Praxistest

RS6Kombi für die Rennstrecke

16.02.2008, 16:20 Uhr

Der RS6 ist sicher die schnellste und mit 106.900 Euro wahrscheinlich kostspieligste Möglichkeit, 630 Kilo Ladung von A nach B zu transportieren.

Eherne Grundsätze sind im Automobilbau selten. Wer allzu prinzipientreu ist, kann schnell die Zeichen der Zeit verpassen. So ist das wohl auch bei Audi, denn einstmals galt, dass kein Fahrzeug mit den vier Ringen über mehr Leistung verfügen solle, als das Spitzenmodell der größten Baureihe, der A8 W 12. Die Ingolstädter hielten sich gleichfalls an das stillschweigende Übereinkommen mit Mercedes und BMW, die Spitzengeschwindigkeit ihrer Pkw bei 250 km/h elektronisch einzubremsen.

Beides gilt nur noch bedingt. Das Coupé R8 wird ganz offiziell mit einer Höchsttempo von 301 km/h angeboten und nun ist auch noch der RS 6 Avant da, der mit 580 PS Nennleistung alles in den Schatten stellt, was Audi je an Serienfahrzeugen gebaut hat. Erzeugt wird diese Kraft in einem V10-Zylindermotor mit Direkteinspritzung und zweifacher Turboaufladung. Selbst die Ikone des deutschen Sportwagenbaus – der Neunelfer Turbo – sieht angesichts von 100 PS weniger dagegen äußerst blass aus.

Der darf freilich über 300 km/h fahren, was dem Audi-Kombi verwehrt ist. Gegen ein schmales Entgelt von maximal 2000 Euro kann sich der solvente Kunde den elektronischen Tempobegrenzer von 250 auf 280 km/h hinausschieben lassen, dann ist endgültig Schluss. Die Frage, "warum nicht 300?", die technisch zweifellos möglich wären, ist genauso müßig wie "Warum baut Audi so ein Auto überhaupt?" Ganz einfach: Weil sie es können.

Kombi für die Rennstrecke

Übermotorisierte Straßen-Boliden funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Niemand braucht sie, aber viele wollen sie. Rund 8000 Exemplare des RS6 voriger Generation sind weltweit abgesetzt worden, und da der Wohlstand bei einer gewissen Klientel in Russland, den Emiraten oder China seither nicht abgenommen hat, dürfte auch der Neue gute Verkäufe erzielen. In Deutschland wird der Renn-Kombi natürlich ebenfalls geschätzt, wo von der letzten Serie etwa 1600 Exemplare abgesetzt wurden.

Und während Ferrari oder Lamborghini, die leistungsmäßig in der gleichen Liga antreten, Platz für zwei Insassen und allenfalls einen Schminkkoffer vorhalten, spielt der Audi seinen speziellen Charme aus: Platz für die vier- oder fünfköpfige Familie und das Feriengepäck. Der RS6 ist sicher die schnellste und mit 106.900 Euro wahrscheinlich kostspieligste Möglichkeit, 630 Kilo Ladung von A nach B zu transportieren.

Aber was heißt schon kostspielig? Teuer ist relativ, vor allem im Sportwagenbereich. Porschekunden sind bereit, für jedes PS ihres 911 Turbos 291 Euro hinzublättern, beim Lamborghini Gallardo sind es schon 311/PS. Ferrari schröpft die Käufer des 599 GTB gar mit 342 Euro je Pferdestärke, da erscheint der Audi mir schlappen184 Euro glatt als Schnäppchen.

Selbstverständlich lässt sich diese Relation auch unter dem Logo der vier Ringe spürbar verschlechtern. Mit Schalensitzen (+2800 ?), 20-Zoll-Aluguss-Rädern (3900) oder Keramikbremsen (8200) kann man den Preis in die Höhe treiben. Eine atemberaubende Fahrmaschine ist der RS6 aber schon in der durchaus nicht unkomfortablen Basisausführung. Wer auf die Sonderausstattungen verzichtet, sollte das gesparte Geld lieber für die Anmietung einer Privatrennstrecke verwenden. Derartiger Auslauf entspricht der artgerechten Haltung dieses Asphaltraubtieres.

Infernalisches Röhren beim Kickdown

Auf der Landstraße hat der Fahrer sein Vergnügen, dass der Zweitonner sich mit der Handlichkeit eines Kompaktautos bewegen lässt. Er freut sich über die Spurtreue und das ausbalancierte Fahrwerk, das auch in schnellen Bergkehren keinen Zweifel daran aufkommen lässt, präzise den Lenkbefehlen zu folgen. Der Auto klebt förmlich an der Straße, baut unwiderstehlich Tempo auf, wenn mal zwei Lkw am Stück überholt werden müssen und ist bei alledem auch mit hektischen Spurwechseln nicht aus der Ruhe zu bringen.

Mit der Sicherheit von Kiesbett und Fangzaun beiderseits der Piste ist aber noch mehr zu erleben. Das Gaspedal braucht einen kräftigen Tritt, damit der V10-Biturbomotor den Leistungsabruf mit einem infernalischen Röhren beantwortet. Der zweiflutigen Abgasanlage ist ein so genannter Übersprecher beigegeben, eine röhrenartige Verbindung zwischen den Systemen, die ab etwa 4000 Umdrehungen die Resonanzen so verteilt, dass ein fetter, dem gewaltigen Schub von 650 Newtonmetern entsprechender Sound entsteht.

Die Quattro-Kraft wird zu 60 Prozent auf die Hinterachse geleitet, was bei ausgeschaltetem ESP vergnügliche Drifts ermöglicht und bei zartem Untersteuern das Heck mit einem beherzten Gasstoß ums Eck wuchtet. Selbst nah am Limit vermittelt dieser Kraftprotz zu keiner Zeit das Gefühl, eigene Wege gehen zu wollen. Genügsamkeit stand Lieferwagen schon immer gut zu Gesicht, weshalb dem Audi RS6 zusätzlich zu Kultiviertheit und hohem Spaßfaktor vor allem eines bescheinigt werden kann: Er ist das ultimative Fahrzeug für den eiligen Hausmeisterdienst und den ambitionierten Pizza-Service.