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Verrückt und außer der Reihe Vier der extremsten SUV im Test

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Eines von vier extremen SUV ist der Lamborghini Urus.

(Foto: Lamborghini)

SUV werden von vielen gehasst. Doch unbeeindruckt davon sind sie immer noch im Aufwind und fest im Straßenbild verankert. ntv.de hat vier skurril anmutende Top-Varianten dieser Spezies ausgeführt und die Sinnfrage gestellt. Doch lesen sie selbst.

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Was der Jeep Grand Cherokee Trackhawk für ein Monster ist sieht man ihm auf den ersten Blick gar nicht an.

(Foto: Patrick Broich)

Oben wird die Luft dünn, ist eine bekannte Floskel. Für die in der Bundesrepublik lieferbaren Top-SUV gilt das zumindest hinsichtlich ihrer Vielfalt nicht, da herrscht nämlich buntes Treiben, eine erfreuliche Artenvielfalt von brutal-simpel bis extrem leistungsstark und sogar ökologisch – zumindest behauptet das der Hersteller. Vier Geschichten aus der abwechslungsreichen Praxis mit 635 PS bis 710 PS.

Der Hammer - Jeep Grand Cherokee Trackhawk

Es gibt ihn bei Jeep, er blüht sozusagen im Verborgenen als Grand Cherokee. Unter der Haube hämmert ein 6,2 Liter großer Riesen-Achtzylinder mit Kompressor-Aufladung, der 710 PS freisetzt. Tempobegrenzung? Nicht mit dem Ami – 289 Sachen sind drin, und auf 100 km/h katapultiert sich die Schrankwand binnen 3,7 Sekunden – also bitte das griffige Alcantara-Lenkrad gut festhalten. Wer die heute üblichen Turbolöcher gewöhnt ist, muss beim Anfahren aufpassen: Ein beherzter tritt auf das Gaspedal lässt den dicken Brummer sprunghaft nach vorn wetzen – bitte wirklich nur ausprobieren, wenn der Weg frei ist.

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Der Jeep Grand Cherokee Trackhawk hat selbst mit 2,5 Tonnen Lebendgewicht noch sportliche Gene.

(Foto: Patrick Broich)

Und sonst? Mit einem Grundpreis von 132.900 Euro dürfte der Jeep das teuerste Produkt innerhalb der FCA-Familie sein, aber das günstigste hier im Quartett. Ob das Vehikel seinen Preis wert ist, mag jeder selbst entscheiden. Der Spaßfaktor kommt jedenfalls nicht zu kurz, und auch das Fahrwerk macht einen sportiven Eindruck. Für einen 2,5-Tonner fegt der bollernde V8-Jeep recht gut um die Ecken und verzögert brutal mit seiner Brembo-Anlage. Derweil halten ausgeprägte Wangen mächtiger Sportsessel die menschliche Fracht in der Mittelbahn. Praktisch ist der Achtender durchaus auch mit fast 1700 Litern Gepäckraumvolumen und recht dezent in der Optik.

Man hört ihn eher als dass man ihn visuell identifiziert – die Lüftungsschlitze auf der Motorhaube verraten ihn jedoch. Der "Supercharged"-Schriftzug freilich auch, aber da muss man schon genau hinsehen – der stärkste Jeep fährt also unter dem Radar. Sein Achtzylinder ist mit zwei Ventilen pro Zylindern simpel gestrickt und macht dennoch mächtig Laune. Schön, dass es in Zeiten massiven Downsizings noch solch eine Offerte gibt. Und obwohl der Grand Cherokee nicht mehr das jüngste Modell ist, bietet er einen Hauch von Fahrerassistenz. Demnach müssen die Käufer auf moderne Features wie autonome Notbremsung ebenso wenig verzichten wie auf einen adaptiven Tempomat – äußerst komfortabel auf der Langstrecke.

Der praktische Athlet - Lamborghini Urus

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Ganz ehrlich? Auf groben Geläuf dürfte man den Lamborghini Urus eher selten finden.

(Foto: Lamborghini)

Eigentlich ist Lamborghini ja bekannt für extrem performante Sportwagen mit Haute Couture-Karossen. Doch die Nachfrage nach SUV hat die Edelschmiede aus dem italienischen Sant’Agata Bolognese dazu bewegt, auch mal einen Geländewagen zu bauen. Und was macht man mit Geländewagen? Ins Gelände dürfte es jedenfalls die wenigsten Kunden ziehen, schon gar nicht mit einem Urus, der auf matschuntauglichen und eher pistengeeigneten 21-Zöllern steht.

Allerdings haben wir darauf bestanden, dass unser Demo-Urus mit Anhängerkupplung kommt, um die Praxistauglichkeit zu unterstreichen. Wir laden kurzerhand einen längst verflossenen Lamborghini Islero auf, dann geht es mit dem Veteranen im Schlepptau zunächst langsam voran, aber der 650 PS-Bolide ist ein souveränes Zugfahrzeug. Zumal der Fünfmeter-Brocken schwer genug ist und mit satten 3,5 Tonnen Anhängelast glänzt.

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Der Arbeitsplatz des Urus-Fahrers ist natürlich digitalisiert.

(Foto: Patrick Broich)

Nimmt man die Last vom Haken, verwandelt sich der Italiener in einen reinrassigen Sportwagen, der Landstraßentempo binnen 3,6 Sekunden erreicht und die 300 km/h-Marke mühelos durchbricht und sich selbst auf der kurvigen Landstraße gar von namhaften Sportlern kaum abhängen lässt dank verhältnismäßig niedrigem Schwerpunkt und obligatorischer Allradlenkung. Der Urus mit modernem, direkteinspritzenden Downsizing-Achtzylinder (vier Liter Hubraum) ist quasi die eierlegende Wollmilchsau aus dem Hause Lamborghini.

Extrem performant und mit Keramikbremsen ausgerüstet, lassen sich auch mal ein paar Säcke Rindenmulch im Baumarkt einkaufen und in den großen Kofferraum wuchten. Man muss sich allerdings trauen, den Italiener bodenständig im Alltag einzusetzen – denn die Haute Couture-Karosserie konnte sich Lamborghini auch bei seinem praktischsten Fahrzeug in der Modellpalette nicht verkneifen. Außerdem muss das Konto mitspielen, denn unter 210.000 Euro geht gar nichts.

Der Zwölfender - Bentley Bentayga Speed

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Mit seinem V12 gehört der Bentley Bentayga Speed zu den echten Edel-SUV.

(Foto: Patrick Broich)

Ja, bevor jetzt Einwände kommen: Es gibt noch einen mächtigeren und verrückteren und viel teureren Zwölfzylinder-Kraxler – sogar mit klassischem V- statt W12, nämlich den Rolls-Royce Cullinan. Aber ein Bentley Bentayga Speed gehört schon zu den automobilen Spielzeugen, die die Welt eigentlich nicht braucht, ohne die sie aber deutlich weniger bunt wäre. Und bunt ist ein gutes Stichwort, denn wer einmal die Bentley-Website aufruft, sieht schon den automobilen Farbkleks.

Okay, mit dem Testwagen in "Sequin Blue" haben sich die Verantwortlichen jetzt nicht verausgabt, doch schick wirkt er schon und sportiv außerdem mit den schwarz abgesetzten Felgen und dem ebenfalls schwarzen Kühlergrill. Schade nur, dass den aktuellen Bentley-Zwölfzylindermodellen das Feine und Sonore abhandengekommen ist. Und da beim Demowagen auch noch die Akrapovic-Auspuffanlage verbaut wurde, schnaubt der 5,14 Meter-Brite eher wie ein Sportwagen inklusive Wastegate-Zischen der Turbos bei sämtlichen Schaltvorgängen des Achtgang-Wandlers.

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Weniger als vier Sekunden braucht das Trum für den Sprint auf Tempo 100.

(Foto: Patrick Broich)

Übrigens pumpt der Sechsliter-W12 satte 635 PS und noch mehr beeindruckende 900 Newtonmeter maximales Drehmoment in den Strang, so dass das übrigens praktische (knapp 1800 Liter Kofferraumvolumen) Schwergewicht knapp unter vier Sekunden auf 100 km/h schnalzt. Auch Kehren verarbeitet der mit 48 Volt-Bordnetz und damit einhergehendem Wankausgleich bestückte Über-Geländewagen im wahren Sinne des Wortes sportlich, setzt sich aber im Charakter klar vom Urus ab, mit dem er sich Komponenten teilt.

Auch der Bentayga Speed kann über 300 Sachen rennen und verlangt mit knapp unter 240.000 Euro nach einer dicken Brieftasche. Bei tiefem Griff in die Ausstattungskiste können es auch über 300.000 Euro werden – und an Sonderausstattungen mangelt es dem Bentayga Speed mitnichten. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass sich der 4x4 unter Zurückhaltung mit unter zehn Litern Super Plus je 100 km bewegen kann, was angesichts der Eckdaten ein Superlativ der etwas anderen Art ist.

Der smarte Extremsportler - Porsche Cayenne Turbo S E-Hybrid Coupé

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Der Porsche Cayenne Turbo S E-Hybrid Coupé ist der Sparmeister unter den extremen SUV.

(Foto: Patrick Broich)

Über solche Verbrauchswerte können Porsche Cayenne Turbo S E-Hybrid-Fahrer nur müde lächeln – wenn sie denn Gebrauch machen von den zahlreichen Elektro-Ladestationen, die es sogar anno 2020 bereits reichlich gibt im öffentlichen Raum. Man muss wissen, der Top-Cayenne trägt zwar einen vier Liter großen Achtzylinder (übrigens den gleichen wie der Urus) unter seiner wuchtigen Motorhaube, aber da ist auch noch eine 136 PS starke E-Maschine, die den Kraxler alleine zwar nicht sportlich, aber doch mühelos antreibt.

Man spürt im Fahrpedal einen ausgeprägten Widerstand – überschreitet man ihn nicht, bleibt der markant bollernde V8 ausgeschaltet. Doch machen wir uns nichts vor, mit dem 14,1 kW/h großen Akku kommt das 2,5 Tonnen schwere Highperformance-Crossover real lediglich etwas mehr als 20 Kilometer. Klar, wer fleißig immer wieder lädt, kann im Laufe des Cayenne-Lebenszyklus sechsstellige Kilometerleistungen erreichen – das geht ganz tatsächlich. Dumm nur, dass der Power-Cayenne ständig mit 900 Newtonmeter maximalen Drehmoment und 680 PS Leistung lockt, der man nur schwer widerstehen kann.

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Wer allerdings mit dem Porsche Cayenne Turbo S E-Hybrid Coupé dauerhaft 295 km/h fährt, spart nichts.

(Foto: Patrick Broich)

Unter voller Last erreicht das hier als Coupé angetretene Multifunktions-Supercar übrigens nach 3,8 Sekunden Landstraßentempo, nach 13,2 Sekunden 200 Sachen und in der Spitze rasante 295 km/h. Features wie Hinterachslenkung, Keramikbremsen, deren Sättel (ebenso wie die Schriftzüge) neongrün schimmern, und Wankstabilisierung machen das Coupé auch auf kurvigem Geläuf pfeilschnell. Wer den über 176.000 Euro teuren Spitzen-Porsche wählt, bekommt zwar etwas weniger Praxistauglichkeit als bei Bentley und Jeep, aber noch immer ein ordentliches Universalgerät, das übrigens immerhin drei Tonnen an den Haken nehmen darf – für einen Plugin-Hybriden ist das aller Ehren wert.

Übrigens verfügen alle vier Kandidaten über reichhaltige Assistenten- und Infotainment-Umfänge, wenngleich der Schwerpunkt hier eindeutig auf dem Antrieb liegt.

Gesellschaftliche Kritik mögen alle vier Vertreter dieser Gattung einstecken. Allerdings sollte man berücksichtigen, dass es sich keineswegs um Mainstream-Autos handelt, die man an jeder Straßenecke sieht, sondern um reine Enthusiasten-Fahrzeuge, die weit davon entfernt sind, schlichte Transportation-Tools zu sein. Und die wird es wohl immer geben, daran werden auch noch so viele Fridays for Future kaum etwas ändern können.

Quelle: ntv.de