr viel. Wenn man das neue MBUX-System, denn genau hier zahlen all die spektakulären Features ein, beruhigt hat, und man wieder in der Lage ist, sich auf das Fahren zu konzentrieren, wird noch anderes auffällig, was so eine S-Klasse eben auch nach herkömmlichen Maßstäben auszeichnet: ihre absolute Laufruhe.

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Der Autor bei der kognitiven Überdosis in der neuen S-Klasse.

(Foto: Dieter Rebmann)

Tatsächlich hat es der Autor noch nicht erlebt, dass ein Auto einen so von der Straße entkoppelt. Jedenfalls was Stöße, Überrollgeräusche, Schlaglöcher oder Querfugen betrifft. "Ich komme aus der Fahrwerksentwicklung", erzählt Weissinger. "Da war es mir schon auch ein besonderes Anliegen, dass die neue S-Klasse, auch was das Fahrwerk betrifft, wieder den Unterschied zu den Mitbewerbern macht." Und das scheint wirklich gelungen. Egal in welcher Motorisierung man den nunmehr 5,18 Meter langen Straßenkreuzer fährt, von den Treibsätzen bekommt man gerade so viel mit, dass man den Hauch einer Ahnung davon hat, welches Herz unter der langen Haube schlägt.

Die Treibsätze im Schnellcheck

Da ist zum Beispiel der Reihensechszylinder in seiner stärksten Ausführung als S 500 mit 435 PS und 520 Newtonmeter maximalem Drehmoment, der sich in 4,9 Sekunden beschleunigt und im Ernstfall auf 250 km/h flüstert. Unhörbar verbrauchte der Sechsender über 163 Kilometer knapp neun Liter. Noch leiser geht der Plug-in-Hybrid zur Sache, wenn er je nach den äußeren Bedingungen bis zu 100 Kilometern stromert. Auf einer ersten Ausfahrt bei frostigen drei Grad Celsius im Hybrid-Modus und einer zu 96 Prozent geladenen Batterie verbrauchte der oben schon erwähnte Reihensechser vier Liter Benzin, und der Akku vermeldete am Ende der 50 Kilometer langen Testfahrt immer noch eine Restreichweite über die gleiche Distanz. Da es sich aber noch um ein Vorserienfahrzeug handelt, soll detailliert an anderer Stelle darüber berichtet werden.

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Auch am Heck ist die Mercedes S-Klasse eigenständiger geworden.

(Foto: Holger Preiss)

Ebenfalls noch nicht zum Marktstart, aber Anfang kommenden Jahres, wird es die S-Klasse mit V8 und 48-Volt-Technologie, also als Milde-Hybrid geben. Der S 560 überzeugte mit gewohnt sportlichen Fahreigenschaften. Zudem haben die Akustiker, so wollte es scheinen, darauf geachtet, dass genügend Sound in den Innenraum dringt, um schon deutlich zu machen, dass hier die "Rennmaschine" die Königsklasse beflügelt. Wer also den ultimativ sportlichen Kick sucht, der sollte mit dem Achtender gut bedient sein. Aber wie gesagt, auch hier war noch ein Prototyp am Start, sodass final noch keine Aussagen getroffen werden können.

Anders beim stärksten Sechszylinder Diesel, dem S 400 d, der ebenfalls als Milde-Hybrid an den Start geht. Der ist natürlich die Option für Vielfahrer. Und weil er so gut verpackt ist, mag man gar nicht glauben, dass hier ein Selbstzünder mit 330 PS und 700 Newtonmeter für den druckvollen Vortrieb sorgt. Nur für die Statistik: 5,4 Sekunden dauert der Standardsprint, Tempo 250 ist in der Spitze gesetzt, angegeben wird der Durchschnittsverbrauch nach WLTP mit 8,0 bis 6,7 Liter. Erfahren wurden ebenfalls über 163 Autobahnkilometer knapp neun Liter. Was angesichts des schweren Gasfußes absolut in Ordnung geht.

Wendekreis wie ein Kompaktwagen

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Die besten Plätze gibt es in einer Mercedes S-Klasse aber immer noch in der zweiten Reihe.

(Foto: Mercedes)

Nun sind aber die Treibsätze, so gut sie auch sind, für den Innovationsschub, der in diesem Fahrzeug steckt, wohl das unspektakulärste Moment. Weitaus beachtenswerter ist die Hinterachslenkung, die ebenfalls optional in die S-Klasse gebucht werden kann. Auch hier hat Weissinger seine Finger im Spiel, denn, so berichtet der Entwicklungschef, arbeite man nicht erst seit gestern an dieser Technik. Aber mit einem Einschlagwinkel von zehn Grad hat es das so noch nicht gegeben. "Normalerweise benutzte man für die Lenkfähigkeit Gummilager", erklärt Weissinger. "Die sind aber auf Dauer nicht in der Lage, diesen Winkel darzustellen. Also haben wir Kugellager entwickelt, die diese Aufgabe übernehmen. Am Anfang waren die viel zu schwer. Aber jetzt haben wir einen Weg gefunden", schmunzelt der Ingenieur.

Und das Ergebnis? Um bis zu zwei Meter verringert sich der Wendekreis im Vergleich zu einem Modell ohne Hinterachslenkung. Oder mit anderen Worten: Die S-Klasse wird damit beim Parkmanöver handlich wie ein Kompaktwagen. Natürlich ist die Hinterachslenkung auch während der Fahrt aktiv. Dadurch, dass bei der neuen S-Klasse die Lenkübersetzung zirka 15 Prozent direkter ist als beim Vorgänger, wird im Zusammenspiel mit der Hinterachslenkung ein deutlich geringerer Lenkbedarf in Kurven erforderlich. Und noch etwas lässt sich mit der Hinterachslenkung viel einfacher realisieren: das automatisierte Parken. Sei es ohne Fahrer einfach über das Smartphone oder aber künftig in dafür vorbereiteten Parkhäusern, in denen die S-Klasse dann völlig selbständig einen Parkplatz sucht und von dort ebenso zum Besitzer zurückkehrt. Am Flughafen in Stuttgart läuft bereits das Pilotprojekt dazu.

Fahren auf Level 3

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Eine der wichtigsten Innovationen der neuen S-Klasse sind die bis zu 10 Grad mitlenkenden Hinterräder.

(Foto: Mercedes)

Technisch ist die neue S-Klasse dazu auf jeden Fall in der Lage. Ebenso wie für die selbständige Fahrt im Stau. War bis dato der Staupilot nur unter der Auflage bereit, dass die Hände des Fahrers am Lenkrad sind, so kann es das System ab dem kommenden Jahr ganz alleine. Es fährt dann auf Level 3 durch den Stau, ohne dass der Fahrer die Hände am Volant haben muss.

Zugegeben, ohne Spurwechsel, aber dafür unter Beachtung des nachfolgenden Verkehrs, der automatischen Bildung einer Rettungsgasse oder dem Stillstand, sobald die Polizei mit Blaulicht von hinten angefahren kommt. Während all dieser Vorgänge kann und darf der Fahrer dann tatsächlich auf dem Zentral-Display seine liebste Nachrichtenseite besuchen, einen Film streamen oder sich der Beantwortung von Mails zuwenden. Einzig schlafen darf er nicht. Dies überwachen zum einen zwei Kameras im Display direkt vor dem Piloten und auch die Sensoren im Sitz. Sollte der in Liegeposition gebracht werden, dann bittet das System den Fahrer, ähnlich wie in nahenden Gefahrensituationen, das Lenkrad wieder selbst zu übernehmen.

Der Rest in Kürze

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Wenn die S-Klasse im Level 3 fährt, kann der Fahrer auch Videos gucken.

(Foto: Mercedes)

Natürlich haben all diese innovativen Beigaben ihren Preis. Das 3D-Fahrerdisplay kostet zum Beispiel 1148 Euro. Das große Head-up-Display schlägt mit 3468 Euro zu Buche, und die Hinterachslenkung mit 1508 Euro. Aber das, was hier beschrieben wurde, ist nur ein Teil dessen, was die S-Klasse zu bieten hat. Noch kein Wort haben wir über die Scheinwerfertechnologie verloren, die als Digital Light mit 1,3 Millionen Spiegeln auf einem daumennagelgroßen Raum, angestrahlt von einem Laser in der Lage ist, Hilfsmarkierungen oder Warnsignale auf die Fahrbahn zu projizieren. Auch über die Röhrenstruktur der Fond-Airbags haben wir nicht gesprochen, oder die zehn Massageprogramme in den Sitzen, geschweige denn über ein im Vergleich zum Vorgänger um 20 auf 550 Liter gestiegenes Kofferraumvolumen.

Aber wie gesagt, es ließen sich weit mehr Seiten mit all den Neuerungen in der S-Klasse füllen. Beschließen wir es an dieser Stelle mit dem Einstiegspreis. Der liegt nämlich für den S 450 4Matic bei 106.650,40 Euro. Preiswerter ist nur der S 350 d mit 96.094,40 Euro. Da das aber immer noch der Preis für eine kleine Eigentumswohnung ist, bleibt wohl vielen nur darauf zu warten, dass sich all die Neuerungen in Zukunft über die Baureihen der Stuttgarter verteilen - und sich auch in den preiswerteren Fahrzeugen wiederfinden.

Quelle: ntv.de