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Zwei Fäuste für ein Halleluja  Wie der Boxermotor in die Großserie kam

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Es war kein leichter Weg für den Boxermotor, bis er es in die Großserie schaffte.

(Foto: BMW)

Die Geschichte des Boxermotors ist so lang wie die des Automobils. Durchsetzen konnten sich Motoren mit den zwei liegenden Zylindern aber nicht. Heute sind die seit 100 Jahren in Großserie gefertigten Treibsätze nur wenigen Fahrzeugen vorbehalten.

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Carl Benz setze im "Dos à Dos" im Jahr 1896 einen Boxermotor ein.

(Foto: Mercedes)

Kleines Quiz am Stammtisch: Wer hat den Boxermotor erfunden? Bestimmt kommen Antworten wie "BMW" oder "Porsche". Beides ist falsch. Carl Benz, Erfinder und Entwickler des ersten Automobils, erdenkt 1896 den "Contra-Motor", ein Jahr später baut er den Boxermotor in das Modell "Dos à Dos" (französisch: Rücken an Rücken) der Benz & Cie. Rheinische Gasmotorenfabrik. Doch so richtig populär wird die Antriebsart erst ein paar Jahre später und nicht in Verbindung mit Mercedes.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 dürfen die Bayerischen Motorenwerke keine Flugzeugmotoren mehr herstellen - bis dahin ist das ihr Hauptabsatzgebiet. Gleichzeitig wächst der Markt für Motorräder. Also entwickeln ein paar pfiffige Ingenieure um Max Friz und Martin Stolle einen kleinen Antrieb mit zwei Zylinder, der kraftvoll, zuverlässig und sparsam arbeitet.

Die Briten waren schneller

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Martin Stolle auf einer Victoria KR1 mit dem von ihm entwickelten Boxermotor.

(Foto: BMW)

Zur damaligen Zeit ist der Schritt ungewöhnlich, da die meisten Hersteller einen einfachen Einzylinder in ihre Motorräder bauen. Doch die beiden BMW-Ingenieure hatten in den vergangenen Jahren ausreichend Erfahrung mit durchaus komplizierten Flugzeugmotoren gesammelt und kannten die Vor- und Nachteile von gegenläufigen Kolben. Hinzu kommt eine private Vorliebe für den Boxer: Martin Stolle fährt zu der Zeit eine britische Douglas-Maschine. Und die treibt nichts anderes an als ein Boxermotor. Allerdings ist der, anders als später bei BMW, längs zur Fahrtrichtung eingebaut. Das Konzept ist selten, gilt aber vielen als zukunftsweisend und wird vor allem von den britischen Herstellern favorisiert.

Was Martin Stolle begeistert, ist die Laufruhe des Motors. Die entsteht, weil sich zwei gegenüberliegende Kolben auf einer Linie mit der gleichen Geschwindigkeit bewegen - gut ausgeglichene Massenkräfte der 1. und 2. Ordnung. Dazu kommen eine flache Bauart und ein niedriger Schwerpunkt. 1920 entwickelt Stolle bei BMW einen 500-ccm-Zweizylinder-Boxer mit 6,5 PS, der jedoch ausschließlich an kleine Motorrad-Hersteller verkauft wird. Allein in Berlin gibt es damals über 200 Firmen, die Gestelle für Motorräder bauen, jedoch keinen eigenen Antrieb haben.

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Die Victoria KR1 mit dem "Bayern-Kleinmotor".

(Foto: BMW)

BMW stellt seinen "Bayern-Kleinmotor" mit der Kennung M2-B15 mit 494 Kubikzentimeter auch für die erfolgreiche Marke Victoria in Nürnberg her. Die setzt ihn ins Modell KR1 und bringt den Boxermotor so in die Großserie. Mit einem Zweigang-Getriebe und der Kraftverteilung über einen Riemen ist die rund 100 Kilogramm schwere KR1 ausreichend stark motorisiert und beliebt. Der Boxermotor liegt aber wie bei der Douglas längs zur Fahrtrichtung, die beiden Zylinder also hintereinander. Damit ist die Victoria zwar sehr schmal, aber der hintere Zylinder erhält auf Dauer zu wenig Kühlluft. Motorkonstrukteur Stolle will das ändern. Als BMW das Potenzial einer eigenen Maschine nicht erkennt und er sich neben dem Konstrukteur Max Friz zu wenig beachtet fühlt, kündigt Stolle und wechselt 1922 zu Victoria. Dort entwickelt er die Boxer-Maschinen weiter.

Friz dreht die Zylinder

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Die BMW R32 wird mit dem Boxer bis zu 95 km/h schnell.

(Foto: BMW)

Erst im September 1923 präsentiert BMW auf der Deutschen Automobilausstellung in Berlin seine erste eigene Maschine mit einem Boxermotor, verkauft sie für 2200 Reichsmark. Nicht enthalten sind jedoch Lichtanlage, Hupe, Tacho und Soziussitz. Als Herz dient der von Stolle entwickelte Zweizylinder-Boxer mit 494 Kubikzentimetern mit nunmehr 8,5 PS. Daran gekoppelt ein Dreigang-Getriebe, das die Kraft über eine Kardanwelle ans Hinterrad überträgt. Größter Unterschied der Entwicklung unter Max Friz zur Victoria: Die Zylinder liegen jetzt quer zur Fahrbahn.

Vorteil: Beide Zylinder werden ausreichend mit Kühlluft versorgt, dazu ist der Ventiltrieb für Wartungs- oder Reparaturarbeiten schneller zugänglich. Damals eine durchaus übliche und häufige Tätigkeit am Straßenrand. Bis zu 95 km/h fährt die R32 und wird schnell erfolgreich. Selbst Privat-und Werksfahrer setzen die Maschine bei Rennen ein, wie beim Hindelang-Oberjoch-Rennen, rund um die Lausitz und rund um Landshut.

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Die R18 ist die BMW mit dem größten Boxermotor aller Zeiten.

(Foto: BMW)

BMW ist nun vom eigenen Konzept überzeugt, legt mit der R32 das Baukastenprinzip zukünftiger Produktionsreihen an. Bis 1926 verkauft BMW über 3000 Fahrzeuge von dem Typ. Schon 1925 stellen die Bayern die R42 vor, die bei gleichem Hubraum 12 PS leistet, vollausgestattet ist und mit 1510 Reichsmark zudem weniger kostet. Sie setzt den Erfolg der Boxermaschinen fort. Bis auf eine kurze Unterbrechung zwischen 1945 und 1949 stellt BMW bis heute Motorräder mit Boxer her und bis heute liegt der so positionierte Motor als Erkennungsmerkmal im Zentrum der Maschine. Neueste Entwicklung: der hubraumstärkste BMW-Zweizylinder-Boxer der R18 mit 1,8 Liter Hubraum. Bei den Autos verirrt sich die Motorrad-Technik hingegen nur als Übergangstechnologie in die Modelle BMW 600 und 700. Bisher liefen 2,5 Millionen Boxermotoren von den Bändern, davon über 2,2 Millionen in Motorrädern und 220.000 Autos. Die meisten Boxermotoren bei Motorrädern baute BMW damit aber nicht. Die russische Firma IMS verkauft unter dem Markennamen URAL seit 1941 auf Basis der BMW R71 schon über drei Millionen Maschinen mit diesem Antriebsprinzip.

Der Boxer bei Porsche

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Ferdinand Porsche brachte den Boxer in den Käfer. Wenn man auch sagen muss, dass die Idee für das Triebwerk nicht auf seinem Mist gewachsen ist.

(Foto: Porsche)

Doch während BMW den Boxer für seine Zweiräder präferiert, feilen andere Ingenieure am Boxerprinzip für Autos, wie zum Beispiel Béla Bárenyi und Ferdinand Porsche in den 1920er-Jahren. Bárenyi entwickelt während seines Studiums einen luftgekühlten Vierzylinder-Boxermotor in einer stromlinienförmigen Karosserie und stellt 1932 seine Entwürfe Ferdinand Porsche vor. Der hat sich kurz zuvor mit dem Ingenieurbüro Dr. Ing. h.c. F. Porsche GmbH selbstständig gemacht und lehnte die Entwürfe ab - um sie rund zwei Jahre später etwas abgeändert unter seinem Namen den Nazis zu präsentieren. Aus dem KdF-Wagen entsteht nach dem Krieg der VW Käfer. Sein besonderes Klingeln des Motors ertönt bald weltweit. Bis 2003 laufen 21,5 Millionen VW Käfer von den Bändern.

Bei Porsche kommt der Boxermotor 1948 im 356 zum Einsatz und scheint ideal zu dem Sportwagen zu passen. Während ein Reihenmotor erst ab sechs Zylindern einen ruhigen und ausgeglichenen Motorlauf bietet, schafft der Boxer das bereits ab vier Zylindern. Dazu kommen ein gutes Drehmoment und das direkte Ansprechverhalten bis in hohe Drehzahlen. Der erste Sechszylinder-Boxer beim Porsche 901/911 leistet bei 2,0 Liter Hubraum 130 PS. Derzeit bietet Porsche aus zwei unterschiedlichen Hüben und zwei Bohrungen Vier- und Sechszylinderboxer an. Die leisten zwischen 300 PS beim 718 Cayman und 718 Boxster und bis zu 650 PS beim neuen 911 Turbo S mit 3,8 Liter Hubraum. Bisher hat Porsche mehr als 1,7 Millionen Boxer gebaut.

Subaru baut die meisten Boxer

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Das Subaru Leone GF Coupe aus dem Jahre 1976 fährt mit einem Boxermotor.

(Foto: Subaru)

Auch Citroens 2CV "Ente" und verschiedene Modelle von Alfa Romeo setzen bis in die 1980er-Jahre auf den Antrieb mit den gekippten Zylindern. Doch der Motor mit der doppelten Anzahl von Nockenwellen oder Zylinderköpfen ist unterdessen teurer als ein Reihenvierzylinder. Außerdem muss das Fahrzeugkonzept eng auf den zwar flach, aber breit bauenden Motor zugeschnitten werden. Neben Porsche setzt deshalb heute nur noch Subaru den Antrieb in seinen Fahrzeugen ein.

Seit 1966 produziert der japanische Hersteller Boxermotoren für Autos und brachte es bis heute auf 19 Millionen dieser Antriebe. In Verbindung mit dem von Subaru bekannten Allradantrieb bietet der Motor sehr guten Fahrkomfort und ist in der richtigen Abstimmung zudem sportlicher als ein Reihenmotor. Mit rund 1,2 Millionen verkauften Boxermotoren pro Jahr ist Subaru der größte Hersteller dieser Antriebsart - noch vor Porsche und BMW.

Quelle: ntv.de