Zivile Panzer mit SchutzstufenSicherheitsfahrzeuge - was müssen sie können?

Sicherheitsfahrzeuge schützen ihre Insassen - Päpste, Präsidenten und ähnliche Personen - vor Raub, Entführung und Anschlägen. Ein Geschäft, in dem neben den großen Herstellern vor allem spezialisierte Manufakturen aktiv sind.
Schüsse peitschen, Polizisten hechten hinter Einsatzwagen. Was im Krimi dramatisch wirkt, eignet sich in der Realität kaum als Schutz. Eine geöffnete Autotür hält selbst einfache Handfeuerwaffen nicht auf, das dünne Karosserieblech bietet kaum Widerstand. In solchen Momenten wäre ein gepanzertes Fahrzeug hilfreich. Doch zumindest in Europa bleiben Schutzfahrzeuge meist hochrangigen Politikern, Staatsgästen oder Unternehmenslenkern vorbehalten, also Menschen, die sich gezielt vor Anschlägen oder Entführungen schützen müssen.
Dabei muss es kein rollender Koloss wie die fast sieben Meter lange Präsidentenlimousine der USA sein. Der Cadillac "The Beast" gilt als Inbegriff des mobilen Hochsicherheitsraums, basiert auf einer Lkw-Plattform, wiegt rund sieben Tonnen und soll selbst panzerbrechender Munition widerstehen. Details bleiben geheim. Für zivile Anwender genügt oft deutlich weniger.
In Ländern mit hoher Kriminalitätsrate verbreiteter
In Regionen mit hoher Alltagskriminalität sind Schutzfahrzeuge deutlich verbreiteter. In Ländern wie Brasilien oder Südafrika trauen sich viele Menschen nur noch im gepanzerten Pkw auf die Straße. Wer nachts in Rio de Janeiro unterwegs ist, weiß: An roten Ampeln nicht anhalten, Fenster geschlossen halten. Schon eine leichte Panzerung mit Sicherheitsglas kann hier Leben retten.
Darauf hat sich die Branche eingestellt. Vom dezent geschützten Pkw für Selbstfahrer bis zur schwer gepanzerten Chauffeurlimousine reicht das Angebot. Die wenigsten Fahrzeuge entstehen direkt bei den Automobilherstellern. Ein Großteil wird von Spezialisten wie Trasco, Klassen oder Stoof aufgebaut. Kunden können fertige Fahrzeuge kaufen oder ihren eigenen Pkw umrüsten lassen. Diskretion gehört zum Geschäft, ebenso klare technische Standards.
Beschuss- und Widerstandsklassen
Grundlage ist die europäische Norm EN 1063 mit den Beschussklassen BR1 bis BR7 für Verglasungen. Für komplette Fahrzeuge gelten die VPAM-Richtlinien mit den Widerstandsklassen VR1 bis VR10. Sie bewerten den Schutz des gesamten Autos gegen Schusswaffen, Sprengladungen, Brandmittel und mechanische Angriffe. Während VR1 lediglich vor Kleinkaliber schützt, sind VR6 bis VR9 auch für Sturmgewehre ausgelegt. VR10 markiert die höchste zivile Schutzstufe.
Ein Beispiel ist der Mercedes S 680 Guard. Er verfügt über eine rundum gepanzerte, selbsttragende Fahrgastzelle aus Spezialstahl, ergänzt durch bis zu 15 Zentimeter dickes Mehrschichtglas. Dach und Unterboden sind ebenso geschützt. Die Aluminium-Außenhaut dient lediglich der Formgebung. Mit über 4,2 Tonnen bringt die gepanzerte S-Klasse rund 1,5 Tonnen mehr auf die Waage als das Serienmodell. Allein eine Tür wiegt etwa 240 Kilogramm und wird elektrisch unterstützt, um kontrolliertes Öffnen zu ermöglichen.
Notlaufreifen und Sensoren
Auch die Sicherheitsausstattung geht weit über die Panzerung hinaus. Notlaufreifen erlauben selbst bei Beschuss noch bis zu 30 Kilometer Fahrt mit Tempo 80. Sensoren erkennen Gasangriffe, schließen die Lüftung und erzeugen Überdruck im Innenraum. Zusätzliche Bedienelemente steuern Feuerlöschsysteme, Außenlautsprecher oder Umgebungsmikrofone. Weil die Panzerung nahezu alle Geräusche abschirmt, wird das Umfeld elektronisch "hörbar".
Angetrieben wird der S 680 Guard konventionell von einem 612 PS starken Zwölfzylinder. Wer hohen Schutz mit alternativen Antrieben verbinden will, findet bei BMW Angebote. Der i7 Protection ist das bislang einzige vollelektrische Serienfahrzeug mit Widerstandsklasse VR9. Bereits zuvor präsentierte BMW ein zertifiziertes Brennstoffzellen-Schutzfahrzeug. Auch hier kommt eine selbsttragende Panzerzelle mit geschützten Türen, Unterboden und Sicherheitsverglasung zum Einsatz, ausgelegt selbst gegen Granatsplitter.
Hohe Kosten
Der Aufwand hat seinen Preis. Ein vollständig ausgestatteter S 680 Guard kann die Millionengrenze überschreiten. In Deutschland entscheiden sich viele Kunden laut Trasco für VR6. Auch dafür werden 200.000 bis 300.000 Euro fällig. Jedes Fahrzeug wird nahezu komplett zerlegt, Fahrwerk, Scharniere und Innenraum angepasst. Entsprechend hoch sind Entwicklungs- und Zertifizierungskosten. Allein die VR-Prüfungen verschlingen mehrere Hunderttausend Euro.
Günstiger geht es ohne Zertifikat. In Südamerika bieten zahlreiche Werkstätten einfache Schutzpakete ab etwa 20.000 Euro an. Häufig werden unauffällige Modelle mit Aramid-Verbundstoffen verstärkt, feste Panzerglasscheiben ersetzen versenkbare Fenster. Auch der Gebrauchtmarkt bietet eine erstaunliche Vielfalt - von gepanzerten Limousinen bis hin zum Smart Fortwo mit Sicherheitskarosserie für den Einsatz bei Behörden.
Sicher ist aber: Die zivilen Panzer bleiben eine Nische, in der Technik, Diskretion und Vertrauen wichtiger sind als Design oder Image.