1985 wie Besuch aus der ZukunftSubaru XT Turbo und L-Serie - Brandstifter, Biedermänner, Reisbrenner

Das soll ein Subaru sein? Mit dem Klappscheinwerfer-Keil XT zündete der Hersteller braver Allradmodelle für Familien und Förster im Jahr 1985 ein Halo-Car, das heute Kultstatus besitzt. Eine Chronik.
Sie haben auch im Elektro-Zeitalter nichts an Magie verloren: Die Typencodes Turbo und 4WD bleiben sogar für die Hersteller von E-Autos wichtig. So wie vor 40 Jahren, als der Kampf um den tollsten Turbo und Allradantrieb erstmals heftig tobte. Subaru, der japanische Erfinder des in Großserie gebauten Allrad-Pkw, hatte sich bis dahin vor allem mit biederen Kombis für Förster und Freizeitabenteurer sowie skurrilen Limousinen in einer Marktnische etabliert. Jetzt aber sollten starke Turbos zum Image-Boost und ganz großen Erfolg führen.
Tatsächlich wirkte der Subaru XT Turbo 4WD auf die Premierengäste bei der IAA 1985 wie ein Besuch aus der Zukunft: Setzte dieser Sportwagen doch mit seiner avantgardistischen Keilform, aufblendenden Klappscheinwerfern und einem Cockpit im Stil einer Flugzeugkanzel ein stilistisches Ausrufezeichen unter den vielen Sportlern und Allradtypen, die auf der Frankfurter Messe um Aufmerksamkeit buhlten.
Dagegen waren andere Japan-Coupés Langweiler
Der Subaru XT stempelte Japan-Coupés à la Toyota Celica, Mitsubishi Cordia und Nissan Silvia, aber auch die Altstars Opel Manta und VW Scirocco zu Langweilern, was Technik und Design anging. Die Kombination aus Vierzylinder-Boxer-Turbo, Allrad und elektro-pneumatischer Einzelradaufhängung mit automatischem Niveauausgleich bot nur dieser "Rice Burner" (Reisbrenner), wie ihn die Sportscars-Community in den USA und an deutschen Stammtischen dennoch verächtlich nannte.
Klar, gegen das Temperament der Allrad-Turbos von Audi oder Porsche war der 100 kW/136 PS starke XT chancenlos, aber er legte die Basis für ein Subaru-Turbofeuerwerk, aus dem der Legacy als meistverkauftes Allrad-Modell der Welt hervorging.
"High-Tech", dieser Begriff zählte 1985 laut der Gesellschaft (GfdS) für deutsche Sprache zu den Worten des Jahres, weil er jenes Annum laut GfdS fast ebenso prägte wie das in politischen Diskussionen und Nachrichten allgegenwärtige Kürzel "SDI" (Strategic Defense Initiative). Ein vom US-Präsidenten Ronald Reagan initiiertes Rüstungsprojekt, mit dem ein umstrittener, teils weltraumgestützter "Star Wars"-Abwehrschirm gegen sowjetische Atomraketen während des Kalten Krieges installiert werden sollte.
Was "High-Tech" und den USamerikanischen Präsidenten damals mit Subaru verband? Ronald Reagan war der prominenteste Subaru-Fahrer, nutzte er doch auf seiner Ranch bei Santa Barbara den kompakten Subaru Brat statt eines Fullsize-Pick-ups einer amerikanischen Traditionsmarke.
Einer der ersten Sportler mit Kat
Auf den in der Werbung allgegenwärtigen High-Tech-Trend der 1980er - 16V, Turbo, 4WD, Katalysator - sprang Subaru mit dem XT, der als einer der ersten Sportler mit einem Kat vorfuhr und auch im futuristischen Cockpit mit Features überraschte, die andere nicht hatten. Etwa einen höhenverstellbaren Instrumententräger, einen Schaltknüppel im Joystick-Design oder spacige Bediensatelliten. Damit die Piloten das von einer Panoramaverglasung geprägte Jet-Cockpit des Subaru XT leicht entern konnten, ließ sich das Lenkrad nach oben verschieben: Ob auch Formel-1-Weltmeister Keke Rosberg - bekanntester Subaru-XT-Markenbotschafter - diese Einstiegshilfe nutzte, ist allerdings nicht überliefert.
Tatsächlich erinnerte schon das Ansprechverhalten des kernig klingenden, 100 kW/136 PS starken 1,8-Liter-Boxermotors mit Abgas-Turbolader ein wenig an Formel-Fahrzeuge, denn jeder Gaspedalbefehl wurde ohne Verschlucken sofort in Vortrieb umgesetzt. Heute mögen 8,5 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h bescheiden wirken, damals knöpfte der leichtgewichtige Subaru XT damit fast allen Rivalen die fürs Ego des Fahrers entscheidenden Zehntel ab.
"Fliegen kann er nicht, aber ..."
Eine Dynamik, die von der Fachpresse anerkannt wurde: "Fliegen kann der Subaru nicht … aber zukunftsweisende Wege zeigen und eine Menge Fahrspaß bieten". Seine Aeronautik-Expertise ließ Subaru - das Unternehmen baute damals noch Flugzeuge - auch in den aerodynamischen Feinschliff des XT einfließen, der dank Details wie versenkter Türgriffe aus der Luftfahrt den damals weltbesten Cw-Wert von nur 0,29 bot.
Sogar für werbewirksame sportliche Superlative war der Allrad-Boxer gut: Beim Jubiläums-Event "60 Jahre Nürburgring" ließ Hochseilartist Johannes Traber einen XT auf zwei nur fingerdicken Drahtseilen gen Himmel bis zur Spitze eines 52 Meter hohen Masts fahren. Eine raffinierte Antwort auf den legendären Audi-100-Werbespot, in dem ein Quattro die steile Skischanze unbeirrt nach oben fährt.
1989 offizielles Fahrzeug des Super-Bowl-Championats
Mit den Fahrleistungen der Ingolstädter Allradler konnte der XT aber nicht mithalten. In den USA allerdings, neben Nippon wichtigster Markt für Subaru, strahlte der Samurai etwas heller, denn dort gab es den 2+2-Sitzer als XT6 mit immerhin 108 kW/145 PS kräftigem 2,7-Liter-Sechszylinder-Boxer. Nicht zu vergessen Finessen wie die automatische Niveauregulierung mit einem Höhenausgleich über 35 Millimeter oder der 1987 lancierte permanente Allradantrieb mit variabler Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterrädern.
Derart aufgerüstet fungierte der Sportwagen 1989 als offizielles Fahrzeug des amerikanischen Super-Bowl-Championats. So schaffte es das Coupé zum Technologieträger, dem die Japaner für einige Märkte den Namen Alcyone spendierten, als Referenz an den Leuchtstern im Bild der Plejaden (japanisch "Subaru").
Marketingcoup "Turbo-Trio"
Trotz dieses Vorsprungs durch aeronautische Formen und eines damals angesagten Turbo-Boxers entschieden sich bis 1991 weltweit nur knapp 100.000 Fans für den fernöstlichen Sportler. In Deutschland fand der vergleichsweise günstig eingepreiste Keil nicht einmal 1000 Käufer.
Ein Flop? Keineswegs, denn Subaru promotete den XT ab 1985 als Teil seines neuen "Turbo-Trios", ein Marketingcoup, der aufging. Lenkte der messerscharf designte Pulsbeschleuniger doch die Blicke auf die konstruktiv eng verwandten Modelle der Subaru L-Serie (international als "Leone" vertrieben). Als unauffällig gezeichnetes, kantiges viertüriges Stufenheck, Kombi Station und später auch als Hochdach-Kombi Super-Station (mit spektakulärer Geländeuntersetzung für 2 x 5 Gänge) sowie als dreitüriges Coupé hätte die L-Serie trotz optional angebotener, angesagter Turbotechnik nur die Stammklientel der Allradmarke erreicht. Denn im Meer der 4x4-Neuheiten der "High-Tech"-1980er (von BMW über Ford und Mercedes bis VW) drohte die optisch unscheinbare L-Serie unterzugehen. So aber fuhr die "L-Serie" weltweit auf Erfolgskurs und in Deutschland trug sie dazu bei, dass Subaru 1991 mit fast 19.000 Neuzulassungen einen Allzeit-Spitzenwert erreichte.
Wenn die Zeiten laut sind - Ende der 1980er zerbrach der Eiserne Vorhang zwischen dem kommunistischen Ostblock und dem kapitalistischen Westen - wird das Leise wichtiger, lautet eine japanische Lebensphilosophie, und so führte Subaru den Nachfolger der L-Serie ebenfalls in unaufgeregtem Styling ein. Legacy, "das Vermächtnis" der L-Serie, nannte Subaru die neuen Limousinen und Kombis. Tatsächlich beeindruckte der Legacy durch eine beispiellose Bestsellerkarriere, die erst 2025 nach rund sechs Millionen Einheiten endete, kein klassischer Allrad-Pkw war erfolgreicher.
Chronik
1972: Subaru präsentiert im September mit Leone Station Wagon 4WD den ersten in Großserie gebauten Allrad-Pkw
1974: Subaru präsentiert das Leone Hardtop Coupé als erstes sportives Modell für europäische Märkte
1979: Subaru präsentiert im Juni die zweite Leone-Generation und davon abgeleitete dreitürige Coupés
1984: Globale Vorstellung der dritten Leone-Generation, die in Deutschland ab dem Folgejahr als Subaru L-Serie bzw. Subaru 1800 vermarktet wird. Das Karosserieprogramm der L-Serie umfasst eine viertürige Limousine, den Kombi Station, den Hochdach-Kombi Super Station und ein dreitüriges Coupé
1985: Im Februar debütiert der keilförmige Subaru XT, die Markteinführung erfolgt zunächst in den USA. Im Juni geht dieses Coupé in Japan unter dem Namen Alcyone an den Start. Dies mit dem für Sportcoupés weltbesten cW-Wert von 0,29 und einem Design, das sich an der aerodynamischen Form von Falken und Adlern orientiert. Der Name Alcyone bezieht sich auf den hellsten Stern des Subaru (Plejaden)-Sternenclusters. Auf der Automesse IAA feiert der 100 kW/136 PS starke Subaru XT Turbo 4WD sein Europadebüt, das zu Preisen ab 34.990 Mark. Schon seit Jahresbeginn ist in Deutschland die neue Reihe Subaru 1800 4WD lieferbar, die die Basis für den XT bildet, aber auch ein dreitüriges 1800 Coupé 4WD im Portfolio hat, und die auf der IAA in Frankfurt ebenfalls mit 100 kW/136 PS starken Turbomotoren vorgestellt wird
1986: Im Oktober erfolgt der deutsche Marktstart des Subaru Coupé 1800 Turbo 4WD (L-Serie) mit Heckklappe. Auf Wunsch sind alle Subaru mit ungeregeltem Katalysator lieferbar
1987: Im Juli debütiert der Subaru XT als XT6 und in Japan als Alcyone VX mit 2,7-Liter-Sechszylinder-Boxermotor. In Deutschland werden seit Januar alle Subaru-Modelle der L-Serie mit geregeltem Drei-Wege-Katalysator ausgeliefert. Im Herbst startet der Subaru XT Turbo in Faceliftversion, erkennbar an neuen Stoßfängern, Rädern und Grill
1988: Im März debütiert die Subaru L-Serie als Coupé 1800 Turbo 4WD als Sondermodell mit Heckspoiler, Radabdeckungen und weiß lackierten Außenspiegeln. Ab Juli ist ein "Stylingkit" verfügbar mit auffälligem Frontspoiler, Heck- und Seitenschürzen
1989: Giugiaro zeigt ein Concept Car des Coupés SVX, des Nachfolgers des Subaru XT. Der Subaru Legacy wird als designierter Nachfolger der L-Serie eingeführt, dies als viertürige Limousine, als Kombi Station, Hochdach-Kombi und als Super Station
1990: Mitte des Jahres läuft das Coupé Subaru 1800 Turbo 4WD aus. Letztes Jahr für den Subaru XT auf dem deutschen Markt
1991: Der Subaru XT wird eingestellt. Auf der NAIAS (North American International Auto Show) in Detroit debütiert im Januar der Subaru SVX (= Subaru Vehicle X) als Concept Sportcoupé mit serienmäßigem Allradantrieb. Im Juli kommt der XT/Alcyone-Nachfolger unter der Bezeichnung Alcyone SVX in den USA in den Handel, im September in Japan. Der SVX ist als sogenanntes High-Performance-Coupé konzipiert mit großzügig verglastem Dachaufbau und außergewöhnlich glattflächiger Karosseriehülle
1994: Erst fünf Jahre nach Start des Subaru Legacy endet die Produktion der Subaru L-Serie (Leone) endgültig in allen Karosserievarianten
1995: Der Subaru Outback wird eingeführt als Crossover-Kombi auf Basis des Legacy Kombi
2015: Die ersten Subaru XT und Turbo-Typen der L-Serie avancieren zu Kandidaten für ein H-Kennzeichen
2025: Subaru und die Community feiern den 40. Jahrestag des Produktionsstarts des XT mit Turbo-Boxermotor. Aktuell sind in Deutschland nur noch ca. 15 Subaru XT zugelassen. Im September endet die Produktion des Subaru Legacy - Nachfolger der L-Serie - in den USA nach rund sechs Millionen Einheiten