Wie neu ist neu?Mercedes präsentiert die S-Klasse 2.0 mit beleuchtetem Stern
Von Patrick Broich, Stuttgart
Pünktlich zum 140-jährigen Bestehen des Automobils präsentiert Mercedes sein überarbeitetes Flaggschiff. Nun heißt es: Vorhang auf für die S-Klasse. Doch wie neu ist der traditionelle Luxusliner überhaupt? ntv.de hat ihn vor Ort inspiziert.
Bisher war alles streng geheim, in Stuttgart und Umgebung herumfahrende Entwicklungsautos der S-Klasse waren wirkungsvoll getarnt. Diesmal aber nicht wie sonst mit langweiliger Folie. Smarte Marketing-Strategen haben sich überlegt, die verschleierte Außenhaut einfach als Kommunikationsfläche nach außen zu nutzen. "140 Years of Innovation" prangt in großen Lettern auf den Flanken der Limousinen.
In Stuttgart müsste jetzt also fast jeder wissen, dass Carl Benz im Jahr 1886 den Patent-Motorwagen Nummer 1 auf die Straße gebracht hat, also das berühmte dreirädrige Vehikel, das als offiziell als erstes funktionierendes Auto gilt. Es ist kein Zufall, dass Mercedes just am 29. Januar die S-Klasse präsentiert.
Nur ist es entgegen der Marketing-Aussage eben nicht die neue, sondern bloß die überarbeitete Variante. Und auch wenn Tausende Teile neu sind, handelt es sich eben weiterhin die Baureihe 223. Was wiederum nicht heißt, dass der Zwozwodrei der zweiten Serie keinen frischen Wind in die Modellpalette bringen würde. Und das, obwohl der bisher angebotene Level-3-Fahrassistent mit der Erlaubnis, bis 95 km/h wirklich dauerhaft die Hände vom Lenkrad und Blick den Blick von der Straße zu nehmen, erst einmal nicht mehr zu haben sein wird.
Schwamm drüber, das System hat ohnehin noch nicht zuverlässig funktioniert. Dann besser optimieren und Neustart später. Demnächst folgt erst einmal ein Level-2++-System, aber darüber wird noch zu berichten sein.
Wer sich den modifizierten 223 genau anschaut, erlebt so manchen Aha-Effekt. Da wäre neben der Kühlersilhouette auch noch die Kühlerfigur, also der stehende Stern, der jetzt leuchten kann. In Europa allerdings muss auf solcherart Spielerei aus gesetzlichen Gründen verzichtet werden. Aber dieses witzige Gimmick soll den Genuss des Mercedes-Flaggschiffs nicht schmälern.
Gut zu erkennen ist das künftige Topmodell an den sogenannten Doppelstern-Scheinwerfern mit leuchtenden Einheiten in Form des stilisierten Mercedessterns sowie den Schlussleuchten - ebenfalls mit stilisierten Sternen, bekannt bereits aus der aktuellen E-Klasse.
Riesen-Screen jetzt auch in der S-Klasse
Und wer die E-Klasse von innen kennt, wird sich auch in der S-Klasse zurechtfinden. Einfach nur ein großer Touchscreen wie bisher reicht anno 2026 einfach nicht mehr. Denn die große Limousine wird nicht bloß von konservativen Unternehmern gekauft, sondern eben auch von jungen oder junggebliebenen Startup-Gründern in asiatischen Gefilden, wo das Durchschnittsalter der Kunden deutlich unter dem in Europa liegt.
Also braucht es mindestens eine ähnliche Display-Front, wie sie auch Bestandteil der Innenarchitektur neuester Mercedes-Modelle ist. Ebenfalls garniert mit dem Betriebssystem MB.OS - das Ziel ist es, die Fahne der Bedienerfreundlichkeit hochzuhalten. Ob das gelingt, werden erste Praxisversuche zeigen müssen. Eindrucksvoll ist der sogenannte Superscreen jedenfalls durchaus. Und er beinhaltet unzählige Features, darunter auch Youtube-Anwendungen und Videostreaming. Dabei werden Inhalte auf dem Beifahrer-Display für den Fahrer ausgeblendet - Sicherheit geht eben vor.
Jede Menge Hightech gibt es auch im Bereich Fahrwerk. Serienmäßig rollt der 5,19 respektive 5,30 Meter lange Tourer auf Luftbälgen. Optional sorgt die sogenannte "E-Active Body Control" für einen aktiven Ausgleich von Nick-, Stoß- und Wankbewegungen. Sämtliche Fahrwerkausführungen erlauben eine vorausschauende Adaption mit Informationen aus einer Cloud - geliefert und ausgesandt von anderen herumfahrenden Mercedesfahrzeugen, die per Car-to-x-Technologie permanent senden.
Antriebsfans dürften langsam neugierig darauf werden, was sich unter der Motorhaube findet. Vorweg: Den Achtzylinder haben die Ingenieure in die Euro-7-Abgasnorm herübergerettet. Wie ntv.de bereits im Zuge der Mitfahrt berichtete, handelt es sich beim sogenannten M177 Evo erstmals um einen Achtzylinder mit Flatplane-Kurbelwelle (der AMG GT Black Series ist ein Sonderfall). Diese sportliche Variante des V8 zeichnet sich durch ein anderes Klangbild aus und dreht vergleichsweise höher.
Der Grund für die Umstellung war jedoch eine grundsätzlich höhere Effizienz bedingt durch die veränderte Zündfolge sowie eine potenziell bessere Laufruhe. Dafür dürfte das weiterentwickelte Triebwerk nicht mehr bollern. Allerdings designen die Akustiker den Sound ohnehin passend - auch unter Einsatz von Lautsprecherboxen.
Die Herausforderungen, den jetzt 537 PS (plus 23 E-PS) starken Vierliter fit für die Zukunft zu machen, seien nicht unerheblich gewesen, wenn man den Technikern zuhört. Zwar waren die Schadstoff-Grenzwerte beispielsweise für Stickoxide auch früher schon streng, jetzt darf aber auch im Kaltlauf nicht mehr geschlabbert werden, das heißt, der Motor muss künftig gleich beim Kaltstart mit maximaler Abgasreinigung laufen, während er das früher erst bei Betriebstemperatur musste.
V8 ist weiterhin an Bord
Der Achtzylinder hat nach wie vor seine Fans, ehrlicherweise dürften die meisten Exemplare der S-Klasse in unseren Gefilden mittlerweile jedoch sechszylindrig unterwegs sein. Und das ist weder hinsichtlich der Antriebsleistung noch der Geräuschentwicklung ein Beinbruch. Denn selbst die Basis alias S 350d rollt bereits mit bärigen 313 Diesel- plus 23 Elektro-PS an den Start - übrigens wie vor der Modellüberarbeitung auch schon -, während der drei Liter große Basisbenziner auf die Bezeichnung S 450 hört und mit 381 plus 23 PS leicht erstarkt.
Eine Nummer kräftiger bedeutet dieselseitig S 450d - ebenfalls mit drei Liter großem Reihensechszylinder, aber 367 PS stark (wie vormals). Auch hier steuert das 48-Volt-System weitere 23 Pferdchen dazu. Der klassische S 500 (baugleicher Motor wie S 450) erstarkt leicht von 435 auf 449 PS und ist weiterhin elektrifiziert (23 PS).
Darüber hinaus sind weiterhin zwei Plug-in-Hybride alias S 450 e sowie S 580 e lieferbar. Spannend hierbei ist, dass der Basis-Hybrid mittlerweile als einzige Ausführung mit Hinterradantrieb ausgeliefert wird. Seine Systemleistung von 435 PS (früher 408 PS) setzt sich aus der Power des Reihensechszylinder-Benziners mit 326 PS sowie einer 163 PS starken Elektromaschine zusammen.
Der analog zu den übrigen Modellen inzwischen ausschließlich als Allradler antretende S 580 e macht mit 585 PS Systemleistung einen deutlichen Leistungssprung - er ist um satte 75 PS stärker. Sein Verbrenner steuert 449 PS dazu, während das Elektroaggregat genau wie beim Vierhundertfünfzig 163 PS leistet. Je nach Variante sprinten die S-Klassen zwischen knapp unter sechs bis vier Sekunden von 0 auf 100 km/h.
Trotz stärkerer und teils erheblich modifizierter Triebwerke sowie der Einführung des optisch markanten Superscreens bleibt der Grundcharakter der S-Klasse selbstredend erhalten. Schon die erste kurze Sitzprobe lässt ahnen, wie es sich hier reisen lässt. Ultraanschmiegsame Ausnahme-Polster verströmen in der Tat Lounge-Charakter; wertige Materialien sind über (fast) alle Zweifel erhaben.
Allerdings bedeutet ein grundsätzlich hohes Verarbeitungslevel nicht, dass es keinen Platz für Kritik gibt. Während Mercedes das Problem mit den haptisch schlecht rückmeldenden Sitzverstellungsschaltern erkannt und gebannt hat, kommen diese auch in der aufgefrischten S-Klasse noch zum Einsatz. Die startet übrigens zu Kursen ab rund 121.000 Euro und kann sofort bestellt werden. Gut möglich also, in Zukunft ein paar mehr beleuchtete Sterne auf den Straßen zu entdecken.