Praxistest

Stealth-Jet für die StraßeLamborghini Murciélago

20.02.2007, 10:44 Uhr

Es gibt Autos, die machen Spaß. Und solche, die findet man atemberaubend. Schließlich gibt es ein paar, die rauben einem nicht nur den Atem, sondern auch das Vokabular.

Von Axel F. Busse

Es gibt Autos, die machen Spaß. Und solche, die findet man atemberaubend. Schließlich gibt es ein paar, die rauben einem nicht nur den Atem, sondern auch das Vokabular. Weil die Adjektive knapp werden, ihre Eigenschaften passend zu beschreiben. Zu dieser Kategorie gehört der Lamborghini Murciélago LP 640 Roadster.

Schon das Aussprechen des Namens dauert länger, als der Wagen zum Beschleunigen von 0 auf 100 km/h braucht. 3,4 Sekunden sagt das Datenblatt, beim Vorgängermodell waren es 3,8. Mag sein, dass der Unterschied nicht spürbar ist, für Sportwagenbauer ist er aber extrem wichtig. Sie messen an Zeiträumen, die etwa ein Fingerschnippen braucht, ihr technisches Können und ihre Fähigkeit zur Weiterentwicklung.

Nicht nur die Beschleunigung, auch das ohrenbetäubende Getöse, das dabei entsteht, räumen letzte Zweifel beim Insassen aus: Ein "Pkw" im eigentlichen Sinne ist dieser Lamborghini nicht. Und wer zum Vergleich die Leistungswerte von Rennwagen zum Beispiel aus der American Le Mans Serie heranzieht, weiß auch warum: Mit 640 PS kann man Rundstreckenrennen gewinnen.

Schon ohne den Zusatz LP 640 war der Murciélago Roadster eine Fahrmaschine der Extreme. Extrem schnell, extrem hart, extrem teuer. Das Nachfolgemodell ist von allem ein bisschen mehr. Aus Sicht des Direktors der technischen Entwicklung bei Lamborghini, Maurizio Reggiani, stellt die Steigerung von 580 auf 640 PS einen "Evolutionssprung" dar: "Der Motor hat eine wichtige und tiefgreifende Überarbeitung erfahren. Die Zylinderköpfe sind ebenso eine komplette Neukonstruktion wie der gesamte Ansaugtrakt. In Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit gehören wir zur absoluten Spitze der Supersportwagen."

"Meine Villa, meine Yacht, mein Lambo"

Für den Kundenkreis, den der LP 640 Roadster anspricht, dürfte die Möglichkeit, 330 km/h fahren zu können, eher von theoretischer Bedeutung sein. "Meine Villa, meine Yacht, mein Lamborghini" lautet der Dreiklang, der an der amerikanischen Westküste und in Florida den besten Nachhall hat. Die Dichte dieser Fahrzeuge mit dem geschossähnlichen Design ist dort am größten. Und weil Regen dort ein eher seltenes Naturereignis ist, kann man auch auf ein vernünftiges Dach verzichten. Das blieb nämlich von der Weiterentwicklung unberührt.

Wer die schwarze Plane auseinander faltet und beginnt, mit Spannrohren und Seitenbügeln zu hantieren, für den bekommt der Name Murciélago (spanisch "Fledermaus ") mitunter eine ganz neue Bedeutung. Klarer Fall, das Auto ist zum Offenfahren konstruiert, aber Tatsache ist auch, dass ein derartiges Notdach einem Cabrio für einen Zehntel des LP-640-Preises nicht verziehen würde. Kleine Unzulänglichkeiten wie Außenspiegel ohne Tote-Winkel-Erfassung oder eine bei Lichteinfall unkenntliche Fahrstufenanzeige der Automatik sind Peanuts in der Liga der Supersportwagen, wo Exklusivität und Performance mehr bedeuten als alles andere.

Die verschämten Blicke der SL-und 911er-Fahrer, die offenen Beifallsbekundungen der Pick-Up-Lenker, die gezückten Foto-Handys beim Ampelstopp das ist die Welt, in der sich der Murciélago-Pilot bewegt. Vom sanften Grollen der zwölf Zylinder im Leerlauf braucht es nur eine winzige Fußbewegung bis zum Schmettern der Trompeten von Jericho. Die infernalische Soundkulisse ab etwa 4.000 Umdrehungen macht CD-Radio wie Freisprechanlage gleichermaßen überflüssig. 350 Quadratzentimeter groß gähnt der Schlund am hinteren Stoßfänger, durch den das druckvolle Dutzend seine Verbrennungsgase entsorgt.

Als wollten die entfesselten Vollblüter den Schallwellen davon galoppieren, presst der Roadster seine Insassen in die Lederschalen. Das muss es wohl gewesen sein, was der Chef des Umweltbundesamtes mit "Kavallerieregimenter unter der Haube" meinte. Dank der tiefen Sitzposition zerrt die Zugluft nicht im gleichen Maße an den Passagieren wie die Geschwindigkeit zunimmt. Damit die Pferde nicht durchgehen, wird die Kraft über alle vier Räder auf den Asphalt gedrückt und von der Traktionskontrolle im Zaum gehalten. "Longitudinale posteriore", die italienische Beschreibung für den Motoreinbau längs hinten flüstert der Zeit messende Beifahrer vor sich hin, während nach nur einem Gangwechsel die 100 m/h-Marke fällt.

Stealth-Jet für die Straße

Die Optik steht der Leistung nicht nach. "Neue Heckleuchten sowie das asymmetrische Design der Seitenpartien verleihen dem Murciélago LP640 Roadster ein noch aggressiveres und unverwechselbares Erscheinungsbild, " sagt Maurizio Reggiani. Freilich hat es auch dem 350-mal verkauften Vorgänger weder an Aggressivität noch Unverwechselbarkeit gefehlt. Wie ein Stealth-Jet für die Straße duckt sich der Roadster in seine nicht mal 1,15 Meter hohe Silhouette.

Handfertigung, die reichliche Verwendung teuren Materials wie Titan, Magnesium, Kohlefaser und Leder tun ein Übriges, die Wünsche der erlesenen Kundschaft nach Individualität zu erfüllen. Für sie sind 282.000 Euro nicht der Kreditrahmen für die Eigenheim-Finanzierung, sondern unvermeidliche Aufwendungen zur Ergänzung des Fahrzeugbestandes. Ihnen dürfte kaum auffallen, dass jede Pferdestärke beim LP 640 Roadster mehrwertsteuerbereinigt sogar sieben weniger Euro kostet als beim Vorgänger.

Sehr viel offensichtlicher ist da doch die soziale Komponente des Supersportwagens. Ebenso wie vom Fahrer manches Kleinwagens wird hier der beherrschte Umgang mit den Möglichkeiten verlangt. ESP gibt es nämlich keines nicht für Geld und gute Worte.