Praxistest

Hässlich war gesternFiat hübscht Multipla auf

11.06.2004, 13:12 Uhr

Mit einer Auswahl von drei Motoren und einer ansehnlicheren Optik wirbt rollende Würfel um die Gunst der Kunden werben.

Es war nicht gerade ein herzlicher Empfang, den der erste Fiat Multipla auf dem deutschen Markt erlebte: „Tränensäcke im Gesicht“ gehörte noch zu den harmloseren Beschreibungen, mit denen die ungewöhnlich gestaltete Frontpartie belegt wurde. „Sozial verträglicher“ nannte Ex-Vorstand Klaus Fricke die Erscheinung der zweiten Generation, die am 25. September bei den deutschen Händlern ankommen soll. Und tatsächlich: ein Kaufhinderungsgrund ist entfallen.

Mit drei Motoren wird rollende Würfel um die Gunst der Kunden werben. Ein 1,9-Liter Turbodiesel ist mit 115 PS dabei der Stärkste, ein wahlweise mit Benzin oder Erdgas arbeitender Ottomotor soll Akzente im Umweltbericht setzen. Während das "Gesicht" dank intensiver Kosmetik optisch nicht nur geglättet, sondern auch den neu postulierten "Fiat-Family-Look" angepasst wurde, blieb vom Konzept her alles beim Alten: Ein halbes Dutzend Sitze verteilt auf nur zwei Reihen verspricht "Sechs-Appeal" besonderer Art.

Das ganze gibt es zu Dimensionen, die auffallen, obgleich eine Fahrzeuglänge von knapp mehr als vier Metern nicht zwangsläufig dafür spricht. Da der Aufbau jedoch fast so hoch wie breit ist und die rund 4,2 Quadratmeter großen Fensterflächen eine luftige, transparente Optik erzeugen, bleibt der Multipla auch in der Zweitauflage eine Ausnahmeerscheinung. Für die Kunden, die laut Fiat-Marktforschung eine höhere Bildung und solides Einkommen haben, soll das Auto eine Art Wohnzimmer darstellen, für den Hersteller ist es nach Worten von Produktmanager Nevio di Giusto "ein Labor, in dem wir experimentieren".

Gemessen daran sind die Änderungen erstaunlich bescheiden ausgefallen. Die Rückpartie blieb bis auf die Leuchten fast unverändert, im Innern dominiert die etwas zerklüftete, mittig angeordnete Instrumenten- und Bedienkonsole die Optik. Sie ist zwar gewöhnungsbedürftig, teilt aber alles Wichtige klar erkennbar mit. Die mittleren Sitze lassen sich zu Tischen umklappen, die erhöhte Sitzposition vermittelt ein souveränes Fahrgefühl. Jedoch könnten die Polster ruhig ein bisschen deutlicher auf Seitenhalt hin geschneidert sein. 14 Kilogramm muss heben, wer die hinteren Sessel zum Beladen des topfebenen Bodens ausbauen will.

Auf den ersten Testkilometern machte noch der Diesel, der fast zwei Drittel zum Gesamtabsatz des Modells beitragen soll, den überzeugendsten Eindruck. Obwohl das maximale Drehmoments von 205 Newtonmetern nicht gerade üppig ausfällt, ist der Großraumlimousine ein gewisses Temperament nicht abzusprechen. Ein wenig dünnblütig erscheint dagegen die Benzin/Erdgas-Version. Bei Fiat baut man vermutlich darauf, dass ökologisch orientierte Kundschaft kein allzu großes Interesse an vehementer Beschleunigung hat. Mit nur 5,2 Kg Erdgas auf 100 km und zusätzlicher Reichweite durch einen 38-Liter-Benzintank dürfte die mit "Natural Power" bezeichnete Variante als wahrer Langstreckler entpuppen.

Serienmäßig ist der Multipla mit sechs Airbags, ESP und ABS ausgestattet, dazu gibt es ein Fünfganggetriebe. Ein sechster Gang oder Änderungen in der Übersetzungsabstufung wären von Vorteil, wollte man die Ruhe bei Reisen mehren. Rund 4.000 U/min bei 120 km/h im 5. Gang erschienen manchem Tester doch ein wenig hoch und vor allem geräuschvoll.

Was die Absatzerwartungen angeht, gibt man sich in der deutschen Außenstelle des Turiner Konzerns bescheiden. Für das laufende Jahr, wo der Multipla gerade noch zu einem Viertel ins Geschehen eingreifen kann, will man sich mit 1.000 Fahrzeugen zufrieden geben. Derer 2.500 werden für das kommende Jahr angepeilt. Die Preise beginnen bei 17.950 Euro für den 1,6-Liter-Benziner und 19.950 für den Diesel. Wer beim Fahren ganz groß sparen will und deshalb die Erdgas-Variante wählt, ist mit wenigstens 20.750 Euro dabei.

Axel F. Busse