Praxistest

SUV im Windrausch Range Rover Evoque Cabrio - Last oder Lust?

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Ein Blickfang ist das Range Rover Evoque Cabrio nicht nur wegen seiner Farbe Phoenix Orange für 1665 Euro extra.

(Foto: Holger Preiss)

Als der Range Rover Evoque 2011 das Licht der Welt erblickte, war er aufgrund seiner Coupé-Linien ein Eyecatcher. Fünf Jahre später kam das Cabrio. Bisher ein No-Go im Bereich der SUV. Aber wie schlägt sich der enthauptete Offroader in der Praxis?

Der Boom von Cabrios liegt weit zurück. Die Gründe, warum der Run auf die Sonnenanbeter zurückgegangen ist, sind mannigfaltig. Einer dürfte sein, dass die allseits gepriesene Offenheit in Fahrzeugtypen angeboten wird, die momentan einfach nicht en vogue sind. Das jedenfalls dürfte sich Jaguar Land Rover gesagt haben, als man auf den Gedanken kam, den Range Rover Evoque zu enthaupten. So gesehen wird der Name, der so viel wie "vor dem geistigen Auge hervorrufen" bedeutet, zum Programm.

Mit etwas Leichtigkeit

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Geschlossen und Offen, das Range Rover Evoque Cabrio bietet beide Optionen.

(Foto: Holger Preiss)

Wie, das verstehen Sie nicht? Nun, es war schon immer ein Leichtes für Autobauer, aus einem Coupé ein Cabrio zu machen. Betrachtet man den Evoque in seiner Seitenlinie, fällt auf, dass es sich hier um ein waschechtes SUV-Coupé handelt. Was wohl auch der Grund war, warum das Teil, als es 2011 auf den Markt kam, mit seinen Verkaufszahlen förmlich durch die Decke ging. Einen dreitürigen Offroader mit einer solch abfallenden Dachlinie, einer so hohen Schulterlinie und einer solch schmalen Fenstergrafik hatte der geneigte Crossover-Fahrer bis dato noch nicht gesehen. Also war der Schritt zum Stoffdach im Jahr 2016 technisch kein großer und sorgte beim Publikum noch einmal für großes Aufsehen.

Natürlich gehören Fahrzeuge der Kategorie Sonnenanbeter nicht zu den Autos, die man gemeinhin als alltagstauglich bezeichnen würde. Da macht auch das Range Rover Evoque Cabrio keine Ausnahme. Umso spannender war es für den Autor, herauszufinden, wie weit die tägliche Nutzung eines immerhin mindestens 51.000 Euro teuren Fahrzeuges durch die ihm gegebenen Einschränkungen, die die Gattung ihm auferlegt, zur Last oder zur Lust werden kann.

Kein lauer Wind

Fangen wir mit den Platzverhältnissen an: Die werfen wie zu erwarten in der ersten Reihe keine Fragen auf. In dem 4,37 Meter langen SUV findet selbst der 1,90-Meter-Mann ausreichend Platz. Die Sitze sind in der Ausstattungslinie HSE Dynamik mit feinem Windsor-Leder bespannt, geben sich ausreichend straff, ohne auf langer Strecke unbequem zu werden und lassen sich im Testwagen auch beheizen. Zudem sind sie elektrisch verstellbar, bieten eine Memory-Funktion, was sie auf Knopfdruck in die Lage versetzt, immer in die richtige Position zurückzufahren. Nicht ganz unwichtig, denn wie bei allen Dreitürern muss das Polster ganz nach vorne gefahren werden, damit die zweite Reihe zu entern ist.

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In der zweiten Reihe wird es eng, wenn der Fahrer die 1,86 Meter überschreitet.

(Foto: Holger Preiss)

Dort finden sich zwei Einzelsitze, die sich gut besetzen lassen, solange der Fahrer die Größe von 1,75 Meter nicht überschreitet. Spätestens ab 1,86 Meter können nicht mal mehr Kinder im Fond Platz nehmen. Das überrascht jetzt nicht wirklich und der Autor dieser Zeilen war aufgrund der Tatsache, früher Testfahrer bei Matchbox gewesen zu sein, von dieser Problematik befreit. Seine Kinder konnten sich jedenfalls unbeschwert auf der hinteren Sitzgruppe tummeln. Obgleich die kleinen Geister schon bemerkten, dass das dunkle Stoffdach, die fehlenden Türen und das schwarze Ambiente in der Ausstattung in Summe nur mit den Attributen "beengt" und "düster" zu beschreiben sind.

Dafür darf konstatiert werden, dass die Außengeräusche durch die Stoffmütze wunderbar weggefiltert werden. Anders wird es, wenn sich das Dach öffnet und den Fahrgästen der Wind um die Ohren weht. Auch hier ist es wie in jedem Cabrio hinten deutlich zugiger als direkt hinter der sehr flachen und weit nach oben gezogenen Frontscheibe. Etwas gemindert wird der Sturm mit dem händisch aufzubringenden Windshot und geschlossenen Scheiben. Nur der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass das Dach in 18 Sekunden öffnet und schließt und zwar bis zu einer Geschwindigkeit von 48 km/h. Interessanter ist schon, dass sich die Stoffhaube in Gänze versenken lässt und dass das keine Auswirkungen auf den Stauraum hat. Der bleibt mit 251 Litern gleich groß - oder besser: gleich klein. Drei mittlere Reisetaschen füllen das Gepäckabteil jedenfalls komplett aus.

Da ist ein Loch

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Ist die Stoffmütze im Heck verschwunden, kann es stürmisch werden.

(Foto: Holger Preiss)

Viel Platz für die Zuladung gibt es also nicht. Das hat auch sein Gutes, denn das Evoque Cabrio ist mit knapp 2,1 Tonnen ohnehin kein Leichtgewicht. Ein Umstand, der sich vor allem bei dynamischer Kurvenfahrt bemerkbar macht. Hier schiebt der offene Brite mit gar nicht so großer Seitenneigung fett über die 20-Zoll-Räder. Insgesamt ist der Sonnenanbeter mit dem im Testwagen verbauten 2,0-Liter-Vierzylinder-Diesel, der 240 PS leistet und einem maximalen Drehmoment von 500 Newtonmeter generiert, aber auch kein Sportwagen. Obgleich sich die technischen Daten anders lesen: In 8,0 Sekunden ist Tempo 100 erreicht und in der Spitze geht es bis 217 km/h.

Die letzte Zahl kann bedingungslos bestätigt werden, beim Antritt bleiben Fragen. Zwar sorgt eine Neungang-Automatik von ZF für die Kraftverteilung, die ist im Normalmodus aber etwas zögerlich. Was auch an dem nicht zu vertuschenden Turboloch liegen mag, das schon mal bei spontanem Leistungsabruf tief wie der Marianengraben scheint. Etwas deckeln kann der Pilot es, wenn er den Gangwahlhebel auf Sport stellt. Jetzt geht es deutlich spontaner voran, ändert aber nichts an der zuckeligen Schaltung, die sich vor allem im Stadtverkehr beim heranfahren an Kreuzungen und beim schon erwähnten spontanen Beschleunigen bemerkbar macht. Klar, wer will, kann das alles umgehen, wenn er die Schaltvorgänge über die gut zu erreichenden Schaltwippen hinter dem Lenkrad selbst einleitet.

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Der Arbeitsplatz des Fahrers erfreut durch gut zu erreichende Knöpfe, deren Logik sich trotz ihrer Anzahl schnell erschließt.

(Foto: Holger Preiss)

Die oben geschilderten Umstände führen auch dazu, dass das Evoque Cabrio kein Kostverächter ist. Wer richtig durchtritt, landet locker im zweistelligen Bereich. Für den Testzeitraum und gefahrene 1000 Kilometer standen 9,9 Liter auf der Uhr. Das lässt sich sicher noch um einen Liter reduzieren, weniger dürfte allerdings schwierig werden.

Allein im Nebel

Erfreulich, aber recht kostenintensiv sind die gut funktionierenden Assistenzsysteme. Da wäre zum Beispiel der Adaptive Geschwindigkeitsregler mit Stauassistent für 1135 Euro, der seine Arbeit im Zusammenspiel mit dem Spurhalteassistenten selbst bei Nebel und strömenden Regen absolut souverän erledigt. Das ist insofern erwähnenswert, weil die Sichtverhältnisse im Test nicht dazu angetan gewesen wären, Geschwindigkeiten bis zu 200 km/h zu fahren. Der Radar und die Frontkamera sahen hier besser als der Pilot. Klar, die letzte Kontrolle sollte der Fahrer über seinen Wagen haben und die selbst auferlegte Tempogrenze sollte unter der 200 liegen. Dennoch, das Geld für dieses Feature ist in jedem Fall gut angelegt.

Verzichtbar ist das Head-Up-Display, das wie beim Jaguar XF etwas schief in der Windschutzscheibe steht und, was die Brillanz der Darstellung betrifft, von der nachfolgenden Generation, die der Jaguar E-Pace anbietet, locker überflügelt wird. Auch das sogenannte Luxuspaket hat so einige Beigaben, die man nicht missen möchte. Für 4825 Euro gibt es nämlich eine 360-Grad-Kamera mit adaptiver Ein- und Ausparkhilfe, den Totwinkelwarner inklusive Annäherungssensor für querenden Verkehr bei Rückwärtsfahrten, die Verkehrszeichenerkennung, den schlüssellosen Zugang und ein Meridian-Soundsystem mit insgesamt 17 Lautsprechern. Ach das Windschott ist in diesem Paket enthalten.

Fazit: Am Ende stehen für das offroad-taugliche Spaßmobil mit Stoffhaube 83.764 Euro auf der Rechnung. Eine Menge Geld für ein Auto, das man trotz entsprechender Programme eher selten im Gelände bewegen wird und das aufgrund seiner Cabrio-Gene nur begrenzt Platz bietet. Was man zu diesem Preis aber auf jeden Fall erkauft hat, ist die Aufmerksamkeit der Mitmenschen. Denn ein SUV-Cabrio gibt es für den Moment tatsächlich nur von Land Rover und das noch so lange, bis VW seinen T-Roc enthauptet hat.

DATENBLATTRange Rover Evoque Cabrio HSE SD4
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,37 / 2,08 / 1,61 m
Radstand2,66 m
Leergewicht (DIN)2075 kg
Sitzplätze4
Ladevolumen251 Liter
Motor2.0 Liter 4-Zylinder-Ingenium Twinturbo-Diesel
Getriebe9-Gang-AUtomatik von ZF
Systemleistung Verbrennungs- und E-Motor240 PS (177 kW) bei 4000 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit216 km/h
Tankvolumen54 Liter
max. Drehmoment (Systemleistung)500 Nm bei 1500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,0 Sekunden
max. Böschungswinkel vorn in Grad23,2°
max. Böschungswinkel hinten in Grad31°
max Rampenwinkel in Grad18,9°
Bodenfreiheit in mm211 (Vorderachse), 255 (Hinterachse)
max Wattiefe in mm500
Normverbrauch (innerorts, außerorts, kombiniert)7,3 / 5,6 / 6,2 Liter
Testverbrauch (kombiniert)9,9 Liter
CO2-Emission kombiniert164 g/km /EU6
Grundpreis67.150 Euro
Preis des Testwagens83.764 Euro

Quelle: n-tv.de

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