Praxistest

Superheld als Stromerschnäppchen MG Marvel R - ein Elektroauto zum fairen Kurs

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Typisch Elektroautofront - ein Kühlergrill ist hier obsolet. Die LED-Tagfahrlichter des MG Marvel R sehen schneidig aus.

(Foto: Patrick Broich)

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Ein großes Familien-SUV mit elektrischem Antrieb für überschaubares Geld? Scheint mit dem MG Marvel R Electric möglich. ntv.de hat den großen Stromer ausgiebig getestet.

Wie kommen die Marketingstrategen der ehemals britischen und jetzt chinesischen Marke MG eigentlich ausgerechnet auf den Modellnamen Marvel? Vielleicht entpuppt sich der 4,67 Meter lange Multifunktions-Stromer ja als Superheld, aber das ist ntv.de zumindest im Rahmen des Tests nicht aufgefallen.

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Dass der Marvel ein stattlicher Kerl ist, kaschiert er gut. Mit knapp 4,70 Metern Länge gehört er der Mittelklasse an.

(Foto: Patrick Broich)

Die Marke MG gibt allerdings Gas - beziehungsweise Strom - und kann sich nicht beschweren angesichts mehr als 15.000 Zulassungen in Deutschland allein im letzten Jahr. Ob wenigstens das eine Superhelden-Leistung ist, mag jeder selbst bewerten. Aber als Newcomer-Marke ist eine solche Präsenz auf der Straße zumindest beachtlich. Selbst in alter Konstellation unter der MG-Rover-Group konnte das Label in Deutschland im Jahr 2003 keine 5000 Exemplare absetzen.

Okay, lass' mal die Fakten auf den Tisch legen. Ziemlich praktisches Auto, der Marvel R. Allradantrieb mit insgesamt drei Elektromaschinen und ansehnliche 288 PS - zum Listenpreis von exakt 49.205 Euro als Performance-Ausgabe. Dazu kommen noch 1250 Euro Transportkosten, allerdings darf der Kunde wiederum 4500 Euro Förderung abziehen, die im Gesamtjahr 2023 für Privatkunden und bis Herbst auch noch für gewerbliche Kunden gilt. Damit ist der Marvel ein Schnäppchen, zumal er auch noch bis Oberkante Unterlippe vollgepackt ist mit aller erdenklichen Fahrerassistenz und Features wie elektrischer Heckklappe, Navigationssystem, 360-Grad-Rückfahrkamera, elektrisch verstellbaren und klimatisierten Teilledersitzen sowie adaptivem Tempomat.

Preis für Innenarchitektur gewinnt er nicht

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Der MG Marvel sieht durchaus gefällig aus.

(Foto: Patrick Broich)

Das klingt richtig gut und macht neugierig auf ausgiebige Probefahrten. Der erste Sitzcheck offenbart jedenfalls schon mal, dass die bei chinesischen Marken oft monierten Geruchsprobleme hier kein Thema sind. Auch das Finish und die Materialien gehen in Ordnung, wenngleich jetzt nicht Superpremium erwartet werden darf bei diesem Kurs. Dekorelemente und Leder und sowieso der ganze Innenausbau sind jetzt nicht verdächtig, Architekturpreise zu gewinnen - beschweren kann man sich jedoch nicht.

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An Displayfläche mangelt es nicht, allerdings reagiert der große Touchscreen nur auf sehr festes Drücken.

(Foto: Patrick Broich)

Doch irgendwie muss sich der niedrige Grundpreis doch niederschlagen. Na klar, der zwar riesengroße Touchscreen braucht definitiv noch Feinschliff, wenngleich er witzige Gimmicks bietet wie das Anzeigen des aktuellen Wetters. Auch eine Smartphone-Integration läuft auf dem knapp 20 Zoll großen Monitor, um Apple CarPlay oder Android Auto zu unterstützen. Man muss aber zu fest drücken, bis ein Befehl angenommen wird. So wird es zum Geschicklichkeitsspiel, beispielsweise die richtige Temperatur einzustellen. Und ist diese dann mal erst einmal gewählt, hat die Klimaanlage Mühe, sie zu halten. Mal pustet es zu kalt, mal zu warm - die Luftverteilung anzupassen, ist schwierig. Immerhin: Frieren müssen die Passagiere nicht.

Mit dem Zweiganggetriebe gibt sich der 4x4 innovativ

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Modern und aerodynamisch: Die Türgriffe klappen nach dem Losfahren ein.

(Foto: Patrick Broich)

Und auch nicht am Berg verhungern, wenn es daran ist, einen langsamen Laster zu überholen. Vor allem im unteren Geschwindigkeitsbereich reißt der Marvel AWD selbst für seine Potenz in Höhe von 288 PS überdurchschnittlich giftig an. Binnen 4,9 Sekunden soll er auf 100 km/h sprinten - der Wert wirkt realistisch, ohne eine exakte Messung vorliegen zu haben. Das dürfte auf seine zwei Gänge zurückzuführen sein, eine Lösung, die bisher nur bei den Boliden Audi E-Tron GT und Porsche Taycan zum Einsatz kommt und im Marvel wunderbar funktioniert. Keine Spur von Ruckelei oder Zugkraftunterbrechungen. Oben herum wird der Allradler dann zahmer, erreicht übrigens auch nur 173 km/h (selbst im Sportmodus) und nicht die 200 Sachen, die laut Prospekt versprochen werden.

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Reisen im MG Marvel macht auch hinten Spaß. Das Platzangebot fällt vorzüglich aus.

(Foto: Patrick Broich)

Doch was soll's, der 1,9-Tonner muss schließlich keine Temporekorde aufstellen, sondern ein solider Tourer sein. Daher gibt es ein dickes Lob für die Sitze, aus denen man selbst nach einem langen Trip noch glücklich aussteigt. Dafür könnte das eine Spur zu straffe Fahrwerk etwas Tuning vertragen - eine Nummer geschmeidiger wäre eine Maßnahme.

Auch die Reichweite (im Prospekt zwar mit 370 Kilometern laut WLTP angegeben) ist in der Praxis eher mau. Natürlich hängt diese bei batterieelektrischen Fahrzeugen bekanntermaßen von der Außentemperatur und der Fahrweise ab - aber 214 Kilometer bei vollem Akku und 12 Grad Celsius Außentemperatur bei moderater Autobahnfahrt sogar deutlich unterhalb von Richtgeschwindigkeit sind zu wenig. Zumal sämtliche Versionen serienmäßig über eine Wärmepumpe verfügen. Drei E-Maschinen saugen die 70 kWh (brutto) große Batterie dann eben doch schnell leer, was sich natürlich auch in den Treibstoffkosten manifestiert.

Schnelles Laden ist seine Sache nicht

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Schwer in Mode gekommen: durchgehende Leuchtbänder. Beim Marvel ist der Mittelteil sogar markant illuminiert.

(Foto: Patrick Broich)

Aber man darf nicht vergessen, dass chinesische Autohersteller extrem schnell lernen und der Marvel ja bereits seit 2018 auf dem chinesischen Markt vertrieben wird. Insofern ist auch nicht verwunderlich, dass die Ladeperformance moderat ausfällt. Sei es, weil der technische Stand nicht ganz aktuell ist oder die Fahrgewohnheiten in China anders sein mögen. Bei etwas mehr als 90 kW Ladeleistung ist jedenfalls Schluss. Heißt in der Praxis: Wer mit annähernd leerer Batterie zur Gleichstromsäule fährt, muss etwa 40 Minuten Geduld mitbringen, um etwa 200 moderat gefahrene Autobahnkilometer zu generieren.

Wichtig zu wissen auch: Im Test startete der Ladevorgang lediglich bei ausgeschaltetem Fahrzeug. Fährt man an die Ladesäule, legt "P" ein, um dann schnell den Stecker anzustöpseln, erlebt man also womöglich einen Abbruch der Kommunikation zwischen Auto und Säule. Das ist nicht weiter schlimm, aber sollte berücksichtigt werden, damit kein Verdruss aufkommt.

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Mit knapp 1400 Litern Kofferraumvolumen ist der MG Marvel definitiv baumarkttauglich.

(Foto: Patrick Broich)

Zum Abschluss noch ein Wort zur Praktikabilität - nach Umklappen der Rücksitzlehnen passen rund 1400 Liter in das hintere Abteil, was selbst Hobbyhandwerker glücklich macht. Und üppiges Gepäck für vier Personen passt sogar in den grundkonfigurierten Kofferraum mit stehender Rücksitzbank.

Außerdem ist der MG Marvel dank Vehicle-to-Load-Funktion in der Lage, als Betreiberstation für elektrische Geräte oder sogar als Lader für E-Bikes zu herzuhalten. Was möchte man mehr.

Datenblatt

MG Marvel R Electric AWD Performance

Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)

4,67/1,62/1,62 m

Radstand

2,80 m

Leergewicht (DIN)

1920 kg

Sitzplätze

5

Ladevolumen

357 bis 1396 Liter

Motorart

Drei Permanentmagnet-Synchronmotoren, einer vorn und zwei hinten

Getriebe

Zweigang-Automatikgetriebe

Systemleistung

212 PS (288 kW)

Antrieb

Allradantrieb

max. Drehmoment

2x 255 Nm + 155 Nm

Beschleunigung 0-100 km/h

4,9 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit

200 km/h

Akkukapazität

70 kWh

Maximale Ladeleistung (Gleichstrom)

< 90 kW

Ladeleistung (Wechselstrom)

11 kW

Verbrauch (kombiniert)

20,9 kWh/100 km (WLTP)

kombinierte WLTP-Reichweite

370 Kilometer

CO₂-Emission kombiniert

0 g/km

Grundpreis

Ab 49.205 Euro

Fazit: Der MG Marvel R Performance bietet verdammt viel Auto für verhältnismäßig wenig Geld - das ist erst einmal Fakt. Allerdings hat er auch seine Schwächen. Mit denen kann man allerdings leben angesichts des überschaubaren Preises. Der vergleichsweise junge SAIC-Konzern wird das wissen und arbeitet garantiert schon am Nachfolger. Ob der dann jedoch noch so günstig sein wird, muss sich zeigen.

Quelle: ntv.de

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