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Der Jaguar XF Sportbrake ist im Vergleich zu den Mitbewerbern schon ein sehr sportlicher Zeitgenosse.
Der Jaguar XF Sportbrake ist im Vergleich zu den Mitbewerbern schon ein sehr sportlicher Zeitgenosse.(Foto: Holger Preiss)
Dienstag, 20. Februar 2018

Der dynamischste Lademeister?: Jaguar XF Sportbrake - richtig Druck am Heck

Von Holger Preiss

BMW, Mercedes, Audi und Volvo bieten sie an: die Lademeister im Premiumsegment. Jaguar hat seine Variante, den XF Sportbrake, erst im vergangenen Jahr wiederbelebt. Verstecken muss sich der Brite nicht. Schon gar nicht mit dem 3,0-Liter-V6-Diesel.

Mit 700 Newtonmeter maximalem Drehmoment an der Hinterachse des Jaguar XF Sportbrake kommt das Heck schnell in Bewegung.
Mit 700 Newtonmeter maximalem Drehmoment an der Hinterachse des Jaguar XF Sportbrake kommt das Heck schnell in Bewegung.(Foto: Holger Preiss)

Manchmal ist der Name wirklich Programm. Zum Beispiel beim Jaguar XF Sportbrake. Ja, natürlich handelt es sich bei der Bezeichnung um den großen Kombi der Briten, aber hier geht es um Sport. Denn primär ist die Raubkatze, bestückt mit dem bereits im Range Rover Velar lobend erwähnten 3,0-Liter-V6-Twinturbo-Diesel mit 300 PS und fast unbändigen 700 Newtonmetern Drehmoment, extrem dynamisch unterwegs. Und diese unglaubliche Kraft liegt bereits ab 2000 Kurbelwellenumdrehungen an und wird so direkt auf die Hinterachse geschmissen, dass sich der Fahrer des XF Sportbrake ein wenig wie ein Rodeo-Reiter fühlt, der seinen wilden Hengst unter Kontrolle bekommen muss.

Sportorientierten Fahrern dürfte das richtig Spaß machen, weil es einfach mit der Gesamtabstimmung des Wagens kooperiert. Jaguar hat es verstanden, das adaptive Fahrwerk für zusätzlich 1145 Euro so abzustimmen, dass in keinem Fahrmodus eine Frage abseits des Sports aufkommt. Selbst wer in Comfort unterwegs ist, muss mit der dem Track geschuldeten Härte leben. Aber keine Angst, für die Fahrgäste, die mit einem ordentlichen Platzangebot versorgt sind, bringt das keine nennenswerten Nachteile. Ja, die Querfuge ist spürbar, schlägt aber nicht bis ins Steißbein durch. Wer übrigens auf die flotten 20-Zoll-Felgen des Testwagens verzichtet, dürfte bereits etwas sanfter durch das Schlagloch gleiten.

Mal richtig fliegen lassen

Das Cockpit des Jaguar ist aufgeräumt und gut verarbeitet.
Das Cockpit des Jaguar ist aufgeräumt und gut verarbeitet.(Foto: Holger Preiss)

Im Zusammenspiel von Fahrwerk und wuchtigem Drehmoment an der Hinterachse neigt der XF allerdings dazu - schneller als es dem Fahrer unter Umständen lieb ist - mit dem Heck zu wedeln. Besonders behände geht es, wenn die Straße feucht ist. Hier wird der Ausspruch "Gummi in den Asphalt brennen" tatsächlich wahr. Weil Jaguar aber darum weiß, hat man in den Fahrmodi eine Stufe "Regen, Eis, Schnee" eingebaut, die das Drehmoment deutlich zurücknimmt und das Kraftpaket spürbar einbremst. Zudem erfolgt die Gasannahme verhaltener und selbst die sonst zackig schaltende 8-Gang-Automatik von ZF ist eingebremst. Das dient bei Schnee-, Regen- und Eisfahrten der Sicherheit, mindert aber tatsächlich den oben erwähnten Spaßfaktor.

Auf trockener Fahrbahn kann es der Pilot im enthemmten Sport-Modus natürlich auch mal krachen lassen. Während sich die Lichtstimmung im Fahrzeug rot färbt, das digitale Cockpit den Drehzahlmesser ins Zentrum des Interesses rückt und das Automatikgetriebe gleich zwei Stufen abwärts rast, schiebt das Heck so brachial an, dass es immens wichtig ist, die Vorderräder gerade zu stellen. Andernfalls überholt einen auch hier das Hinterteil schneller als erwartet. Wer aber vor vermehrtem Gummiabrieb keine Scheu hat, der hat den 300 PS starken Jaguar in 6,6 Sekunden auf Tempo 100 getrieben und sprintet problemlos bis zur elektronisch regulierten Endgeschwindigkeit von 250 km/h weiter.

Das Herz des Jaguar XF 30d Sportbrake: der 3,0-Liter-V6-Twinturbo-Diesel mit 300 PS.
Das Herz des Jaguar XF 30d Sportbrake: der 3,0-Liter-V6-Twinturbo-Diesel mit 300 PS.(Foto: Holger Preiss)

Erstaunlich ist, dass selbst bei hohen Geschwindigkeiten der Druck von der Hinterachse spürbar bleibt - was gerade in sehr schnell gefahrenen Kurven nicht zwingend für ein absolut sicheres Gefühl sorgt. Selbst bei 200 km/h hat man den Eindruck, dass ein unkontrollierter Gasstoß das Heck in eine ungewollte Richtung bewegen könnte. Ein beeindruckender und gleichsam zu bedenkender Umstand bei heißen Tempofahrten. Hier wünschte man sich ab und an einen Allradantrieb, wie er bei gleicher Motorisierung im Range Rover Velar zu finden ist. Bei nämlicher Kraft vermittelte das SUV hier mehr Spurtreue. Was in dieser Situation wiederum begeistert, ist die präzise Lenkung im Jaguar, die eine ausgezeichnete Rückmeldung zur Straße gibt.

Eine Lanze für den Diesel

Brechen wir an dieser Stelle noch eine Lanze für den großen Diesel. Ja, im Moment ist die Verunsicherung bezüglich der Selbstzünder groß. Politiker und Journalisten sind daran nicht ganz unschuldig. Fakt ist, dass der hier gefahrene V6 mit 154 g/km weniger CO2 ausstößt als der Vierzylinder Benziner mit 250 PS. Zudem erfüllt er ebenfalls die EU6-Norm und verbraucht natürlich wesentlich weniger Brennstoff. Selbst mit den oben beschriebenen exzessiven Ausritten, Fahrten im bergigen Gelände und in der Stadt, belief sich der Verbrauch nach 1600 Kilometern im Durchschnitt auf lediglich 8,3 Liter über 100 Kilometer. Und, kein Spaß, man kann den 3,0-Liter-V6 tatsächlich auch unter 8,0 Liter fahren. Ob - und auch das gehört zu modernen Dieselaggregaten - der AdBlue-Einfüllstutzen im Kofferraum richtig untergebracht ist, dürfte Ansichtssache sein. Aus Sicht des Autors ist das nicht besonders pfiffig.

565 Liter Kofferraum bietet der Jaguar XF Sportbrake. Wird die Rücklehne komplett umgelegt, erweitert es sich über eine plane Fläche auf 1700 Liter.
565 Liter Kofferraum bietet der Jaguar XF Sportbrake. Wird die Rücklehne komplett umgelegt, erweitert es sich über eine plane Fläche auf 1700 Liter.(Foto: Holger Preiss)

Apropos Kofferraum. Der hat mit 565 Litern hinter der elektrisch aufschwingenden Heckklappe eine Größe, die auf dem Niveau eines 5er BMW Touring oder eines Audi A6 Avant liegt. Knapp 90 Liter mehr bietet die E-Klasse im T-Modell von Mercedes. Für den täglichen Gebrauch, aber auch für größere Urlaubsfahrten, ist das Raumangebot absolut ausreichend. Nicht ausreichend sind hingegen die Ablageflächen im Innenraum. Die Türfächer fallen durch die sie überspannenden Armauflagen sehr flach aus, was es schier unmöglich macht größere Flaschen zu verstauen. Das Fach unter der Mittelarmlehne verdient den Namen nicht, dieweil sich hier nicht mal ein Brillenetui unterbringen lässt. Einen nennenswerten Stauraum bietet am Ende einzig das Handschuhfach.

Teure Annehmlichkeiten

Ansonsten erfreut der Jaguar durch ein volldigitales Cockpit, gut ausgeformte Lenkradbedientasten mit deutlich spürbaren Druckpunkten, klar angeordneten Schaltern zur Bedienung der 4-Zonen-Klimaanlage oder der Sitzheizung. Selbst die Lautstärke der Lieblingsmucke lässt sich über einen separaten Knopf unter dem 10-Zoll großen Touchscreen regeln. Über den können wiederum Navi, Telefon und natürlich auch Klima und Sitzheizung gesteuert werden. Natürlich bietet die Multimediaeinheit auch WLAN und damit Informationen zum Wetter. Das Navigationssystem ist dank Internet lernfähig und hilft dem Piloten auf Wunsch täglich den besten Weg von A nach B zu finden.

Auf wohlgeformten Sitzen nehmen die Reisenden im Jaguar XF Sportbrake Platz.
Auf wohlgeformten Sitzen nehmen die Reisenden im Jaguar XF Sportbrake Platz.(Foto: Holger Preiss)

Das alles lässt sich wunderbar aus Sitzen steuern, die mit perforiertem Windsor-Leder bespannt sind. Während die im Grundpreis des Testwagens von 67.660 Euro enthalten waren, ist die Aufpreisliste der optional erhältlichen Beigaben lang und wirklich nicht billig. Das Panoramadach kostet 1405 Euro, die 380-Watt-Premium-Soundanlage im Paket 2706 Euro und auch die stolze Flotte an helfenden Assistenzsystemen ist kein Nullsummenspiel. Wer das volle Brett möchte, zahlt dafür am Ende 5860 Euro in Paketen. Allerdings ist das eine Investition die sich lohnt. Darin enthalten ist nicht nur der adaptive Parkassistent mit 360-Grad-Kamera, der die Lücke sucht und den Wagen fast immer akkurat einschiebt, sondern auch die adaptive Geschwindigkeitsregelung mit Stauassistent, Spurhalteassistent und ein Totwinkel-Warner, der dank seitlicher Rückfahrüberwachung den Spurwechsel verhindert, wenn sich ein Fahrzeug nähert. Ein Helfer, dessen Arbeit während des Testzeitraums ebenso überzeugen konnte wie der Querverkehrswarner.

Wer natürlich den Begehrlichkeiten freien Lauf lässt, der kann die Summe der Sonderausstattungen ohne Mühe auf 20.000 Euro bringen. Darunter summieren sich dann auch eine beheizte Frontscheibe, WIFI-Hotspot, Klimaautomatik, beheizbare Rücksitze, elektrische Heckklappe, schlüsselloser Zugang, Laderaumschienen oder das Head-up-Display. Allerdings ist das im XF verzichtbar. Zum einen weil die Daten ohnehin im Sichtfeld des Fahrers digital angezeigt werden, zum anderen, weil es qualitativ nicht auf der Höhe der Zeit ist. Nicht nur bei der Konkurrenz, sondern auch in den eigenen Reihen findet man da schon deutlich fortgeschrittene Projektionsformen. Natürlich spart man hier nicht die Welt und viel weniger als die für den Testwagen unterm Strich stehenden 92.000 Euro werden es dann wohl auch nicht.

Was die Preisgestaltung betrifft, geben sich die Briten beim XF ohnehin sehr mutig. Klar, letztlich reiht man sich in die Phalanx der Premiumhersteller ein und verkauft ein durchaus wertiges, in sich sehr sportliches und schlüssiges Auto. Dennoch steht das Geld für den Kunden immer noch an erster Stelle. Ein ähnlich ausgestatteter BMW 530d Touring kostet 90.000 Euro, ein Mercedes E350d T-Modell ist ab 90.200 Euro zu haben, Audi verlangt für seinen A6 Avant 3.0 TDI quattro 87.000 Euro und Volvo will für den V90 Inscription T6 AWD 86.200 Euro. Aber noch mal: Die Ausstattungen sind nicht identisch, sie sind ähnlich. So wie auch die Motorisierungen.

Fazit: Billig fährt im Segment eines Jaguar XF Sportbrake keiner mehr. Wer ein 300-PS-Auto haben will, der muss gerade im Premiumbereich Geld in die Hand nehmen. Wenn man aber in diesem Segment sucht und nicht zwingend an die bekannten Hersteller gebunden ist, dann sollte man der Wildkatze bei einer Probefahrt eine echte Chance geben. Denn dann könnte man anders als das Gros unterwegs sein.

DATENBLATTJaguar XF Sportbrake 3.0 Liter V6
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,95 / 2,09 / 1,47 m
Radstand2,96 m
Leergewicht (DIN)1855 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen565 / 1700 Liter
MotorV6-Zylinder mit 2993 ccm Hubraum
Getriebe8-Gang-AUtomatik von ZF
Systemleistung Verbrennungs- und E-Motor300 PS (221 kW)
KraftstoffartDiesel
AntriebHeckantrieb
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Tankvolumen66 Liter
max. Drehmoment (Systemleistung)700 Nm bei 2000 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h6,6 Sekunden
Normverbrauch (innerorts, außerorts, kombiniert)7,0 / 5,2 / 5,9 Liter
Testverbrauch (kombiniert)8,3 Liter
CO2-Emission kombiniert154 g/km /EU6
Grundpreis67.660 Euro
Preis des Testwagens94.058 Euro

Quelle: n-tv.de