Kein Straßenfeger, aber ein HinguckerVW Karmann Ghia - Experiment geglückt

Mit einem Karmann Ghia war man immer gut angezogen, das ist bis heute so. Die beliebten Coupés und Cabrios sind preisstabil, sehen schick aus und sind nicht überbordend teuer. Allerdings will der Kauf sorgfältig vorbereitet werden.
Es war ein gewagtes Experiment: Anfang der 1950er Jahre hatte das Modellprogramm von Volkswagen nichts anderes als den Käfer zu bieten. Und da sollte ausgerechnet ein sportives Coupé respektive Cabriolet eingeführt werden, um das Fahrzeugangebot zu bereichern? Idee von Karmann, Karosseriedesign von Ghia und das Einverständnis von Heinrich Nordhoff, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG: Auf diese Formel kann man die Entstehungsgeschichte dieses früher wie heute begehrten Fahrzeugs herunterbrechen, das mit fast einer halben Millionen gebauten Exemplaren ein beachtlicher Erfolg wurde.
Wilhelm Karmann, dessen Firma das Käfer Cabrio ja bereits seit Ende der 40er Jahre fertigte, bewies offensichtlich eine gute Spürnase für aufkommende Fahrzeugtrends. Zusammen mit dem befreundeten Designer und Chef der Karosserieschmiede Ghia Luigi Segre aus Turin und Nordhoff als Geldgeber und Techniklieferant wurde der Karmann Ghia tatsächlich realisiert und kam im Jahr 1955 auf den Markt. Ausgestattet mit dem 1,2 Liter großen Boxermotor aus dem Käfer war er zwar kein Straßenfeger, aber definitiv ein Hingucker dank hübscher Außenhaut.
Ausgeprägter Hüftschwung und auffällige Nasenlöcher
Der elegante Zweitürer mit den markanten Kotflügeln, dem ausgeprägten Hüftschwung sowie den auffälligen "Nasenlöchern" in der Frontmaske war vergleichsweise günstig zu bekommen - ein echter Volkswagen also. Bereits für unter 7000 D-Mark gab es das Coupé in den 60er Jahren, mit diesem Budget in der Tasche wäre man beim Alfa-Händler verspottet worden bei der Frage nach einer Giulietta 1300 Sprint. Heute hat sich das Blatt gewendet. Zwar sind die lange gebauten Karmänner nicht abgehoben im Preis, allerdings kosten gute Exemplare durchaus fünfstellige Euro-Werte. Da muss man schon Liebhaber sein, um für einen zwar gut aussehenden Mainstream-Volkswagen mit Technik aus dem Käfer eine Summe zu bezahlen, für die auch Sechszylinder anderer Marken locken. Andererseits handelt es sich um einen preisstabilen Oldtimer mit gesunder Nachfrage, was immer ein gutes Argument ist beim Autokauf. Vor allem aber gilt: Augen auf beim Karmann-Kauf, denn der Beau rostet gerne an allen Ecken und Enden. A-Säulen, Kotflügel, Schweller und Türunterkanten sind die typischen Stellen. Dafür ist die simple Technik solide mit den üblichen Gefahren, die auch beim Käfer lauern können. Defekte Heizbirnen sind ebenso dabei wie ausgeleierte Lenkgetriebe.
Die erste Ausbaustufe war mit 30 PS ziemlich schwachbrüstig, und die letzte Serie mit 50 PS lockte Performance-Liebhaber auch nicht gerade hinter dem Ofen hervor. Das ist auch der Grund, warum viele heutige Interessenten gerne etwas nachhelfen; an verschiedenen luftgekühlten Boxermotoren aus dem Konzern mangelt es ja nicht, notfalls passt auch der Zweiliter aus dem Bus T2 mit originalen 70 PS. Ein Fahreindruck mit einem Cabriolet aus dem Jahr 1970 bekräftigt das, was schon beim Vorbeifahren eines Karmann Ghia vermutet werden kann: Käfer-Fahrgefühl pur. Metallisch rasten die vier Vorwärtsgänge ein, das dünne Lenkrad lässt sich leichtgängig drehen; Servohilfen sind hier undenkbar, auch ein Bremskraftverstärker wurde als zu teuer und damit überflüssig angesehen. Scheibenbremsen? Fehlanzeige abgesehen von manchen Export-Versionen. Der Tritt in das Pedal muss schon druckvoll sein, um rechtzeitig anzuhalten - das sollte berücksichtigt werden beim zügigen Durchkämmen von windungsreichen Landstraßen. Das macht Spaß im Karmann, obwohl die Kombination aus Kurbellenker vorn und Pendelachse hinten nicht gerade für hohe Querkompetenz spricht. Aber beim Oldie gelten eben andere Maßstäbe.
Eine Porsche für die Hausfrau
Das gilt natürlich auch für Sitze und Innenarchitektur. Nachgiebige, dünne Stühle dürfen nicht als Provokation, sondern als erlebnisreiche Geschichtskunde aufgefasst werden. Einen Drehzahlmesser sucht man hier vergebens, aber ein richtiger Sportwagen war der Karmann ja auch damals schon nicht, was ihm die Bezeichnung "Hausfrauen-Porsche" einbrachte. Immerhin lächelt das Radio als einziger Luxus seine Insassen an sowie der markante Schriftzug auf dem schmalen Armaturenbrett, das seit 1966 sogar mit Holzimitat versehen wurde. Ein Platzproblem existiert in diesem Zweitürer übrigens nicht, man genießt ordentliche Raumfreiheit in alle Richtungen. Wäre da nicht eine gewisse Dauerbeschallung aus dem Heckbereich, könnte man sich auch als Nicht-Liebhaber glatt vorstellen, ihn für eine ausgedehnte Reise einzusetzen. Den echten Liebhaber dagegen schockiert das nicht und lässt ihn ohne Bauchschmerzen über den Pass bis nach Italien zum großen Treffen rollen, wo das schöne Design der Ikone entstand. Rund 19 Jahre hat Volkswagen es ausgehalten mit dem Karmann und eine riesige Liebhaber-Gemeinde aufgebaut, die bis heute existiert.