Auto

Noch im Tarnkleid Erste Fahrt im neuen Škoda Octavia

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Bei fast identischen Abmessungen wirkt der neue Skoda Octavia größer als sein Vorgänger.

(Foto: Claus Peter Dudek)

Covered Drive heißt es, wenn man ein Auto bereits unter die Füße nehmen darf, obgleich es noch im Kostüm des Erlkönigs fährt. Klar, viel zu sehen ist da noch nicht, aber n-tv.de hat schon mal ein Gefühl bekommen, wie sich der Škoda Octavia der vierten Generation anfühlt.

Zum 60. Geburtstag des Octavia macht sich Škoda ein ganz besonderes Geschenk: einen neuen Octavia. Oder anders: Die vierte Generation des erfolgreichsten Kompakten aus tschechischer Produktion wird im ersten Quartal des kommenden Jahres zu den Händlern fahren. Und die hat es in sich. Škoda hat in die Neuauflage nicht nur alles gepackt, was in den VW-Regalen verfügbar ist, sondern auch kein Teil verbaut, das in der Vorgängergeneration verwendet wurde. Für Škoda-Chef Bernhard Maier ist der neue Octavia auch ein entscheidender Schritt beim Wandlungsprozess, den die Marke durchmacht. In den kommenden Jahren sollen 30 neue Modelle in Mladá Boleslav entstehen.

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Hinter der Heckklappe des Skoda Octavia Combi tut sich jetzt ein Stauraum von 640 Litern auf.

(Foto: Claus Peter Dudek)

Doch bevor es so weit ist, werfen wir einen Blick auf den noch im Tarnkleid fahrenden Octavia. Trotz des bunten Sichtschutzes wirkt der Bestseller größer und breiter als sein Vorgänger. "Das ist nicht der Fall", so Entwicklungschef Christian Strube. "Der neue Kombi ist mit 4,69 Metern lediglich 2,2 Zentimeter länger und 1,5 Zentimeter breiter als der alte. Aber wir haben natürlich versucht, die Tugenden, für die wir bekannt sind, beizubehalten. Wenn der Wagen also größer wirkt, haben wir alles richtig gemacht." Haben sie tatsächlich. Ohne die genauen Zahlen zu kennen, ist das Raumgefühl gewohnt üppig. Großgewachsene könnten aber dennoch ein Problem mit der neuen Innenarchitektur bekommen. Der kühne Schwung, der die Mittelkonsole überspannt und der die Chromspange über dem Kühlergrill aufgreifen soll, ragt nämlich etwas weit in den Innenraum hinein, so dass man sich unter Umständen das rechte Knie daran stoßen kann.

Die Luft wird dünn

Noch ist an dem außen und innen getarnten Auto nicht jedes Detail zu erkennen. Was zu sehen ist, scheint jedoch vielversprechend. Es gibt aber eine Kleinigkeit, die dem Autor bereits im Scala sauer aufgestoßen ist. Auch im Octavia hat man bei den Lüftungsdüsen auf Stellräder verzichtet und lediglich den Seitenschieber gelassen, der die Auslässe je nach Richtung öffnet oder schließt. Damit ist es nicht mehr möglich, beide Mitteldüsen auf Fahrer oder Beifahrer zu richten. Schlimmer noch: Auch die Außendüsen bringen ihren vollen Luftstrom nur noch auf die Seitenscheiben.

Der Wille oder Zwang zur Einsparung hat hier leider an der falschen Stelle zugeschlagen, denn ansonsten ist der neue Octavia ein Vorbild an technischen Neuerungen. So greift der Fahrer nicht mehr in ein Dreispeichen-Lenkrad, sondern eines mit zwei Speichen. In der Multifunktions-Variante können hier über Tasten und in Chrom gehaltene Rändelrädchen insgesamt 14 verschiedene Funktionen auf dem 10 Zoll großen Virtual Cockpit eingestellt werden. Wie in Fahrzeugen höherer Klassen lassen sich fahrrelevante Daten wie Geschwindigkeit und Drehzahlen in unterschiedlichen Formen auf dem TFT anzeigen, zum anderen kann aber auch der komplette Bildschirm für die Anzeige des Navis genutzt werden. Wem das am Ende zu "over engineered" ist, der kann selbstredend auch in der Einstiegsvariante auf analoge Rundinstrumente mit mittiger Matrix und dem Soundsystem Swing zurückgreifen.

Voll digital

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Der Autor hat sich mit dem neuen Skoda Octavia schon angefreundet.

(Foto: Michael Gebhardt)

War Swing in der zweiten Generation schlicht ein Radio, steht jetzt auf der Mittelkonsole ein 8,5 Zoll großer Monitor, der wie in den höheren Ausstattungslinien Bolero, Amundsen und Columbus die Möglichkeit bietet, das Smartphone über Bluetooth zu spiegeln. Also, Nutzer von Apple-Geräten können CarPlay und somit auch Google Maps ohne Kabel nutzen. "Wer auf seinem Smartphone Android nutzt, muss sich für dieses Feature noch einen Moment gedulden", erklärt Entwicklungschef Strube. Mit dem Verzicht auf ein Übermaß an Tasten hat man bei Škoda übrigens auch die analogen Bedientasten für die Klimaanlage verschwinden lassen und sie als permanente digitale Leiste an den unteren Rand des Zentralmonitors gepackt. Ganz smart ist der Umstand, dass man über einen Touchslider, also einen berührungsempfindlichen Schieberegler unterhalb des Zentraldisplays die Lautstärke per Fingerstrich einstellen kann. Wer auf dieser Fläche zwei Finger spreizt, kann auch die Kartenansicht des Navis vergrößern und auf umgekehrten Weg verkleinern.

Doch bei all den digitalen Neuerungen stellt sich natürlich die Frage: Wie fährt denn so ein neuer Octavia? Aus den ebenfalls neuen Ergo-Sitzen heraus, mit dem schon erwähnten zweispeichigen Volant in der Hand, macht das Ganze einen absolut soliden Eindruck. Für den ersten Ausritt stehen zwei Motorisierungen zur Verfügung: ein 1,5-Liter-Benziner mit 150 PS, dessen maximales Drehmoment von 250 Newtonmetern über ein manuell zu schaltendes Sechsganggetriebe verteilt wird und ein Diesel, der aus 2,0 Litern Hubraum ebenfalls 150 PS schöpft, dessen Kraft aber von dem bekannten DSG über sieben Stufen verteilt wird.

Endlich anständige Schaltwippen

Bei letztgenannter Ausführung findet der Fahrer allerdings nicht mehr den gewohnten Schalthebel in der Mittelkonsole, sondern einen recht schicken Bürzel, wie ihn auch der neue Golf 8 hat, über den die Fahrstufen elektronisch ans Getriebe übertragen werden. Damit ist der Octavia der erste Škoda, der hier die Shift-by-Wire-Technologie nutzt. Für den Fahrer ändert sich dabei eigentlich nichts. Es sei denn, er hat früher die Gänge ab und an über den Wahlhebel eingelegt. Das geht jetzt nicht mehr. Ist aber nicht schlimm, denn Škoda hat dem Octavia jetzt endlich anständig große Schaltwippen verpasst, die die Gangwahl nicht mehr zur Fingerübungen, sondern zum Fingerspiel werden lassen.

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Tarnfahrt im Skoda Octavia in Formation.

(Foto: Claus Peter Dudek)

Über die Motoren kann nach der ersten Tarnfahrt nicht viel gesagt werden. Nur so viel: Weder der Benziner noch der Diesel wirkten im neuen Octavia irgendwie schwachbrüstig. Beide glänzten mit einem guten Durchzug, der Handschalter ließ sich auf kurzen Wegen durch die Gassen zirkeln und der siebenstufige Automat erfreut durch die seit Jahren bekannte ruckelfreie Gangvergabe. Um ein Verbrauchsbild zu zeichnen, waren die Strecken dann aber doch zu kurz. Zum gefahrenen Diesel kann aber noch Folgendes gesagt werden: Er wird, wie drei weitere TDI-Triebwerke, der neuen EVO-Generation angehören. Die zeichnet das "Twindosing"-Verfahren zur Abgasreinigung aus. Hierbei wird AdBlue gezielt vor zwei hintereinander angeordneten SCR-Katalysatoren eingespritzt. Dadurch und durch den zweiten Katalysator wird der Ausstoß von Stickoxiden (NOx) gegenüber der Vorgängergeneration der jeweiligen Triebwerke um rund 80 Prozent reduziert, verspricht Skoda. Das dürfte nach aller Schelte den Diesel nicht wieder salonfähig machen, lässt ihn aber für Vielfahrer - und die interessieren sich bekanntermaßen durchaus auch für einen Octavia - recht attraktiv sein.

Auf und ab

Attraktiv bleibt der Bestseller in seiner Neuauflage auch für alle, die reichlich einladen wollen und sich viel Platz in der zweiten Reihe wünschen, Familien also. Das Ladeabteil des Kombi hat nämlich im Vergleich zum Vorgänger noch mal um 30 auf 640 Liter zugelegt. Bei der Limousine sind es jetzt 600 Liter Stauraum. Auch das neue "Schlafpaket" könnte bei Eltern Interesse wecken. Das bietet nämlich große Kopfstützen mit ausklappbaren Hörnchen, damit das Haupt nicht unkontrolliert zur Seite fällt. Zudem ist im Paket eine kuschelige Schlafdecke enthalten.

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Der neue Skoda Octavia trägt vieles unterm Kleid, was auch der Golf 8 hat.

(Foto: Claus Peter Dudek)

Damit auch niemand durch eine holprige Straße aus Morpheus' Armen gerissen wird, gibt es im neuen Octavia optional das DCC, das bereits im Vorgänger verfügbar war. Die adaptive Fahrwerksregelung passt Federung und Dämpfung den Straßenbedingungen kontinuierlich an. Zudem stehen wie gehabt vier Fahrstufen zur Verfügung, die sich nicht nur auf das Fahrwerk niederschlagen, sondern auch Gaskennlinie und beim Automatikgetriebe die Schaltzeiten ändern. Sportliche Puristen können sich natürlich auch für ein um 1,5 Zentimeter abgesenktes Fahrwerk entscheiden. Für Schlechtwegefahrer geht es im Octavia Scout dann mit der gleichen Zahl nach oben. Am Ende heißt das, dass es auch vom Octavia wieder einen RS geben wird und eine Modelllinie für das gröbere Geläuf in Form des Scout. Zudem dürfen sich Freunde der Elektromobilität auf einen Plug-in-Hybrid im Kleid des Bestsellers freuen.

Seine Weltpremiere wird der Octavia am 11. November in Prag feiern. Und man darf gespannt sein, wie die vierte Generation des Tschechen beim Publikum ankommen wird, wenn er denn sein Tarnkleid abgelegt hat.

Quelle: ntv.de