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Premium-Autos für fast alle VW entdeckt für die Zukunft alte Tugenden

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Was hier noch als Studie zu sehen ist, soll als Aero B im Jahr 2023 mit 700 Kilometern Reichweite auf den Straßen stromern.

(Foto: VW)

Wer an Altbewährtem festhält, ist nicht gleich rückständig. Es kann sogar etwas Gutes haben, wenn man sich besinnt, wofür man einst stand. Genau das wird nämlich die Zukunft von VW prägen. Dazu gehören Premium für alle, Elektromobilität, aber auch Passat und Golf.

Wie die individuelle Mobilität der Zukunft in Deutschland und Europa aussieht, ist mit Blick auf die politischen Forderungen kein Geheimnis mehr: Sie wird auf die eine oder andere Art und Weise elektrisch sein. Ob das alle elektrisiert, sei dahingestellt. Fakt ist, dass sich der größte deutsche Autobauer auch seine Gedanken über die Zukunft macht. Und dabei stehen zwei Dinge im Vordergrund: Zum einen will man das Credo der 1950er-Jahre "individuelle Mobilität für viele" nicht aus den Augen verlieren, zum anderen steht in Wolfsburg felsenfest: In Zukunft fährt man mit Batterieantrieb.

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Der ID. Roomzz war ein Showcar, das aber von der Idee sehr nah an einem ID .5 sein könnte.

(Foto: VW)

Dafür bohrt man bei VW das Portfolio dann auch noch mal ordentlich auf. Nach dem ID .3 und dem schon in den Startlöchern stehenden ID .4 kommen ein ID .5 und ein Aero B sowie der seit Jahren von Messe zu Messe geschobene ID Buzz. Jedes dieser Fahrzeuge hat nach dem Willen der Niedersachsen eine ganz eigene Botschaft. Die hier aufzudröseln würde zu weit führen und so konzentrieren wir uns lieber auf die Gemeinsamkeiten.

Alles auf zwei Plattformen

Was die E-Fahrzeuge bei VW ebenso eint wie die gesamte Bandbreite der Verbrenner, ist ihre Plattform. Bei Letztgenannten ist es der seit 2012 hochgelobte MQB, also der Modulare Querbaukasten, bei den Elektroautos ist es der MEB, der Modulare E-Antriebs-Baukasten. Ja, hört sich ein bisschen an wie das Weihnachtsgeschenk für den Filius, ist aber schon etwas komplexer. Im Wesentlichen einen MQB und MEB, dass sie die Ingenieure in die Lage versetzen, Radstände, Spurweite, Rädergröße und Überhänge je nach Bedarf oder Fahrzeugsegment anzupassen. Mithilfe des MEB kann die Fahrzeuglänge locker von 4,20 auf knapp 5 Meter gestreckt werden. Beim MQB geht es noch ein Stück weiter.

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Auf dem MEB werden in Zukunft alle E-Autos von VW aufsetzen.

(Foto: VW)

Das ist auch gut so, denn VW will nach heutigem Stand zu jedem Fahrzeug, das momentan mit Verbrennungsmotor unterwegs ist, ein elektrisches Pendant schaffen. Am interessantesten sind da natürlich Fahrzeuge wie ein sportliches Coupé in Form eines ID .5 oder ein Aero B, von denen man sich momentan nur ein vages Bild machen kann. So viel steht aber fest: In Wolfsburg herrscht der Anspruch, dass man den Kunden bezahlbare Fahrzeuge bieten möchte, die ganz klar Premium sind. Also anders als die öde Plastikwüste, die einem im ID.3 entgegenschlägt, setzt man bei den kommenden Fahrzeugen auf wertige Materialien und elegantes Design. Beim Aero B scheut man sich dann auch nicht, den Wagen mit einem Phaeton zu vergleichen. Der eine oder andere erinnert sich. Der war seinerzeit angetreten, einer S-Klasse, einem 7er BMW oder einem Audi A8 den Rang abzulaufen.

2023 kommt der Edel-Stromer

Bereits 2023 soll der Edel-Stromer in der repräsentativen Größe des einst Strahlenden bei den Händlern stehen. Einen ersten Blick auf den Aero B gewährte VW im vergangenen Jahr mit der Studie "ID Space Vizzion". Damals mutmaßte man noch, dass der als Shooting Brake und Coupé-Limousine angedachte Stromer bereits 2021 als Serienversion auf den Markt kommt. Allerdings scheint die Entwicklung der Akkumulatoren noch nicht so weit fortgeschritten, als dass die versprochenen 700 Kilometer Reichweite heute schon möglich wären. Und selbst wenn, wo sollte der riesige Stromspeicher in einer halbwegs komfortablen Zeit im Augenblick geladen werden? Zu löchrig ist das Netz der Schnellladestationen und selbst im eigenen Haus an der Wallbox dürfte für einen solchen Akku einiges an Ladezeit nötig sein.

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Der Aero B soll das elektrische Flaggschiff werden und fährt in der Tradition eines Phaeton.

(Foto: VW)

Doch lösen wir uns von den technischen Mutmaßungen und geben etwas Butter bei die Fische. VW geht davon aus, dass die Ladeleistung, die jetzt in der Spitze bei 125 kW liegt, sich kontinuierlich steigern wird. Schon im kommenden Jahr rechnet man mit 170 kW, ab 2023 mit 200 kW und im Jahr 2025 sollen es über 250 kW sein, was dann wiederum zur Folge hätte, dass innerhalb von zehn Minuten genug Strom im Akkumulator wäre, um weitere 300 Kilometer zu stromern. Und so wie die Ladeleistung steigt, steigt natürlich auch die Reichweite, die die Akkus bereitstellen. Was am Ende aber limitiert sein wird, ist die Geschwindigkeit. Selbst die großen und sportlichen Modelle werden nicht mehr als 180 km/h fahren. Damit wäre dann auch die Geschwindigkeitsdiskussionen auf deutschen Autobahnen per se ad acta gelegt.

Neuauflage für Passat, Golf und Tiguan

Die zeitliche Staffelung macht aber noch etwas anderes deutlich: Bevor auch der letzte Autofahrer in die Lage versetzt werden kann, zu stromern, muss es Übergangslösungen geben. Ja, in Form von "Brücken-Technologien". Und die sind - ob das allen schmeckt, sei mal dahingestellt - Plug-in-Hybride, also Fahrzeuge mit einem Verbrenner und einem Elektromotor. Und VW kann diesen Zeitraum sogar benennen und hat dafür geplant. Zwischen 2023 und 2028 wird neben Volumenmodellen wie Tiguan und Passat auch eine neunte Generation des Golf mit verbesserten Plug-in-Hybrid-Antrieben auf den Markt kommen. Soll heißen, dass auch bei diesen Modellen dann die rein elektrische Reichweite deutlich verlängert ist.

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Im Innenraum will VW nicht nur wie hier in der Studie des Aero in Zukunft auf wertige Materialien und höchste Verarbeitungsqualität setzen.

(Foto: VW)

Damit das Ganze auch optisch in ein ordentliches Bild gebracht wird, hat man einen alten Bekannten der Marke zum VW-Designchef gemacht: Jozef Kaban. Dem einen oder anderen dürfte der Name etwas sagen. Mit seiner Federführung prägte er das Erfolgsdesign bei Skoda. Nicht nur, dass der Slowake die Idee des böhmischen Kristalls in Front- und Heckleuchten der Fahrzeuge aus Tschechien brachte, er war es auch, der stets das Understatement propagierte, verbunden mit exzellenter Funktionalität, wertigen Materialien und das alles zu einem erschwinglichen Preis.

Premium und Licht

Nun gut, über die Erschwinglichkeit darf unterdessen gerne diskutiert werden, aber einen ähnlichen Ansatz soll nun auch VW verfolgen. Kaban will mit den kommenden Autos jedenfalls vermitteln, dass weniger mehr ist. Wobei dabei nach seiner eigenen Aussage keines der Fahrzeuge, egal in welchem Segment es angesiedelt ist, ein Kompromiss sein darf. Erste Fingerübungen hat der Designchef bereits bei den kommenden T-Cross und T-Roc gemacht. Letztgenannten hat er von den einst als innovativ geltenden Farbflächen im Innenraum befreit, um dafür neue dezente, aber edel wirkende Dekore einzusetzen. Ähnliches ist vom Innenleben des T-Cross zu vermelden. Auch die Sitze werden in beiden Modellen völlig neu gestaltet sein.

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Mit dem neuen VW-Designchef Jozef Kaban wird auch die Lichtgrafik der Fahrzeuge wieder ein größeres Gewicht bekommen.

(Foto: VW)

Wie bereits erwähnt, spielt für Kaban die Lichtgrafik an den Fahrzeugen eine besondere Rolle und so spielt er bei den kommenden Modellen, wie einst bei Skoda, auch hier damit. Zum einen demonstriert sie eine Familienzugehörigkeit, zum anderen verstärkt sie den jeweiligen Charakter des Modells. Dieser Ansatz gilt natürlich auch für die Elektroautos, unter das sich in Zukunft zum Beispiel auch ein ID .4 GTX mischen wird. Eine sportliche Variante des Crossovers mit Allradantrieb. Neben einer scharf gezeichneten Frontschürze werden hier drei LED-Leuchten integriert, die die Frontpartie unverwechselbar machen. Hinzu kommt ein in Blau-Rot gehaltener Innenraum und ebensolche farblichen Akzente, die unter anderem durch Ziernähte dargestellt werden.

Doch was das Design betrifft, können sich auch die Fans von Passat und Tiguan auf etwas Neues und Frisches freuen. Die Idee von Kaban ist, einen Teil des E-Auto-Designs auf die Verbrenner zu übertragen. Vorstellbar wäre also, dass der ohnehin schon kleine Kühlergrill fast völlig verschwindet und durch eine Lichtleiste ersetzt wird. Zur Belüftung der Aggregate wird dafür eine entsprechend große und natürlich ins Design eingepasste Öffnung in den vorderen Stoßfänger gezaubert. Am Heck sorgt ebenfalls eine extrovertierte Lichtgrafik für mehr Präsenz und insgesamt wird man sich von den Ecken und Kanten im Blech trennen. Hört sich rundgelutscht an? Nee, sieht sehr kraftvoll aus und wird natürlich durch entsprechend große Räder optisch unterstützt.

Keine Brennstoffzellen-Autos in Planung

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Wie der Innenraum eines künftigen Passat aussehen wird, kann momentan nur gemutmaßt werden. Fakt ist aber: nicht wie der in einem ID.4.

(Foto: VW)

Auch im Innenraum wird man sich an den Vorgaben der Elektriker orientieren. Für Passat B9 und den kommenden Tiguan wird der Innenraum des ID .5 Pate stehen. Es wird Lichtgrafiken hinter den Dekorleisten geben und sehr schmale Luftausströmer. Über der Mittelkonsole wird ein mächtiger Screen schweben, wobei das Display für den Fahrer nur noch ein schmaler Schlitz sein wird. Denn die Masse an Informationen wird per Head-up-Display mit Agumented Reality in die Frontscheibe projiziert.

Über die Antriebe hatten wir bereits gesprochen. Im Zuge dessen, dass der "Green Deal" mit der EU steht, durch den der Anteil an batterieelektrischen Fahrzeugen ab 2025 von 35 auf 55 Prozent steigen soll, sind hier vorzugsweise Plug-in-Hybride zu erwarten. Fahrzeuge mit Brennstoffzelle wird es definitiv nicht geben. Die Technologie hat VW für seine Zukunft abgewählt. Zum einen scheint sie den Wolfsburgern zu teuer, andererseits betont man, dass der Wirkungsgrad zu schlecht wäre. Auch den synthetischen Kraftstoffen steht VW weiter kritisch gegenüber. Auch hier ist die Produktion momentan zu teuer. Insofern wird es bei dem geschilderten Doppelweg, bestehend aus reinen Elektroautos der ID-Reihe und den bekannten Bestsellern mit den Doppelherzen, bleiben. Jedenfalls so lange, wie die Politik nicht auch noch den Letztgenannten einen Riegel vorschiebt.

Quelle: ntv.de