Praxistest

Understatement von LexusIS-F mit Seltenheitswert

11.06.2008, 11:53 Uhr

Der IS-F von Lexus zeichnet sich vor allem durch seine Unauffälligkeit aus. Von außen ist dem Auto kaum anzusehen, dass im Innern eine Sportmaschine mit 423 PS und 500 Newtonmeter steckt. Im Straßenbild wird die exklusive Mittelklasselimousine eher eine Seltenheit bleiben.

Für viele Autofahrer ist der Wunsch nach Exklusivität genauso groß wie der nach Tempo: Ein kleiner Kreis von 18 Deutschen darf sich glücklich schätzen, einen Lexus IS-F zu besitzen. Der ist hierzulande noch seltener, als zum Beispiel ein Lamborghini. Von der italienischen Krawall-Flunder wurden im April genau 19 Stück neu zugelassen, Lexus bestätigt bisher 18 Auslieferungen.

Mit dem IS-F kann die Luxus-Division des Toyota-Konzerns endlich ein Pendant zu den kraftvollen Mittelklässlern von Mercedes und BMW bieten. Dort gibt es einen C 63 AMG und einen M3, beide Autos von bescheidenen Abmessungen und einen umso voluminöseren Motor. Marktstrategisch sieht Lexus in Stuttgart und München seine Hauptwettbewerber, und so verwundert es nicht, dass der IS-F mit fünf Litern Hubraum und einer Leistung von 423 PS daher kommt.

Das ist ein bisschen mehr als der M3 und ein bisschen weniger als der Mercedes aufbietet, also durchaus konkurrenzfähig. Was noch fehlt, ist ein durchschlagender Markterfolg. Nicht einmal 4700 Autos hat Lexus im vergangenen Jahr in Deutschland abgesetzt. Das ist nur wenig mehr, als zum Beispiel BMW allein an Fahrzeugen der 7er-Reihe neu zulassen konnte. Es gibt also noch viel Luft nach oben.

Mit Hybrid im Trend

Lexus hält sich zugute, in Sachen Design, Fahrkultur, Dynamik und Sicherheit Maßstäbe zu setzen. Als einziger Hersteller bietet die Marke in Deutschland drei Modellreihen mit Hybridantrieb an - und die Kunden honorieren das. Inzwischen fährt jeder zweite Lexus zwischen Flensburg und Garmisch mit der Kombination aus Verbrennungs- und Elektroantrieb.

Aus Umweltgründen sehen viele Kunden diese Antriebsart als zukunftsweisend an. Gemessen daran könnte der IS-F leicht für ein Auto von gestern gehalten werden: Dicker V8-Motor, Leistung im Überfluss und eine Höchstgeschwindigkeit, die es mit einem ICE aufnehmen kann: 270 km/h. Aber es lohnt sich, auch die unzeitgemäß erscheinenden Daten differenziert zu betrachten. Mit 11,4 Litern Durchschnittsverbrauch nach EU-Norm und 270 Gramm CO2-Ausstoß je Kilometer unterbietet der Lexus die entsprechenden Werte eines BMW M3.

Kraftkur bei Yamaha

Bei der Konzeption des neuen Mittelklasse-Boliden hat sich Lexus der Mithilfe namhafter Spezialisten versichert. Den Basismotor, der bereits im Modell LS 600 h Verwendung findet, gab man zur Kraftkur in die Obhut von Yamaha-Ingenieuren. Schon einmal hatte das eher als Produzent von Motorrädern oder Musikinstrumenten bekannte Unternehmen an einem Toyota-Produkt Erstaunliches vollbracht. Beim Toyota 2000 GT hatten 1965 ebenfalls Yamaha-Spezialisten das Feintuning erledigt. Um die schiere Kraftentfaltung wieder einzufangen, hat Lexus die Bremsen bei Brembo eingekauft und die Felgen stammen von BBS.

So sehr die einzelnen Komponenten für eine High-Tech-Fahrmaschine sprechen, so unspektakulär sieht der IS-F aus. Lediglich die 19 Zoll großen Felgen lassen ahnen, was in ihm steckt. Wer genau hinschaut, kann auch am Bug und an den Auspuff-Endrohren Unterschiede zur "zivilen" IS-Version erkennen. Ansonsten ist dieser Lexus das perfekte Auto, um unauffällig im Strom mit zu schwimmen.

Mit der Unauffälligkeit ist es freilich zu Ende, wenn der Fahrer beherzt Gas gibt. Dann faucht der Achtzylinder markerschütternd auf, das achtstufige Direktschaltgetriebe rastet ein oder zwei Stufen zurück und mehr als 500 Newtonmeter Zugkraft drücken die Insassen in die Sitze. Die sind übrigens vorne sehr anschmiegsam gepolstert und seitenstabil, wenngleich sie nicht die zahlreichen Verstellmöglichkeiten anderer elektrischer Sportsitze bieten.

Unüberbrückbare Abriegelung

Wer den IS-F noch etwas giftiger haben möchte, muss den Sportmodus wählen. Dann ändern sich Fahrwerkabstimmung, Ansprechverhalten und Lenkungsuntersützung. Was sich nicht ändern lässt, ist das Toptempo. Eine Öffnung der elektronischen Abriegelung bietet Lexus weder für Geld noch gute Worte an.

Der Grundpreis von 69.900 Euro, den Lexus für den Viertürer verlangt, ist durchaus selbstbewusst zu nennen, denn er liegt ein paar Tausender über dem, was Mercedes oder BMW für seine vergleichbaren Produkte verlangt. Wer aber die Aufpreispolitik der deutschen Hersteller kennt, darf beruhigt davon ausgehen, dass der Lexus eine Vielzahl von Annehmlichkeiten serienmäßig bietet, die bei der Konkurrenz teuer zugekauft werden müssen.

Dass die Zahl der IS-F-Besitzer in Deutschland allzu schnell steigt und die Exklusivität schwindet, ist indes nicht zu erwarten. Lauf offizieller Lexus-Mitteilung ist die Produktionskapazität auf weltweit 5000 Stück pro Jahr begrenzt. 150 davon in Deutschland abzusetzen, sei durchaus im Bereich des Möglichen, heißt es, "wenn wir sie denn bekommen".