Praxistest

Keiner für alle Audi A4 Avant - Gegner für 3er und Co?

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Der Audi A4 Avant war einst der größte Gegner von BMW 3er Touring und Mercedes C-Klasse T-Modell.

(Foto: Holger Preiss)

Lange hatte Audi im Kombi-Rennen mit den Avant-Modellen die Nase vor den T-Modellen von Mercedes und den ladefreudigen Touring-Fahrzeugen von BMW. Mit dem Facelift will man mit dem A4 Avant wieder auf Augenhöhe fahren. Aber gelingt das auch?

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Auch am Heck machen LED-Leuchten des A4 Avant wesentlich mehr her.

(Foto: Holger Preiss)

Audi ist lange nicht zum Praxistest in der ntv.de-Redaktion angetreten. Insofern wurde es Zeit, sich mit dem A4 Avant einen ehemaligen Bestseller nach Berlin einzuladen. Und der ist immer noch brandneu. Im Juni 2019 wurde er in seiner jüngsten Ausführung vorgestellt und sollte dem Mercedes C-Klasse T-Modell und dem 3er BMW Touring das Leben schwer machen. In den letzten Jahren hatte das nicht mehr ganz so gut geklappt, obgleich der Ingolstädter Designer-Kombi immer noch als eines der am besten verarbeiteten Autos seiner Klasse gilt.

Und das gilt auch für den Testwagen. Der erfreut optisch weiterhin durch scharfe Kanten und Spaltmaße, die aller Ehren wert sind. Über die Optionsliste kann sich der Kunde ein unverwechselbares Lichtdesign kaufen und hat auf diesem Weg schon mal einen klaren Vorsprung durch Erkennbarkeit. Aber auch bei den anderen Zugaben sollte man ein Häkchen machen. So zum Beispiel bei den Felgen. In der Basis gibt es 17-Zöller, was ziemlich doof aussieht. Unter 18 Zoll sollte man hier auf keinen Fall einsteigen. Das sind dann 850 Euro mehr. Repräsentative 19-Zoll-Felgen kosten bereits 1800 Euro Aufpreis.

Kein Vorsprung durch Technik

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Der Audi A4 Avant macht auch als 35 TDI auf Sportler.

(Foto: Holger Preiss)

Einen Vorsprung durch Technik soll es auch geben, aber hier wird es schwer, die drei oben namentlich genannten Probanden voneinander zu unterscheiden. Im Großen und Ganzen dürften hier eher ganz persönliche Vorlieben zum Tragen kommen, denn tatsächlich besteht der eigentliche Unterschied der drei Lieblinge wohl vor allem in den durch die Markenphilosophie und die Kunst der Ingenieure vorgegebenen fahrtechnischen Eigenheiten. Wer also Audi fährt, hat ähnlich wie bei BMW den Wunsch nach einem recht sportlichen Auto geäußert. Und der wird ihm mit dem A4 Avant auch erfüllt, vor allem dann, wenn man im Zusammenspiel mit dem Drive Select, also der Möglichkeit, unterschiedliche Fahrprogramme zu wählen, auch noch das S-Sportfahrwerk mit Dämpferregelung ordert, was in Summe 1200 Euro kostet.

Es ist jetzt nicht so, dass der Mehrpreis für die Sportlichkeit das Bankkonto leer räumt. Und es trägt auch nicht dazu bei, dass man hier der gnadenlosen Härte eines Sportwagens ausgesetzt wird, führt aber dazu, dass die Insassen selbst im Comfort-Modus wissen, dass man mit diesem Auto auch die dynamische Gangart pflegen kann. Zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang aber, auch noch die 1000 Euro für die Dynamiklenkung zu investieren. Hier erfolgt nämlich eine fahrdynamische Regelung je nach Geschwindigkeit und Situation. Natürlich geht es auch ohne diesen finanziellen Aufwand, denn die Lenkung des A4 Avant ist nicht zu eng, folgt den Befehlen des Fahrers spürbar und lässt den Kombi im Zusammenspiel mit dem straffen Fahrwerk auch ganz famos durch schnelle Kurven wetzen.

35 TDI - sympathischer Diesel

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Der Diesel im A4 Avant 35 TDI mit 163 PS ist nicht neu, macht aber einen guten Job.

(Foto: Holger Preiss)

Beim Testwagen wurde dieses Fahrvergnügen dann auch durch die wohl sympathischste Leistungsstufe des 2,0-Liter-Diesels unterstützt. Im 35 TDI S tronic leistet es - nicht erst seit 2019 - 163 PS und reicht über ein Doppelkupplungsgetriebe mit sieben Stufen gewohnt souverän ein maximales Drehmoment von 380 Newtonmetern an die Vorderräder weiter. Da kann man an der Kreuzung die Räder schon mal versehentlich durchdrehen lassen. Für den Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 benötigt der Fahrer nämlich 8,5 Sekunden und in der Spitze müssen auf freien Autobahnpassagen dann auch 222 km/h langen, was im Vergleich zur Konkurrenz eher schwach ist.

Nein, das klingt wirklich nicht nach einem Sportwagen, ist aber im Testwagen so fein abgestimmt, dass es überhaupt nicht stört. Nicht mal der Pilot mit dem häufig ermattenden rechten Fuß wird hier unnötigen Verzug spüren. Denn das Paket ist so rund, dass der Wagen, solange man nicht den Kampf mit allen an der Kreuzung sucht, das Gefühl vermittelt, schneller zu sein, als das Datenblatt glauben macht. Letztlich wäre das auch dem Verbrauch nicht zuträglich. Denn bewegt man den 35 TDI im launigen Wechsel zwischen Stadt, Landstraße und Autobahn, erfreut er den Besitzer mit einem Verbrauch von 6,1 Litern. Heizt man über die Schnellstraßen oder bewegt den Diesel nur auf der Kurzstrecke im Stadtverkehr, quittiert das die Tankanzeige mit über 9 Litern.

Kein Hochstapler

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Mit 495 bis 1495 Litern Stauraum geht in den Audi A4 Avant einiges rein.

(Foto: Holger Preiss)

Ergo: Wer den Audi A4 Avant 35 TDI normal sportlich bewegt, der sollte sich auch über den recht genügsamen Edel-Transporter freuen. Das ist der Ingolstädter mit einem Kofferraumvolumen von 495 Litern, das sich bei komplett umgelegter Rückbank auf 1495 Liter erweitern lässt, auf jeden Fall. Zwar wird der Ladeboden nicht ganz plan, aber selbst ein 28er Damenfahrrad verschwindet hier. Aber Obacht, im Audi-Kofferraum lässt sich nicht besonders hoch bauen, denn die Dachlinie fällt eher sportlich nach hinten ab. Dafür soll hier lobend die End- und Verriegelung der Kofferaumabdeckung und des Kofferaumtrennnetzes erwähnt werden. Beide lassen sich nahezu einhändig abnehmen und wieder anbringen.

Ordentlich sind auch der Sitzkomfort und das Platzangebot in der zweiten Reihe. Warum aber eine USB-Buchse für die Fondpassagiere nicht serienmäßig vorhanden ist, sondern 75 Euro extra kostet, erschließt sich wie bei einigen anderen kostenpflichtigen Zugaben nicht. Natürlich ist es am Ende nicht die Vielzahl dieser Kleinigkeiten, die den Preis von 43.350 Euro auf 57.070 Euro ansteigen lässt, aber sie tragen eben dazu bei. Auch die sehr zu empfehlenden Sportsitze für 375 Euro machen den Kohl nicht fett. Jedenfalls solange nicht, bis man sich entscheidet, sie mit Sitzbelüftung für 1205 Euro und mit Kunstlederbezügen für 1070 Euro zu bestellen.

Das belastet das Konto

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Die Sitze im Audi A4 Avant geben keinen Grund zur Kritik. Auch im Fond ist nicht üppig, aber ausreichend Platz.

(Foto: Holger Preiss)

Das Konto wird aber auch durch eine 3-Zonen-Klimaautomatik für 695 Euro, eine induktive Ladeschale für 450 Euro oder durch elektrisch einstellbare und automatisch anklappbare Außenspiegel für 350 Euro geschmälert. Richtig ins Geld gehen die Assistenzsysteme oder das digitale Zentral- und Head-up-Display. Wer beispielsweise das digitale Komplettprogramm in Form der MMI-Einheit mit Navi plus und großem Touchscreen bestellt, der muss mit 2245 Euro erneut tiefer in den Geldbeutel greifen.

Sicher, über die Hersteller hinweg lässt man sich diese feinen Beigaben fürstlich bezahlen. Wenn man sie dann aber erstmal hat, möchte man sie auch nicht mehr missen. Gleiches gilt für die Assistenzsysteme wie adaptiven Spurhalter, Park-Assistent, Verkehrszeichenerkennung, adaptive Geschwindigkeits- und Abstandsregelung oder das eben schon erwähnte Head-up-Display. Dessen Justierung, und auch das ist eine Besonderheit von Audi, erfolgt ganz einfach über einen kleinen Knopf links neben dem Lenkrad. Hier erspart man sich langes Suchen im Menü der Multimediaeinheit, von der man eh nicht versteht, warum sie so unmotiviert ans Dashboard geklatscht wurde.

Irgendwas fehlte

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Das Interieur im Audi A4 Avant wirkt absolut schlüssig. Nur der Monitor macht den Eindruck, als wäre er nachträglich auf das Dashboard gebracht worden.

(Foto: Holger Preiss)

Dabei wirkt das Interieur im Audi A4 in sich absolut schlüssig. Der Betrachter kann den Linien folgen, begreift, warum die Luftauslässe sich wie ein Band über die Armatur erstrecken, warum die schon erwähnte Wahl zwischen analogen und digitalen Einstellmöglichkeiten vorhanden sind, ist sogar vom schlichten Design der einzelnen Bedienelemente auf dem Touchscreen begeistert. Umso weniger ist aber nachzuvollziehen, warum genau dieses Teil wie ein Fremdkörper wirkt. Es macht den Eindruck, als wäre irgendwann der Chefingenieur in die Designabteilung gekommen und hätte weit nach der Abnahme aller Elemente gemeint, dass man doch noch diesen Monitor bräuchte.

Egal, vergessen hat das Design jedenfalls im Vorfeld schon die Praxistauglichkeit mit Blick auf mögliche Ablageflächen. Hier gibt sich der Audi A4 bis in die Türinnentaschen doch recht bescheiden. Auch in der Mittelkonsole ist nicht viel Platz und selbst ein Brillenfach im Himmel fehlt, obgleich der Testwagen kein Glasdach hatte. Dafür gibt es aber auf der Fahrerseite eine Art zweites Handschuhfach, das wiederum ordentlich was wegstecken kann. Nun mag man sich mit all diesem Umstand durchaus arrangieren können, denn außer dieser leisen Kritik gibt es am Audi halt nur noch den Preis zu bekritteln, der für ein Auto im Kompaktsegment mit 57.070 Euro nicht gerade in die Kategorie für jedermann fällt.

DATENBLATTAudi A4 Avant 35 TDI S-tronic
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,76m/ 1,85 m/ 1,43 m
Radstand2,82 m
Leergewicht (DIN)1650 kg
Anhängelast1700 kg
Sitzplätze5
EmissionsklasseEU 6d-Temp
Motor/HubraumR4 Diesel mit TwinPower Turbolader und 1968 Kubikzentimetern Hubraum
Getriebe7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Leistung163 PS (120 kW) bei 3215 - 4200 U/min
KraftstoffartDiesel
Tankinhalt40 Liter (Erweitert 54 Liter)
Kofferraum495 - 1495 Liter
Höchstgeschwindigkeit222 km/h
max. Drehmoment380 Nm bei 1500 - 2750 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,5 s
Normverbrauch (kombiniert) NEFZ3,9 l
Testverbrauch6,1 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
110 - 101 g/km
Grundpreis43.350 Euro
Preis des Testwagens57.070 Euro

Fazit: Der Audi A4 Avant 35 TDI ist nach wie vor ein schicker Kombi, der fast alle Ansprüche an Sportlichkeit, Komfort und Technik erfüllt. Ob er im Endeffekt gegen die ärgsten Konkurrenten wie Mercedes C-Klasse T-Model und BMW 3er Touring eine Chance hat, wird wohl für viele der Preis entscheiden. Und hier hat der Audi um paar Tausender die Nase vorn.

Quelle: ntv.de