Praxistest

Der hat was Nissan Qashqai - mit etwas Nachdruck bitte

DSC_4757.jpg

Der neue Nissan Qashqai darf deutlich stolzer in die Zukunft blicken als seine jüngeren Vorgänger.

(Foto: Holger Preiss)

Schärfer gezeichnet und mit vielen Neuerungen tritt der Nissan Qashqai zum Praxistest bei ntv.de an. Und tatsächlich macht der Japaner nicht nur äußerlich eine gute Figur. Wenn da nur nicht dieses Ding mit dem permanenten Nachdruck wäre, dann hätte der Japaner fast alles.

Man soll ja nicht in der Vergangenheit leben, denn dafür hält die Zukunft viel zu viel bereit, heißt es. Irgendwie macht das natürlich auch Nissan mit dem neuen Qashqai, dessen Vorfahre ja für die Begründung des Segments der Crossover steht. Doch vom einstigen Bestseller in den Verkaufslisten ist der Japaner in eine gewisse Stille zurückgekehrt und lebte bis zu seinem jetzigen Auftritt eher die asiatische Bescheidenheit. Nicht, dass das kompakte SUV jetzt laut kreischend zum Praxistest bei ntv.de vorgefahren wäre. Aber im Vergleich zu seinen Vorgängern hat er sich, was sein Äußeres angeht, schon in ein schnittigeres Blechkleid gehüllt, das den einen oder anderen Blick der Passanten am Straßenrand auf sich zieht.

DSC_4837.jpg

Auch am Heck haben die Designer die Optik des Nissan Qashqai deutlich verschärft.

(Foto: Holger Preiss)

Natürlich weiß der Leser, dass der Schein immer trügen kann und damit gehen wir gleich ans Eingemachte. Und das sitzt momentan noch unter der Haube und wird auch auf Qashqai-Lebenszeit so sein, denn die Japaner werden den Burschen weder als Plug-in-Hybrid noch als Elektroauto anbieten. Auch mit einem Dieseltriebwerk wird es den Crossover nicht mehr geben. Also pumpt unter der Haube des Testwagens ein Reihen-Vierzylinder mit einem Hubraum von schmalen 1332 Kubikzentimetern, aber in seiner stärksten Ausführung mit 158 PS und einem maximalen Drehmoment von 260 Newtonmetern. Die werden aber über eine wirklich präzise und leichtgängig zu führende manuelle Sechsgangschaltung an die Vorderräder gereicht.

Flott mit dem rechten Fuß

Hört sich nach ausreichend Leistung für ein knapp 1,5 Tonnen schweres Gefährt an? Ist es auch. Allerdings gibt es eine Sache, die sehr, wirklich sehr gewöhnungsbedürftig ist: die Gasannahme. Zwar soll das maximale Drehmoment bereits ab 1800 Kurbelwellenumdrehungen anliegen, aber vor 3000 passiert ehrlich gesagt nichts und ab 4000 wäre es dann auch schon wieder vorbei. Diese verzögerte Gasannahme macht sich besonders bemerkbar, wenn man versucht, im zweiten Gang aus dem Rollvorgang - zum Beispiel an die Kreuzung - zu beschleunigen. Gelinde gesagt passiert auch hier: nichts. Und das, obgleich es sich hier um einen Mild-Hybrid handelt, der mit 12 Volt spürbare Vorteile bei der Drehmomententwicklung bringen soll.

21C0681_023.jpg

Etwas müde bei wenig Drehzahlen zeigte sich der Nissan Qashqai bei Leistungsabruf dann trotz 12-Volt-Architektur recht durstig.

(Foto: Holger Preiss)

Insofern gilt: Wenn man nicht sofort in den ersten Gang schaltet und vehement auf den Pinsel steigt, droht die Gefahr, dass sich alle anderen Verkehrsteilnehmer einem schneller nähern, als man sich gefühlt im Zeitlupentempo von der Kreuzung entfernen kann. Hat man diesen Umstand im Blick, gast man mit dem Qashqai natürlich kräftig an, dreht die Gänge weit aus, wenn man den nötigen Schub braucht. Das wiederum ist dem Spritverbrauch, der durch das Mildhybrid-System ebenfalls gesenkt werden soll, gar nicht zuträglich. Im Drittelmix genehmigte sich der Japaner dann auch 8,4 Liter über 100 Kilometer. Im Datenblatt sind 5,6 Liter vermerkt, die allerdings noch nach dem alten Messzyklus NEFZ ermittelt wurden.

Ist der Vierzylinder auf Touren, kann man nicht meckern. Vor allem im Sport-Modus macht er bei den richtigen Drehzahlen sogar richtig Spaß. Mit einem Standardsprint von 9,5 Sekunden reißt man hier natürlich nicht den Asphalt auf. Dafür ist man insgesamt im Verkehr gut dabei, kann auf der Autobahn auch mal richtig durchreißen. Nur mit den ebenfalls im Datenblatt vermerkten 206 km/h in der Spitze sollte man besser etwas später rechnen, denn dafür bedarf es Zeit und einer in jedem Fall planen Strecke. Was aber nicht heißt, dass der Qashqai keine Kurven kann. Die Ingenieure haben das Fahrwerk angenehm straff abgestimmt, was vielleicht nicht jedermanns Sache ist, aber garantiert, dass der Japaner flott um die Ecken schlenzen kann. Im Verbund mit der recht direkten Lenkung, die gerne etwas mehr Rückmeldung geben könnte, machen Fahrten um die Kehren dann richtig Spaß.

Nicht nur was für Fans der "USS Enterprise"

DSC_4912.jpg

Der Innenraum des Nissan Qashqai ist eine gelungene Symbiose aus Alt und Neu.

(Foto: Holger Preiss)

Da der Qashqai aber kein Sportwagen ist, wird es Zeit, auf die außergewöhnlichen Vorzüge einen Blick zu werfen, die so nicht mal bei der Konkurrenz zu finden sind. Subjektiv gesehen gelingt es den Japanern nämlich äußerlich und im Innenraum, Altgewohntes mit der neuesten Technik sehr charmant zu verbinden. Da wäre zum einen die gefällige Optik, die nicht versucht, nur die Jünger der "USS Enterprise" in den Bann zu schlagen, sondern auch den, der schon als Kind analoge Rundinstrumente in einem Auto liebte.

Dafür haben die Designer einen gesunden Wechsel zwischen analogen Knöpfen und Schaltern für die wichtigsten Funktionen sehr geschmackvoll verbaut. Sie haben auch die Grafik im Zentraldisplay des Fahrers genau diesen Gegebenheiten angepasst und das Ganze mit einer sehr gefälligen Farbgebung kombiniert. Hinzu kommen angenehm anzufassende Materialien im Innenraum und Sitze in einer Stoff-Leder-Kombination, die zum einen in der Kurve guten Seitenhalt bieten, zu anderen auch über längere Strecken kein Ungemach bereiten.

Auf immer verbunden

collage.jpg

Die Sitzgelegenheiten im Nissan Qashqai stimmen sowohl in der ersten als auch in der zweiten Reihe.

(Foto: Holger Preiss)

Doch es gibt eine Sache, die unterscheidet den Qashqai deutlich von der Konkurrenz. Und das ist nicht das brillante Head-up-Display oder die induktive Ladefläche für das Smartphone. Nein, es ist die Möglichkeit, die Verbindung zwischen Apple Carplay oder Android Auto über Bluetooth herzustellen. Ist dieser Vorgang einmal erlaubt, dann koppeln sich die Einheiten im Weiteren jedes Mal, wenn der Fahrer sein Fahrzeug besteigt. Ein sehr cooles Feature, das es bis dato vor allem in den Fahrzeugen des VW-Konzerns gibt. Allerdings entkoppeln sich hier die Systeme, sobald man zum Beispiel den DAB-Radio-Empfang nutzen, aber sich über die Smartphone-eigenen App navigieren lassen will.

Das passiert im Nissan nicht. Hier können die einzelnen Funktionen jederzeit parallel genutzt werden. Wer will, kann auch den Google Sprachassistenten oder Alexa nutzen, um den Qashqai sozusagen ins heimische Netzwerk zu integrieren. Auf Ansage kann dann schon im Wohnzimmer das Navigationsziel festgelegt werden. Steigt man ins Auto, ist es bereits auf dem Schirm. Wie in der "USS-Enterprise". Und das bei einer ausgesprochen passenden Ergonomie für den hochauflösenden 12,3 Zoll großen Touchscreen in der Mittelkonsole und den schon erwähnten Knöpfen und Schaltern.

DSC_4893.jpg

Mit dem doppelten Ladeboden im Nissan Qashqai kann nicht besonders hoch gebaut werden, aber die Ordnung stimmt im Heckabteil.

(Foto: Holger Preiss)

Und auch bei den Assistenzsystemen hat sich im Qashqai einiges getan. Die Verkehrszeichenerkennung arbeitet sehr zuverlässig und über einen schlichten Daumendruck an der entsprechenden Lenkradtaste kann die Geschwindigkeit je nach Bedarf erhöht oder verringert werden. Natürlich kann der Wagen auch mit dem richtigen Abstand anderen Fahrzeugen folgen und die Spur halten. Hier stößt der Handschalter dann eben nur an seine Grenze, wenn er unter- oder über tourt wird und der Fahrer nicht flugs den nächstbesten Gang einlegt. Ansonsten sind alle wichtigen Assistenzfunktionen über das Lenkrad zu bedienen, lediglich der Lenkradeingriff muss - wenn er nervt - unterhalb der linken Lüftungsdüsen deaktiviert werden.

Er bleibt ein Familienfreund

Treu geblieben ist sich der Qashqai, was seine Familientauglichkeit betrifft. Mit seiner kompakten Länge von 4,43 Metern und einem um knapp zwei Zentimeter verlängerten Radstand bietet er auch Passagieren in der zweiten Reihe genügend Platz, um längere Urlaubsfahrten schadlos zu überstehen. Auch bei den Ablageflächen haben die Designer mitgedacht und bieten neben den obligaten Fächern mit Flascheneinschub in den Türinnentaschen auch ein ordentlich dimensioniertes Fach in der Mittelarmlehne und ein Brillenfach im Dachhimmel. Der Kofferraum schluckt insgesamt 436 Liter, die sich auf Wunsch über einen doppelten Ladeboden verteilen. Der bietet mit zwei einzeln zu entnehmenden Trennböden dann auch eine gerade Ladefläche, die beim Umlegen der Rückenlehne der zweiten Reihe einen ebenen Stauraum von 1447 Litern bietet. Schrankwände kann man hier nicht transportieren, aber ein Fahrrad oder die Urlaubskoffer verschwinden allemal hinter der Kofferraumklappe.

DSC_4873.jpg

In jedem Fall ist der Nissan Qashqai ein schicker Alltagsbegleiter, der auch mal abseits fester Straßen fahren kann.

(Foto: Holger Preiss)

Blickt man jetzt auf den Preis des Testwagens, muss man feststellen, dass 37.230 Euro dann schon wieder eine ganze Stange Geld sind, die es hier zu investieren gilt. Allerdings wird der Preis von einem Winterpaket mit beheizbarer Frontscheibe, ebensolchen Sitzen und LED-Nebelscheinwerfern für 700 Euro zusätzlich in die Höhe getrieben. Hinzu kommen eine elektrisch aufschwingende Heckklappe für weitere 600 Euro und das Fahrassistenzpaket-Pro mit Lenk-Assistent und Head-up-Display für 900 Euro. Wer auf das alles verzichtet, steigt bereits für 25.790 Euro in den Nissan Qashqai.

DATENBLATTNissan Qashqai 1.3 DIG-T Mild-Hybrid
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,25 / 1,83 / 1,62 m
Leergewicht (DIN)1422 - 1541 kg
Radstand 2,66 m
Sitzplätze5
Ladevolumen436 / 1447 Liter
MotorVierylinder-Benziner mit 1332 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang-Handschalter
Leistung116 kW/158 PS
KraftstoffartSuper
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit206 km/h
max. Drehmoment260 Nm bei 1800 - 4000 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h9,5 s
Normverbrauch (innerorts, außerorts, kombiniert) NEFZ6,9 / 4,9 / 5,6 l
Testverbrauch8,3 l
Tankinhalt50 Liter
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
128 g/km
EmissionsklasseEU 6d-ISC-FCM
Grundpreis25.790 Euro
Preis des Testwagens37.230 Euro

Fazit: Der Vater aller Crossover ist in der neuesten Auflage nicht nur äußerlich deutlich dynamischer geworden, er kann auch mit einem sehr gefälligen Innenraum punkten, der es versteht, die alte und die neue Zeit friedlich und sehr geschmackvoll zu vereinen. Was Käufer des 1.3 DIG-T Mild-Hybrid mit 158 PS nicht sein dürfen, sind Schnellstarter. Es sei denn, sie akzeptieren sehr aktive Schaltvorgänge, hohe Drehzahlen, einen schweren Gasfuß und den damit verbundenen Verbrauch. Andernfalls heißt es: Fahren mit einer gewissen Gelassenheit und Voraussicht.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen